29.07.2008 · Die Finanzkrise dürfte viele Bankmitarbeiter arbeitslos machen. Das trifft vor allem Mitarbeiter ohne Kundenkontakt. Die Gewinner sind Vermögensberater und Risikomanager.
Von Hanno MußlerEs gab schon einmal angenehmere Zeiten, um für eine Bank zu arbeiten. Die von Amerika ausgehende Finanzkrise verlangt seit einem Jahr hohe Wertberichtigungen auf Finanzanlagen, die Kurse der Bankaktien fallen immer tiefer, und die Banken reagieren auf die schwächeren Ertragsaussichten mit Entlassungen - auch in Deutschland. Die Liste der Stellenstreichpläne ist lang: Die Hypo-Vereinsbank in München muss auf Drängen ihrer italienischen Muttergesellschaft Unicredit bis 2011 rund 2500 Stellen abbauen. Die Bayern LB hat vor wenigen Wochen den Abbau von 450 Stellen angekündigt, die West LB in Düsseldorf muss 1500 Arbeitsplätze streichen und die Nassauische Sparkasse in Wiesbaden 175.
Und das ist wohl erst der Anfang. Wird die Dresdner Bank an die Commerzbank verkauft? Dann könnten 16 000 Stellen zur Disposition stehen, befürchtet die Gewerkschaft Verdi. Die geplante Fusion der genossenschaftlichen Zentralbanken DZ und WGZ wird 500 Stellen kosten - das scheint sicher. Und die Sparkassen als Eigentümer der Landesbanken weisen bei jeder Gelegenheit darauf hin, dass es zu viele Landesbanken gebe und diese einer "Redimensionierung" bedürften. Was das heißt, ist klar: Abbau von zigtausend Stellen.
Einstellungsbereitschaft der Banken gehemmt
Die Frage drängt sich auf: Hat der Bankerjob noch Zukunft? Fachleute beginnen die Antwort auf diese Frage oft mit "es kommt darauf an". Klar ist, dass sowohl die Finanzkrise als auch die anstehenden Fusionen die Wechselbereitschaft der Mitarbeiter und die Einstellungsbereitschaft der Banken hemmen. Schließlich würden gerade im Fall von deutschen Lösungen wie einem Zusammengehen von Commerzbank und Dresdner Bank künftig statt zwei Abteilungen für Rechnungswesen, Personal und Marketing jeweils nur noch eine gebraucht.
"Abteilungen, die nicht direkt mit dem Markt und den Kunden zu tun haben, werden kaum zu denen gehören, die künftig wachsen werden", sagt Axel Kehl, der als Vorstandsvorsitzender der Akademie Schloss Montabaur jedes Jahr 1800 Banker auf Fortbildungsseminaren begrüßt. Für Bankmitarbeiter in den Stäben, die für die Vorstände Konzepte entwickeln, sind demnach die Perspektiven eher schlecht. Und für Menschen, die mit der Erfassung und Abwicklung von Zahlungsvorgängen und Wertpapiertransaktionen befasst sind, die zunehmend aus den Banken in zentrale hochtechnisierte Einheiten ausgelagert werden, gibt es schon seit längerem immer weniger Stellen.
„Der Markt ist keineswegs tot“
Ganz anders sieht das Bild in den Abteilungen aus, in denen das Verkaufen von Finanzprodukten ganz weit oben auf der Aufgabenliste steht. Von einer hohen Nachfrage der Banken nach "qualifizierten Vertrieblern" berichten Headhunter, die für Banken von anderen Banken Mitarbeiter abwerben. "Es gibt derzeit nicht so viel Bewegung wie noch im exzellenten Jahr 2007 - aber der Markt ist keineswegs tot, im Gegenteil", sagt Matthias Saenger, Geschäftsführer von Saenger Advisory in Frankfurt. "Gerade um Berater für sehr vermögende Privatkunden im Private Banking und Wealth Management tobt weiterhin ein heißer Kampf unter den Banken." Kajus Rottok, Partner der Unternehmensberatung Ray & Berndtson in Frankfurt, ergänzt: "Wer graue Schläfen und einen Stamm von Kunden mit einem liquiden Vermögen von je 500 000 Euro mit zum neuen Arbeitgeber bringt, ist als Private-Banking-Berater besonders gefragt."
