Home
http://www.faz.net/-gym-121it
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arbeitssprache Deutsch Klartext tut gut

 ·  Das Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch, jahrelang unvermeidbar unter Managern, ist auf dem Rückzug. Viele Unternehmen haben eingesehen: Wer sich nicht versteht, macht auch keine Geschäfte.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)

Der Tiefpunkt? „Das war das Jahr 2000.“ Wenn Reiner Pogarell von Krisen spricht, dann interessieren ihn nicht Bilanzen und Aktienkurse – sondern die Sprache, in der über sie geredet wird. „Wenn ein deutsches Unternehmen mit 10.000 Mitarbeitern damals ein Werk in Tschechien mit 200 Mitarbeitern gekauft hat, dann wurde deshalb Englisch zur Arbeitssprache auf allen Ebenen erklärt“, berichtet Pogarell, der mit seinem Paderborner „Institut für Betriebslinguistik“ seit 20 Jahren Unternehmen in Sprachfragen berät. „Das galt als modern. Was für eine Eselei!“ In den Konferenzen verstummten fortan die Fachkräfte, weil ihnen die passenden englischen Wörter für ihr Expertenwissen fehlten. Die logische Konsequenz, sagt Pogarell: „Die Plapperer haben alles an sich gerissen.“

Ob solche Beobachtungen nur unterhaltsame Anekdoten sind oder ob sie auf handfeste unternehmerische Fehlentscheidungen hinweisen, das will nun der Dortmunder Wirtschafts- und Sozialstatistiker Walter Krämer untersuchen. Der Professor, zugleich Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache, hat eine Diplomarbeit ausgeschrieben, in der die Entwicklung von Aktienkursen und Unternehmenswerten an Entscheidungen über die Konzernsprache gekoppelt werden soll.

Daimler contra Porsche

Krämers bevorzugtes Indiz für den dahinterstehenden Verdacht stammt aus der Autobranche: Von 1999 bis 2003 nahm seinen Berechnungen zufolge der Börsenwert des damals neu geschmiedeten, inzwischen schon wieder zerbrochenen Daimler-Chrysler-Konzerns um 30 Milliarden Euro ab, während der Wert von Porsche um mehrere hundert Millionen Euro zunahm. „Vielleicht war das kein Zufall“, mutmaßt Krämer. Die Zuffenhausener hätten stets an der Arbeitssprache Deutsch festgehalten, die Stuttgarter dagegen 1999 mit Rücksicht auf die neuen Kollegen in Detroit und um der Globalisierung willen ihre Konzernsprache auf Englisch umgestellt.

Auch Deutsche Bank und SAP haben Englisch zur Firmensprache erhoben. Anders sieht es bei Siemens aus. Dort lautet die offizielle Sprachregelung, dass es keine offizielle Firmensprache gibt. Englisch ist aber auch in dem Münchner Elektronik- und Industriekonzern weit verbreitet. Der Vorstand tagt auf Englisch, und auch auf der „Siemens Business Conference“, zu der jedes Jahr im Oktober 600 Siemens-Manager zusammenkommen, wird Englisch gesprochen. Wie sich das auf den Arbeitsalltag auswirkt, illustriert Walter Krämer mit einem Zitat aus dem Brief eines Siemens-Beschäftigten an den Verein Deutsche Sprache. „Interne Publikationen, Dienstanweisungen und Werbedrucke werden in einem Sprachmischmasch-Kauderwelsch angeboten“, heißt es darin. „Im Endeffekt weiß man gar nicht mehr richtig, was ist jetzt eigentlich von dir verlangt, worauf sollst du achten.“

Missverständliches Kauderwelsch

Wie missverständlich Kauderwelsch sein kann, hat eine Studie der Kölner Markenberatung Endmark belegt. Miserabel waren die Verständnisquoten, kurios die Fehlübersetzungen englischer Werbebotschaften in Deutschland. Darauf haben viele Unternehmen in ihrer Außendarstellung reagiert. Statt „Come in and find out“ wirbt die Parfümeriekette Douglas seither mit „Macht das Leben schöner“, der Fernsehsender Sat 1 hat „Powered by emotions“ mit „Ich drück dich“ ersetzt, bei Audi heißt es „Vorsprung durch Technik“ statt „Driven by instinct“.

Dass es um das sprachliche Innenleben auf vielen Führungsetagen trotzdem noch dürftig bestellt ist, weiß Lisa Walgenbach aus eigener Anschauung. Seit 13 Jahren bietet sie unternehmensinterne Seminare für besseres Deutsch an. „Das funktioniert aber oft nur unter dem Deckmäntelchen der Rechtschreibreform“, sagt sie. Sonst würde sich kaum jemand anmelden, vermutet sie – weil kein Manager gerne zugibt, Probleme mit der ganz gewöhnlichen Groß- und Kleinschreibung, mit Anglizismen und der eigenen Verständlichkeit zu haben. „Dabei habe ich in Selbstdarstellungsbroschüren schon bis zu 17 Rechtschreibfehler auf einer einzigen Seite entdeckt“, berichtet sie. „Und im Alltag kommen manche kaum in Kontakt mit normalen Menschen. Dadurch verlieren sie aus den Augen, wie überfrachtet mit ,private equity‘, ,human resources‘ und ,shareholder value‘ ihr Deutsch ist.“

