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Arbeitstitel Das Heer der ersten Offiziere

10.12.2007 ·  CIO, CHRO, CMO, CTO - kein Geschäftsfeld kommt heute ohne eigenen Chief aus. Was die Häuptlinge tun, weiß kaum einer. Der neueste Schrei ist der Chief Risk Officer.

Von Julia Löhr
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Andreas Berens ist es gewohnt, dass Geschäftspartner schmunzeln, wenn sie seine Berufsbezeichnung hören: Chief Total Work Officer nennt sich der Manager der Düsseldorfer Werbeagentur BBDO. "Chief was?" lautet die übliche Reaktion. Berens erklärt dann geduldig, was es mit dem Begriff auf sich hat. Dass sich die Agentur bereits vor geraumer Zeit ein Konzept namens Total Work verpasst hat. Dass es nicht mehr reicht, sich Anzeigen und TV-Spots auszudenken. Dass eine Werbeagentur heute den gesamten Kommunikationsprozess gestalten muss, vom Definieren der Ziele bis zur Werbeaktion im Supermarkt. Und dass es seine Aufgabe ist, die Impulse dafür zu geben. Der Chief Total Work Officer gibt zu, dass auch er gestutzt hat, als er die Bezeichnung zum ersten Mal hörte. Inzwischen sieht der Manager den ausgefallenen Titel aber positiv: "So kommt man schnell mit anderen Menschen ins Gespräch."

Wie Berens schmücken sich inzwischen viele Führungskräfte mit einem Chief-Titel - übersetzt heißt das nichts anderes als Chef. Die Bezeichnungen kommen aus dem Angelsächsischen. Nicht alle Chiefs sind auf Vorstandsebene angesiedelt, auch Bereichsleiter nennen sich zuweilen so. Und nicht alle klingen so ungewöhnlich wie der Chief Total Work Officer. Der Chief Executive Officer (CEO) ist in der Wirtschaft hierzulande längst ebenso gang und gäbe wie der Chief Financial Officer (CFO). Im Fokus stehen derzeit jedoch besonders die Chief Risk Officers, kurz CROs. Die Finanzkrise hat die Risikomanager speziell in den verschiedenen Banken in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Erst vor wenigen Wochen ersetzte die Citigroup ihren bisherigen CRO Dave Bushnell durch Jorge Bermudez, eine Reaktion auf die hohen Abschreibungen infolge der Turbulenzen am amerikanischen Immobilienmarkt.

Die Tücken von Basel II und „Sarbox“

Banken und Versicherungsgesellschaften beschäftigen zwar schon seit längerer Zeit Risikomanager - der Umgang mit Gefahren gehört schließlich zu ihrem Kerngeschäft. In der Vergangenheit waren die entsprechenden Abteilungen jedoch häufig dem CEO unterstellt oder der CFO hat diese Aufgaben mit erledigt. "Die ersten Kreditinstitute haben die Position des CRO vor fünf Jahren eingeführt", erinnert sich Max Scholz, Financial-Services-Experte der Managementberatung Kienbaum. Auslöser waren Vorschriften wie Basel II, das die Eigenkapitalausstattung regelt, und der Sarbanes-Oxley-Act, der die Veröffentlichungspflichten von Unternehmen regelt.

Auch die Globalisierung trägt ihren Teil dazu bei, dass CROs immer wichtiger werden. Sie hat die Risiken vervielfacht, denen ein Unternehmen ausgesetzt ist. Ob Markt- oder Währungs-, Liquiditäts- oder Klimarisiken - das Managen aller möglichen Gefahren ist heute ein Fulltime-Job. So kommt es, dass der CRO aus seiner einst defensiven Rolle in eine strategische Rolle hineinwächst. "Die Wertschätzung steigt", sagt Stephan Füchtner, Managing Partner der Personalberatung Gemini Executive Search. "Der Trend geht dahin, das Risikomanagement auf der obersten Führungsebene anzusiedeln."

Das Risiko treibt die Gehälter

Die steigende Bedeutung des Risikomanagements spiegelt sich am Arbeitsmarkt wider. "Das Angebot an Kandidaten ist gleichgeblieben, die Nachfrage ist größer geworden", sagt Füchtner. Seiner Einschätzung nach zeichnet einen guten Risikomanager unter anderem sein mathematisches Verständnis aus. Auch kommunikative Fähigkeiten seien in einer solchen Funktion von großer Bedeutung. Und natürlich Erfahrung im Risikomanagement. Beliebt sind beispielsweise Partner von Strategieberatungen, die sich bereits mit Basel-II-Projekten und ähnlichen Themen auseinandergesetzt haben.

