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Veröffentlicht: 07.12.2010, 00:05 Uhr

Arbeitszeit Ackern bis zum Anschlag

48 Stunden Arbeit in der Woche sind erlaubt - in Ausnahmen sogar mehr. Da geht noch was, finden Ökonomen und Arbeitgeber. Dabei haben Dienstreisen, Geschäftsessen und ständige Erreichbarkeit die Grenze zwischen Beruf und Freizeit längst aufgelöst.

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© Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Ausgerechnet ein Feuerwehrmann hat den kühnsten Träumen mancher Arbeitgeber einen Riegel vorgeschoben. Er klagte erfolgreich gegen die Stadt Halle, die ihm regelmäßig Schichten im Gesamtumfang von 54 Stunden in seinen Wochendienstplan schrieb. 48 Stunden sind genug, entschied der Europäische Gerichtshof dazu vor einigen Tagen gemäß der geltenden Arbeitszeitobergrenze in Europa. Diese Obergrenze wurde eingezogen, um die Gesundheit des Personals zu schützen, erklärt Tim Wißmann, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Köln. Mehr Stunden dürfen es nur vorübergehend sein - und sie müssen auch entsprechend vergütet werden. Das haben die Europarichter unmissverständlich klargestellt.

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Dabei sind längere Arbeitszeiten per se nicht einmal gesundheitsschädlich, wie Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, kurz Baua, erklärt. Zwar nehme das Krankheits- und Unfallrisiko oberhalb von 35 Wochenstunden deutlich zu, außerdem gefährde der Dauereinsatz die sozialen Kontakte. Doch dies gelte nicht für alle Vielarbeiter gleichermaßen. „Wer Einfluss auf die Gestaltung der Mehrarbeit nimmt, kann das Gesundheitsrisiko erheblich reduzieren.“

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„Für leitende Angestellte gilt die Obergrenze nicht“

Deshalb kennt die europäische Regelung wohl auch eine generelle Ausnahme. „Für leitende Angestellte gilt die Obergrenze nicht“, sagt Arbeitsrechtler Wißmann. Hier habe sich der Gesetzgeber wohl gedacht, dass die Mehrarbeit durch eine entsprechend hohe Vergütung ausgeglichen werde und Führungskräfte zudem über Möglichkeiten verfügten, zusätzliche Arbeit auf Mitarbeiter zu verteilen.

Ob Führungskraft oder einfacher Angestellter: Die Rufe nach längeren Wochenarbeitszeiten werden lauter. Erst vor kurzem hat Michael Hüther, der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, darauf hingewiesen, dass die erlaubten 48 Wochenarbeitsstunden noch viel Spielraum ließen. Dieser müsse stärker ausgeschöpft werden, um angesichts einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung den Bedarf an Arbeitskräften decken zu können, prophezeite Hüther. Viele andere Ökonomen und Wirtschaftsvertreter sehen das ähnlich. Arbeiten die Deutschen zurzeit also zu wenig?

Die Statistik zumindest spricht eine klare Sprache: Auf 35,3 tatsächlich geleistete Wochenstunden kam ein deutscher Arbeitnehmer im vergangenen Jahr im Durchschnitt, Fahrtzeiten und größere Pausen nicht mitgerechnet. Nur für die Niederlande und einige skandinavische Länder weist das europäische Statistikamt Eurostat einen noch niedrigeren Durchschnittswert aus. Allerdings hat in Deutschland der hohe Einsatz der Kurzarbeit die Statistik gerade 2009 stark beeinflusst. Doch auch die Langfristbetrachtung zeigt: Seit Beginn des Jahrzehnts ist die Wochenarbeitszeit in Deutschland - bei hoher Produktivität - um fast drei Stunden gesunken.

Nicht alles, was als Arbeitszeit empfunden wird, ist in der Statistik

Die Statistik ist die eine Sache, der Arbeitsalltag die andere. Denn nicht alles, was als Arbeitszeit empfunden wird, fließt auch in die Berechnungen ein. Arbeitsrechtlich werden etwa Pausen eigentlich gar nicht gezählt, sagt Anwalt Wißmann. Auch Dienstreisen, die in vielen Positionen zum Alltag gehören, werden nicht automatisch komplett anerkannt. „Die Frage ist, wie stark man während der Fahrt beruflich eingespannt ist.“ Kann man im Zug bequem ein Nickerchen machen, steht die Chance eher schlecht. Und das Dinner mit Geschäftsfreunden mag zwar zur Anbahnung neuer Abschlüsse unerlässlich sein, verbucht wird es in der Regel aber als Freizeit.

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