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Ausbildung Der Trend geht zum Mehrfachtalent

23.04.2008 ·  Techniker mit Zusatzqualifikationen sind doppelt gefragt, könnte man glauben. Doch die Statistik bestätigt diese Vermutung nicht. Dennoch wünschen manche Arbeitgeber sich inzwischen sogar noch mehr von den Hochschulabsolventen.

Von Deike Uhtenwoldt
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Was ist die Steigerung von "sehr gefragt"? "Verzweifelt gesucht"! Die Konjunktur verlangte im Boomjahr 2007 besonders nach Ingenieuren und Naturwissenschaftlern sowie nach Betriebswirten und Juristen mit Prädikatsexamen. Was, wenn man zwei der gesuchten Disziplinen zusammennimmt? Stehen dann nicht alle Unternehmenstüren weit offen?

Judith Wüllerich von der Bundesagentur für Arbeit dämpft die Euphorie. "Die Gleichung geht so nicht auf", sagt sie. Die Arbeitsmarktexpertin hat sogleich Zahlen parat: 65 Tage dauere es im Schnitt, bis eine ausgeschriebene sozialversicherungspflichtige Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt besetzt werde. Um die richtigen Elektroingenieure zu finden, brauchen die Unternehmen im Schnitt dagegen 109, für Maschinenbauer sogar 114 Tage. "An den Vakanzzeiten macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar", erklärt Wüllerich. Für die klassische ingenieurwissenschaftliche Doppelqualifikation, die Wirtschaftsingenieure, weist diese Statistik nun allerdings keine längere, sondern eine geringere Maßzahl aus - 86 Tage lang suchen Arbeitgeber im Schnitt nach ihnen.

Keine direkten Rückschlüsse

Vor direkten Rückschlüssen aus diesen Zahlen auf eine Rangliste der ingenieurwissenschaftlichen Qualifikationen jedoch warnen die Experten. Zum einen spielen auch noch viele andere Faktoren eine Rolle dafür, wie schnell Stellen besetzt werden - das angebotene Gehalt natürlich, das Image des Unternehmens und die Attraktivität des Standorts. Zum anderen werden die meisten Doppelqualifikationen und Spezialisierungen in der Statistik der Arbeitsagentur überhaupt nicht erfasst. "Wir zählen nur eine Qualifikation. Für Spezialisierungen wie die Bioverfahrenstechnik ist die Datenbasis zu klein", räumt Judith Wüllerich ein. Eine Ausnahme sind die Wirtschaftsingenieure, weil sie eine quantitativ besonders bedeutende interdisziplinäre Absolventengruppe darstellen. "Ihr Vorteil liegt darin, dass sie sowohl technische Zusammenhänge begreifen als auch volkswirtschaftliche Kenntnisse besitzen", sagt Michael Schwartz, der Pressesprecher des Verbands Deutscher Ingenieure (VDI). "Das ist eine tolle Qualifikation."

Viele Wirtschaftsingenieure landen seiner Erfahrung nach allerdings im Management - und gehen damit für die Technik verloren. Das mag ein Grund dafür sein, warum diese Kombination aus zwei gefragten Disziplinen nicht gleich "verzweifelt gesucht" ist. Der zweite: Das interdisziplinäre Lernen und Denken hat längst auch in viele andere ingenieurwissenschaftliche Studiengänge Einzug gehalten. "Ingenieure arbeiten in Teams, reisen durch die Welt und beraten Kunden und Partner", zählt Schwartz auf. "Der introvertierte Erfinder, der alleine vor sich hin bastelt, das ist ein Vorurteil aus früheren Studiengängen."