Auch Rolf Stokburger, Managing Partner von Boyden Executive Search, erlebt in seiner täglichen Arbeit, dass die Suche nach Risikomanagern mühsam ist - nicht nur auf der ersten Führungsebene, sondern auch darunter. "Die Nachfrage der Kunden steigt, weil die Märkte zunehmend komplexer werden." Das treibe die Gehälter. Vor fünf Jahren hätten Risikomanager zwischen 200.000 und 300.000 Euro verdient, heute seien es je nach Alter und Erfahrung zwischen 250.000 und 450.000 Euro. Stokburger geht davon aus, dass CROs in Zukunft nicht mehr allein in Banken und Versicherungen zu finden sind, sondern auch jenseits des Finanzsektors. "Auch ein Industriemanager muss zunehmend mit komplexen Risiken umgehen können."

Wie sich die Bedeutung anderer Chiefs entwickeln wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während Stokburger zum Beispiel dem Chief Marketing Officer (CMO) eine glänzende Zukunft voraussagt, zeigt sich Gemini-Partner Füchtner skeptisch, ob sich dieser Begriff in Deutschland durchsetzen wird. Er gehe aber davon aus, dass der Chief Information Officer (CIO) an Bedeutung gewinnt, weil die Vernetzung des Geschäfts mit der IT-Landschaft strategisch immer wichtiger werde. Kienbaum-Mann Scholz wiederum verweist darauf, dass die Pflege der IT-Landschaft ein beliebtes Auslagerungsobjekt ist, was die Bedeutung des CIO eher schmälere.

Chief-Titel klingen einfach besser

In einem sind sich die Berater jedoch einig: Von einem Chief Human Resources Officer (CHRO) dürfte in Zukunft häufiger zu hören und zu lesen sein. Was bislang oft in den Aufgabenbereich des CEO fällt und als "Nice-to-have" abgetan wird, wird in Zeiten des demographischen Wandels zum "Must-have" und verlangt nach einem eigenen Kopf. "Verschiedene Häuser denken darüber nach", sagt Scholz mit Blick auf die Finanzinstitute, ohne Namen zu nennen. Er schätzt, dass sich die Position des CHRO in zwei bis drei Jahren auf breiter Front durchsetzen wird. In anderen Branchen gibt es ihn vereinzelt schon, Matthias Malessa etwa ist CHRO von Adidas.

Die Inflation der Chief-Titel sehen die Berater gelassen. "Natürlich ist vieles davon alter Wein in neuen Schläuchen", sagt Gemini-Experte Füchtner. Aber es klinge so nun mal besser. Moderner. Dynamischer. Nicht so sehr nach Verwaltung. Als Beispiel nennt er den Chief Operating Officer (COO). "Wer will schon gerne Tagesgeschäftschef heißen?", fragt Füchtner. "Das klingt doch fürchterlich." Er hat die Erfahrung gemacht, dass Kandidaten für eine bestimmte Position die C-Titel schätzen. Das Schöne an den Begriffen sei, dass sie sich relativ frei mit Inhalten füllen ließen. Aber Füchtner weiß auch: "Die Wirtschaft würde auch ohne die Chief-Titel überleben."

Das Abc der Chief-Titel

Der Chief Executive Officer ist längst auch in Deutschland die gebräuchliche Bezeichnung für den Vorstandsvorsitzenden eines Unternehmens.

Der Chief Financial Officer hieß früher kaufmännischer Leiter oder Finanzvorstand. Ein außergewöhnlich junger CFO ist der 34-jährige Marc Heß von der Postbank.

Aufgabe des Chief Information Officers ist es, durch den Einsatz von Informationstechnologie neue Geschäftsfelder zu erschließen und bestehende auszubauen.

Der Chief Knowledge Officer legt im Gegensatz zum CIO den Schwerpunkt darauf, das Wissensmanagement im Unternehmen voranzutreiben.

Der Chief Marketing Officer leitet die Marketing- und Vertriebsaktivitäten und den Vertrieb. Für seine Arbeit ausgezeichnet wurde kürzlich Bionade-CMO Wolfgang Blum.

Der Chief Operating Officer ist derjenige, der das operative Geschäft des Unternehmens betreut - also das Tagesgeschäft und den Kundenservice.

Der Chief Risk Officer analysiert Gefahren, mit denen ein Unternehmen fertig werden muss. Vor allem in der Finanzbranche ist er gefragt.

Der Chief Technology Officer hat die technischen Aspekte im Blick. Er kümmert sich darum, dass die IT-Landschaft immer auf dem neuesten Stand ist.

Der Chief Visionary Officer ist bislang selten. Geprägt haben den Begriff des Chef-Visionärs Tim Roberts von der Broadband Investment Group und Bill Gates von Microsoft.

Quelle: F.A.Z., 08.12.2007, Nr. 286 / Seite C4
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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