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Arbeitszeit Ackern bis zum Anschlag

 ·  48 Stunden Arbeit in der Woche sind erlaubt - in Ausnahmen sogar mehr. Da geht noch was, finden Ökonomen und Arbeitgeber. Dabei haben Dienstreisen, Geschäftsessen und ständige Erreichbarkeit die Grenze zwischen Beruf und Freizeit längst aufgelöst.

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Ausgerechnet ein Feuerwehrmann hat den kühnsten Träumen mancher Arbeitgeber einen Riegel vorgeschoben. Er klagte erfolgreich gegen die Stadt Halle, die ihm regelmäßig Schichten im Gesamtumfang von 54 Stunden in seinen Wochendienstplan schrieb. 48 Stunden sind genug, entschied der Europäische Gerichtshof dazu vor einigen Tagen gemäß der geltenden Arbeitszeitobergrenze in Europa. Diese Obergrenze wurde eingezogen, um die Gesundheit des Personals zu schützen, erklärt Tim Wißmann, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Köln. Mehr Stunden dürfen es nur vorübergehend sein - und sie müssen auch entsprechend vergütet werden. Das haben die Europarichter unmissverständlich klargestellt.

Dabei sind längere Arbeitszeiten per se nicht einmal gesundheitsschädlich, wie Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, kurz Baua, erklärt. Zwar nehme das Krankheits- und Unfallrisiko oberhalb von 35 Wochenstunden deutlich zu, außerdem gefährde der Dauereinsatz die sozialen Kontakte. Doch dies gelte nicht für alle Vielarbeiter gleichermaßen. „Wer Einfluss auf die Gestaltung der Mehrarbeit nimmt, kann das Gesundheitsrisiko erheblich reduzieren.“

„Für leitende Angestellte gilt die Obergrenze nicht“

Deshalb kennt die europäische Regelung wohl auch eine generelle Ausnahme. „Für leitende Angestellte gilt die Obergrenze nicht“, sagt Arbeitsrechtler Wißmann. Hier habe sich der Gesetzgeber wohl gedacht, dass die Mehrarbeit durch eine entsprechend hohe Vergütung ausgeglichen werde und Führungskräfte zudem über Möglichkeiten verfügten, zusätzliche Arbeit auf Mitarbeiter zu verteilen.

Ob Führungskraft oder einfacher Angestellter: Die Rufe nach längeren Wochenarbeitszeiten werden lauter. Erst vor kurzem hat Michael Hüther, der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, darauf hingewiesen, dass die erlaubten 48 Wochenarbeitsstunden noch viel Spielraum ließen. Dieser müsse stärker ausgeschöpft werden, um angesichts einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung den Bedarf an Arbeitskräften decken zu können, prophezeite Hüther. Viele andere Ökonomen und Wirtschaftsvertreter sehen das ähnlich. Arbeiten die Deutschen zurzeit also zu wenig?

Die Statistik zumindest spricht eine klare Sprache: Auf 35,3 tatsächlich geleistete Wochenstunden kam ein deutscher Arbeitnehmer im vergangenen Jahr im Durchschnitt, Fahrtzeiten und größere Pausen nicht mitgerechnet. Nur für die Niederlande und einige skandinavische Länder weist das europäische Statistikamt Eurostat einen noch niedrigeren Durchschnittswert aus. Allerdings hat in Deutschland der hohe Einsatz der Kurzarbeit die Statistik gerade 2009 stark beeinflusst. Doch auch die Langfristbetrachtung zeigt: Seit Beginn des Jahrzehnts ist die Wochenarbeitszeit in Deutschland - bei hoher Produktivität - um fast drei Stunden gesunken.

Nicht alles, was als Arbeitszeit empfunden wird, ist in der Statistik

Die Statistik ist die eine Sache, der Arbeitsalltag die andere. Denn nicht alles, was als Arbeitszeit empfunden wird, fließt auch in die Berechnungen ein. Arbeitsrechtlich werden etwa Pausen eigentlich gar nicht gezählt, sagt Anwalt Wißmann. Auch Dienstreisen, die in vielen Positionen zum Alltag gehören, werden nicht automatisch komplett anerkannt. „Die Frage ist, wie stark man während der Fahrt beruflich eingespannt ist.“ Kann man im Zug bequem ein Nickerchen machen, steht die Chance eher schlecht. Und das Dinner mit Geschäftsfreunden mag zwar zur Anbahnung neuer Abschlüsse unerlässlich sein, verbucht wird es in der Regel aber als Freizeit.