Statt des Kreditersatzgeschäfts, wie gerade Landesbanken-Chefs das Spekulieren an den Finanzmärkten beschönigend nennen, steht eine Hinwendung zum Kunden und seinen Bedürfnissen im Vordergrund. Dabei geht es selbstredend aber nur um ganz reiche Kunden, die möglichst parallel und umfassend als Firmen- und vermögende Privatkunden betreut werden sollen.
Investitionen vor allem ins Marketing
Zur Neugewinnung von Kunden im Retail-Banking, den Otto-Normalverbrauchern, investieren die Banken vor allem ins Marketing, berichtet Personalberater Saenger. In den vergangenen Jahren hätten oft Marketing-Fachleute von außerhalb der Bankenwelt die Werbe- und Öffentlichkeitsauftritte der Banken auf ein neues Niveau gehoben. "Der Trend, dass sich Banken Marketing-Experten aus der Konsumgüterindustrie ins Haus holen, wird sich fortsetzen", sagt Saenger. Wegen des oftmals ausgeprägteren Fachwissens über Cross-Selling-Potentiale und Produktpakete werde von den Banken gerne auch in der Telekommunikationsbranche "gewildert".
Die Finanzkrise hat auch einem Berufsstand zu neuem Ansehen verholfen, der zuvor in den zum Teil offenbar übertrieben renditegierigen Banken einen schweren Stand hatte: "Risikomanager und Risikocontroller, die komplexe Anlageprodukte zerlegen können, sind derzeit sehr gefragt. Und auch für Spezialisten, die sich im Rechnungswesen mit den neuen IFRS-Bilanzregeln auskennen, haben wir mehrere Suchaufträge", berichtet Personalberater Kajus Rottok. Dabei handele es sich in der Regel um Naturwissenschaftler, zumindest aber um analytisch veranlagte Zahlenmenschen. "Für die Karriere eines bisher vielleicht etwas stark akademisch angehauchten Risikomanagers ist es entscheidend, dass er lernt, schwierige Sachverhalte in wenigen Minuten verständlich zusammenzufassen", beschreibt Saenger eine wichtige Anforderung an Bewerber.
Banken geben sich optimistisch
Allen Stellenabbau-Ankündigungen zum Trotz: Die Banken geben sich zur Beschäftigungsentwicklung optimistisch. Dahinter steckt aber sicher auch, dass niemand den Eindruck schrumpfender Unternehmen erwecken will. So sagten nur 12 Prozent der von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young vor kurzem befragten 121 Banken, in ihren Häusern sei ein Beschäftigungsabbau geplant. Vielmehr erwarten 34 Prozent sogar einen Beschäftigungsaufbau.
Ende 2007 hatte zum Beispiel die Deutsche Bank nach Auskunft von Georg Johann Bachmaier, Leiter Nachwuchsrekrutierung für Deutschland und Kontinentaleuropa, in Deutschland mit 27.779 Mitarbeitern fast 1400 Mitarbeiter mehr als ein Jahr zuvor. Auch in der gegenwärtigen Krise hält die Deutsche Bank daran fest, jährlich insgesamt 1100 Hochschulabsolventen, davon 200 in Deutschland, einzustellen. Auch die Commerzbank plant in diesem Jahr, 1000 Nachwuchskräfte einzustellen, vor allem für den Vertrieb im Privatkunden- und Mittelstandsgeschäft. Die DZ Bank hat in diesem Jahr von 250 offenen Stellen im Februar 190 inzwischen besetzt. In der Landesbank Hessen-Thüringen gibt es derzeit 150 Stellen - auch hier überwiegend im Vertrieb Großkunden, in der Vermögensverwaltung und im Immobiliengeschäft. Oder eben bei den Krisengewinnlern im Bereich Rechnungswesen, Controlling und Steuern.
Eine gewisse Ausnahmestellung nimmt der Vermögensmanager Dekabank ein, der sich im Jahr 2006 ein neues Geschäftsmodell gegeben hat. "Seither schieben wir konstant 150 bis 200 offene Stellen vor uns her, die wir nur mit Mühe besetzen können", sagt Personalleiter Oliver Büdel. Im Jahr 2007 seien 100, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 160 neue Kollegen hinzugekommen, so dass die Deka nun 3719 Mitarbeiter habe. "Wir suchen zum Beispiel händeringend Finanzmathematiker, aber auch andere Wirtschaftswissenschaftler, Mathematiker und Naturwissenschaftler, die wir als Spezialisten für Kreditderivate und im Risikocontrolling benötigen", sagt Büdel. Die Akademikerquote, die in der Fondsgesellschaft der Sparkassen rund 50 Prozent betrage, werde weiter steigen.