Projektfähigkeit, vernetztes Denken

Projektfähigkeit, vernetztes Denken und wenigstens der Besuch einer wirtschaftswissenschaftlichen Vorlesung wird auch von den Studenten des Studiengangs Bioverfahrenstechnik verlangt, wie die Verbindung von Ingenieur-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften seit dem Wintersemester an der Technischen Universität München heißt. Allerdings besteht die Verbindung der drei Disziplinen mehr auf dem Papier als in der Praxis: "Das ist tatsächlich ein integriertes Studium aus Natur- und Ingenieurwissenschaft", sagt Professor Dirk Weuster-Botz. Die Wirtschaftswissenschaften spielten darin nur eine geringe Rolle. "Die Verbindung von Maschinenbau und Naturwissenschaft stellt an sich schon eine große Doppelbelastung dar", rechtfertigt er dies. Nur etwa 5 bis 7 Prozent der Studienanfänger des Fachbereichs entscheiden sich für diese Kombination - häufig mit dem erklärten Ziel, ihre Berufsaussichten zu verbessern. "Ich wollte Chemie studieren", berichtet Weuster-Botz aus seiner eigenen Biographie. "Aber bei einem Schnupperstudium in Karlsruhe habe ich erfahren, dass ich mit Chemieingenieurwesen viel bessere berufliche Perspektiven habe."

Aus Leidenschaft für die Naturwissenschaft und aus Interesse daran, das Erlernte auch anzuwenden, kommen an der Technischen Universität München auf 1000 Studienanfänger im Maschinenbau rund 100 Chemieingenieure, zwei Drittel mit dem Schwerpunkt Biotechnologie. "Wenn sich die weiße Biotechnologie weiter durchsetzt, wird die Nachfrage noch steigen", prognostiziert Weuster-Botz. Mit den Farben Rot, Grün und Weiß bezeichnen Fachleute die unterschiedlichen Sparten der Biotechnologie: Rot steht für die pharmazeutische Produktion, Grün für die Umweltindustrie, Weiß für die chemische Produktion, die eigentliche Biotechnologie. "Die chemische Industrie hat angesichts steigender Rohölpreise die nachwachsenden Rohstoffe für sich entdeckt und sucht jetzt Fachleute, die damit umgehen können", erklärt Professor Roland Ulber. Der Chemiker an der Technischen Universität Kaiserslautern freut sich über das wachsende Interesse, aber er fürchtet auch Studienanfänger mit falschen Vorstellungen: "Wer nur Bio hört, ist hier verkehrt. Man braucht ein gesundes Interesse an allen Naturwissenschaften und sehr gute Mathematikkenntnisse, um das Studium zu bestehen."

Falsche Vorstellungen vom Fach

Falsche Vorstellungen vom Fach führen im Maschinenbau zu hohen Abbrecherquoten von bis zu 50 Prozent. "Das ist im Chemieingenieurwesen nicht viel anders und sehr unwirtschaftlich", sagt Dirk Weuster-Botz. Die Universitäten reagieren darauf, indem sie den Praxisbezug verstärken - die TU München etwa verlangt ein Industriepraktikum als Studienvoraussetzung. So sollen die Studienanfänger rechtzeitig lernen, dass Biologen, Chemiker, Pharmazeuten und Verfahrenstechniker in der Praxis zusammenarbeiten und vernetztes Denken gefragt ist. Zum anderen sollen die neuen Studiengänge eine individuellere Profilbildung erlauben.

"Die Zukunft gehört den interdisziplinären spezialisierten Studiengängen", sagt Markus Finck voraus, der beim VDI das Kompetenzfeld Biotechnologie leitet. Die Bio- und Medizintechnik stehe vor einer besonders guten wirtschaftlichen Entwicklung. Aber auch die Bioinformatik biete sehr gute Berufsaussichten, unter anderem wegen der Einführung des DNA-Ausweises. Insgesamt nehme der IT-Anteil zu. "Gerade die Biotechnologie arbeitet softwaregesteuert", sagt Finck. Allerdings seien die meisten der rund 600 Biotech-Unternehmen in Deutschland klein und abhängig von Investoren. Ingenieure, die hier unterkommen, benötigen mindestens eine Dreifachqualifikation: Technik, Naturwissenschaft und Managementerfahrung. "Die Ingenieure müssen in der Lage sein, über Investoren an Finanzmittel zu kommen, und sehr akquisestark sein." Eier legen und Milch geben allerdings muss er nicht können, der Ingenieur von morgen. Noch nicht.

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