Längst wird von vielen Beschäftigten somit ein hohes Maß an Flexibilität gefordert, die das Privatleben oft in erheblicher Weise beeinträchtigt. Der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, kombiniert mit neuen Möglichkeiten der Kommunikation, löst die Trennlinie zwischen Freizeit und Beruf auf. Personalmanager halten eigene Kongresse zur „Work-Life-Balance“ ab und erörtern, wie weit die Vermischung gehen soll und darf. Eine Frage, die sich jedoch gerade für viele Berufseinsteiger gar nicht stellt. Für sie gilt: Wer nicht mitzieht, hat keine Chance."Unser Arbeitstag dauert bis acht Uhr abends", sagt beispielsweise Goran Baric, der Geschäftsführer Süddeutschland des Personalvermittlers Michael Page. Das bekomme jeder neue Bewerber auch offen gesagt. Der vergleichsweise späte Feierabend hänge schlicht und ergreifend mit den Geschäftsabläufen zusammen, erklärt Baric, der lange Bürozeiten um des persönlichen Prestiges und der Karriere wegen nach eigener Auskunft für Unfug hält. Aber sein Unternehmen vermittele eben Fach- und Führungskräfte - und die meisten seiner Kandidaten stünden noch in einem festen Arbeitsverhältnis. Liege dann ein passendes Angebot auf dem Tisch, könne der Personalberater den Kandidaten in der Regel nicht direkt bei seinem (Noch-)Arbeitgeber anrufen. Die delikate Angelegenheit werde stattdessen nach Feierabend geklärt. Auch Interviews mit neuen Bewerbern fänden meist erst in den Abendstunden statt. Da kommt ein Berater, die Mittagspausen eingerechnet, schnell auf fünfzig Wochenarbeitsstunden und mehr. "Die Wochenenden sind dafür heilig", sagt Baric.

Wenn das Smartphone nur selten aus ist

Auch der Verdienst ist entsprechend. Berufseinsteiger können die branchenüblichen Anfangsfixgehälter von rund 35.000 Euro in guten Jahren durch Boni verdoppeln, manchmal sogar verdreifachen. Das hängt vom persönlichen Engagement ab. Dass das Smartphone in diesem Geschäft auch nach Dienstschluss nur selten aus ist, versteht sich wiederum fast von selbst: Kommt ein Kunde nicht durch, wechselt er schnell zur Konkurrenz. Und dann ist nicht nur das Geschäft weg, sondern auch noch der persönliche Bonus.

Reinhard Bispinck vom WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung beschreibt solche Phänomene als "Entgrenzungstendenzen". Von ihnen seien nicht mehr nur die Manager in Bank- und Bürotürmen betroffen, sondern auch viele Mitarbeiter in der Industrie, wo die typische "Blaumannarbeit" immer weniger werde. "Man braucht ja heute keine Führungskraft mehr zu sein, um ein Smartphone zu besitzen und ständig seine Mails zu checken", sagt Bispinck. Dabei stufen die Baua-Experten die Geräte sogar als potentiell gesundheitsgefährdend ein: Sie stehen im Verdacht, die für die Regeneration wichtigen Ruhezeiten zu durchlöchern. Denn auch wer am Wochenende nur ein paar Mal in eine leere Mailbox geschaut hat, befindet sich nach Ansicht der Fachleute innerlich nicht wirklich im Entspannungsmodus.

Im vergangenen Sommer hat nun ausgerechnet die Deutsche Telekom, die einen nicht unerheblichen Teil ihres Umsatzes mit iPhone, Blackberry und Co. erwirtschaftet, eine Richtlinie zum "Umgang mit mobilen Arbeitsmitteln außerhalb der Arbeitszeit" beschlossen. Die überraschende Botschaft für die mehr als eine Viertelmillion Mitarbeiter: Wer keinen Bereitschaftsdienst hat, lässt am Wochenende das Handy aus und braucht auch seine E-Mails nicht zu checken. Außer in wirklich dringenden Fällen hat die elektronische Post bis zum nächsten Werktag Zeit. Der Konzern wolle so seinen Mitarbeitern Frei- und Ruheräume garantieren, hieß es seitens des Personalmanagements; der Vorstandsvorsitzende René Obermann selbst unterstütze die Aktion.

Auch die Gewerkschaft will Engagement in der Freizeit nicht verdammen

Ein halbes Jahr später bewertet die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den Vorstoß jedoch eher zurückhaltend. Die Richtlinie sei "eher als Appell zu verstehen", sagt ein Sprecher. "Die Einhaltung wird, soweit wir wissen, nicht kontrolliert." Gleichwohl handele es sich nicht bloß um einen Marketinggag des Unternehmens, um sich für aktuelle und potentielle Mitarbeiter interessant zu machen. "Dieser Beschluss kann einem Mitarbeiter im Konfliktfall den Rücken stärken", räumt der Verdi-Mann ein. Für arbeitsrechtlich belastbar hält er ihn allerdings nicht.

Gänzlich verdammen will übrigens auch die Gewerkschaft ein gewisses Engagement in der Freizeit nicht. "Letztlich", sagt der Sprecher, "muss jeder selbst wissen, ob er sich in der heißen Endphase eines Projekts mit dem Hinweis ins Wochenende verabschiedet, dass das Handy jetzt bis Montag ausbleibt."

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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