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Veröffentlicht: 25.09.2007, 00:30 Uhr

Arbeitszeit Wer zuerst geht, der verliert

Bei langer Arbeitszeit geht es nicht immer nur um Effizienz. Bisweilen wird sie auch zum Strategiemittel im Kampf um Anerkennung. Um sich nicht dauerhaft zu überarbeiten, greifen die Mitarbeiter zu Tricks und Schummeleien.

von Anna Loll
© Fotolia Durchhalten, egal wie!

Kernarbeitszeit? Für Führungskräfte und solche, die es werden wollen, ist das ein Fremdwort. 80 Prozent aller deutschen Manager arbeiten mehr als 50 Stunden die Woche, das zeigt eine Kienbaum-Studie zum Thema Work-Life-Balance. Nahezu alle Befragten arbeiten auch am Wochenende. Und was treibt sie an? 57 Prozent nannten als Motiv für ihren Einsatz die Anerkennung, die ihre berufliche Stellung mit sich bringt.

Denn bei langen Arbeitszeiten geht es nicht immer nur um die Erledigung dringender Aufgaben. Extrem viel zu arbeiten hat auch eine symbolische Bedeutung: Präsenz im Büro wird zum Strategiemittel im Kampf um Prestige. "Wer lange arbeitet, ist wichtig", erklärt ein Unternehmensberater, der nicht erkannt werden möchte. Zwar würden auch sachliche Gründe wie Abgabetermine und Teamgeist eine Rolle spielen, abends lang im Büro zu bleiben. Doch abgesehen davon sei es selbstverständlich, nicht vor dem Chef zu gehen. "Wer als Erster geht, verliert", sagt er.

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Mit Effizienz hat so ein Verhalten in der Regel wenig zu tun. "Die gute Leistung ist bald dahin, wenn man keine Pausen macht und auf längere Erholungsphasen verzichtet", meint Norbert Semmer, Professor für Arbeits- und Organisationssoziologie an der Universität Bern. Man sehe dies zwar nicht unbedingt auf den ersten Blick am Output, aber bei genauerem Hinschauen zeigten sich deutliche Qualitätsunterschiede: Chronisch erschöpfte Mitarbeiter treffen Fehlentscheidungen. "Für die meisten Menschen ist es nicht ratsam, dauerhaft mehr als 50 Stunden pro Woche zu arbeiten", warnt der Professor.

Infografik / Manager Arbeitszeit / Helden der Arbeit © F.A.Z. Vergrößern

Mit wichtiger Miene zu spät kommen

Bis zu einem gewissen Grad treibe zwar die Begeisterung für die Arbeit die Leute an. Aber die individuelle Energie sei auch angeboren und habe deshalb ihre Grenzen. Zu ununterbrochener Konzentration sei man nur etwa 30 bis 40 Minuten in der Lage, bei normalen Tätigkeiten falle die Leistungsfähigkeit ab der neunten Stunde deutlich ab. "Routinearbeiten sind auch noch bei Erschöpfung zu erledigen. Auf große Ideen aber kommt man in diesem Zustand selten", sagt Semmer.

Trotz dieser Erkenntnisse unternähmen wenige Führungskräfte Versuche, die Spirale von extrem langer Arbeitszeit und mangelnder Erholung zu durchbrechen, kritisiert der Soziologe. Er beobachtet eine Polarisierung in der Arbeitswelt. Auf der einen Seite arbeiteten viele Menschen weniger als je zuvor. Für viele Führungskräfte aber teile sich der Alltag nur noch in wenige Stunden Schlaf und intensiven Leistungswillen. "Viel zu arbeiten gehört eben einfach zum guten Ton", sagt Viviane Egli, Geschäftsführerin des Kommunikationsunternehmens Primafila mit Sitz in Zürich.

Die 51 Jahre alte Beraterin kennt die Gepflogenheiten nicht nur in der Schweiz, sondern auch in großen deutschen Unternehmen. "Auch wenn es immer mehr Möglichkeiten gibt, seine Arbeit flexibel und frei zu gestalten, scheinen nach wie vor viele Menschen zu glauben, dass sie gesehen werden müssen", sagt sie. Käme jemand mit wichtiger Miene spät zur Sitzung oder bleibe er abends besonders lang, mache er klar, dass er unentbehrlich sei. Umso größer der Betrieb und intransparenter die Arbeit nach außen, desto stärker beobachtet Egli dieses "Großbetriebsgebaren".

Beispiele dafür gibt es viele: Der Vorgesetzte, der am Samstag von seinem Segelflugzeug aus per Mobiltelefon seine Mitarbeiter kontrolliert, um Präsenz zu demonstrieren. Die Sekretärin, die den Sporttermin ihres Bosses als wichtigen Gesprächstermin deckt. Die richtig programmierte Zeitschaltuhr, welche die Schreibtischlampe erst um 20.17 Uhr ausgehen lässt. "Es ist eine kulturelle Sache", sagt ein Werbetexter, für den 70 bis 80 Stunden Wochenarbeit die Regel sind. "Wenn jemand um 19 Uhr nicht mehr da ist, dann nimmt man an, dass er nicht hart arbeitet." Und wenn man sich auf dem Flur treffe, dann sei man immer beschäftigt. Sehr beschäftigt. Sonst könne man schließlich den Eindruck vermitteln, man habe zu wenig zu tun.

Alle denken: „Der ist immer da“

Dieses Verhalten trifft nicht nur auf die Privatwirtschaft zu. Selbst in Universitätskliniken sind lange Arbeitszeiten auch eine Frage des Prestiges. "Präsenz verschafft einem eben Respekt", erklärt ein Arzt in leitender Stellung. "Alle denken dann: Der ist immer da. Der verdient es wirklich, da oben zu sein." Dafür müsse man halt ein bisschen schummeln. Wer das nicht täte, hätte kaum Chancen auf eine gute Stelle. Oder überarbeite sich bis zum Burnout. "Man muss extreme Leistungen erbringen, sonst fällt man durch", sagt der 38 Jahre alte Arzt. Das System funktioniere auf der Basis, dass die Leute alle ehrgeizig seien. Deswegen ließen sie sich ausnutzen. Irgendwann werde man schließlich befördert. Dann könne man es ruhiger angehen. Wie der ihm bekannte Chefarzt, der mittags eine Siesta schläft und dann seine Mitarbeiter tadelnd anschaut, wenn sie pünktlich am Abend gehen.

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