Franzose als Verfechter der deutschen Sprache

Olivier Lemaitre registriert solche Gewohnheiten aufmerksam. Er ist ein äußerst bewusster Verfechter der deutschen Sprache – was für einen gebürtigen Franzosen, der für den britischen Personaldienstleister Michael Page arbeitet, nicht gerade naheliegt. Er könnte guten Gewissens der französischen oder englischen Sprache frönen. Doch Lemaitre, der Leiter von Michael Page Deutschland, spricht Deutsch, wann immer man ihn lässt. „Das ist auch eine Frage des Respekts gegenüber unseren überwiegend deutschen Mitarbeitern und dem Land, in dem ich lebe.“ Mitunter führt das zu skurrilen Situationen. Neulich hat Lemaitre einem Taxifahrer auf Deutsch, wenngleich mit unüberhörbarem französischen Akzent, sein Ziel genannt. Der antwortete ihm prompt auf Englisch. Und die Lufthansa-Mitarbeiterin am Frankfurter Flughafen teilte „Mister Lemaitre“ nach seinem Sprint zum Flugsteig ohne sprachliches Abtasten umgehend mit: „Sorry, the gate is closed.“

Als Personalvermittler schätzt Lemaitre zwar die Selbstverständlichkeit, mit der in Deutschland zuweilen Englisch gesprochen wird. Das erleichtere ihm die Arbeit ungemein. „Ab dem mittleren Management gibt es kaum noch jemanden, der nicht perfekt Englisch spricht.“ Und doch wundert er sich ein wenig über den Fremdspracheneifer. „Die Deutschen benutzen auch in Gesprächen auf Deutsch viele englische Wörter.“ In Frankreich sei so etwas undenkbar.

Dort, im Heimatland des staatlich gelenkten Sprachpurismus, garantiert sogar das Arbeitsgesetzbuch, dass Franzosen an ihrem Arbeitsplatz ihre Muttersprache benutzen können. Auch alle nötigen Dokumente müssen übersetzt werden. In den Ohren mancher deutscher Gewerkschafter klingt das nach einer vorbildlichen Lösung; bei der IG BCE etwa stand das Thema schon auf der Tagesordnung, wird aber noch geprüft. Ob sich davon allerdings auch die Unternehmensberater und Finanzexperten beeindrucken lassen werden, denen das Business-Denglisch schon in Fleisch und Blut übergegangen ist?

Nicht mit einem Gesetz, sondern mit einer vor anderthalb Jahren gedruckten eigenen Stilfibel hat die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young auf die heftigsten Auswüchse reagiert. Außerdem bringt Claudia Siedenbiedel aus der Kommunikationsabteilung unter dem Seminartitel „Schöner schreiben – Regeln für eine klare Sprache“ ihren Kollegen bei, welche Alternativen es zum „committen“ und „canceln“ gibt, zum „driver seat“ und zum „bottleneck“ in einem Projekt. Drei Stunden dauern die Kurse, rund 20 davon hat sie bisher in den verschiedenen Niederlassungen der Gesellschaft gegeben. „Den Kampf gegen die allzu häufige Verwendung von ,industry‘ statt ,Branche‘ haben wir fast schon gewonnen“, nennt sie einen der so errungenen kleinen Erfolge.

Wird davon auch die Bilanz ihres Unternehmens profitieren? Noch sind solche Zusammenhänge nur Spekulation. Aber offenbar gibt es für sie inzwischen sogar auf der Chefetage der Deutschen Bank aufgeschlossene Empfänger. Als deren aus der Schweiz stammender Vorstandsvorsitzender Josef Ackermann in der vergangenen Woche die Jahresbilanz des Instituts vorlegte, trauten seine Zuhörer kaum ihren Ohren. Ackermann, dem sonst das Englische fast schon geläufiger von der Zunge zu fließen schien als seine Muttersprache, antwortete den in Frankfurt versammelten Journalisten aus aller Welt hartnäckig auf Deutsch. „Wir heißen Deutsche Bank und sind Teil von Deutschland“, sagte er dazu. Da hatte er gerade einen Verlust von 3,9 Milliarden Euro bekanntgegeben, den Tiefpunkt seit Ackermanns Antritt vor rund sieben Jahren. Vielleicht gehört ja auch ein neues Sprachbewusstsein zu seiner Strategie für bessere Zeiten.

Sprache per Gesetz

In Frankreich regelt ein Gesetz den Gebrauch der französischen Sprache im Berufsleben. Es wird „Loi Toubon“ genannt und trat am 4. August 1994 in Kraft. Laut diesem Gesetz können Franzosen verlangen, dass an ihrem Arbeitsplatz Französisch gesprochen wird. Außerdem müssen demnach auch alle wichtigen Unterlagen auf Französisch verfasst werden. Dennoch halten viele französische Unternehmen, die auf der ganzen Welt Filialen haben, dieses Gesetz nicht ein: Die englische Sprache wird dort mehr und mehr verwendet. Und oft werden die von den Arbeitnehmern benutzten Dokumente und Software-Programme nicht ins Französische übersetzt. Deshalb haben die Gewerkschaften schon einige Firmenchefs verklagt, und in mehreren Fällen

haben die Richter zu ihren Gunsten entschieden. Am 6. Mai 2008 etwa verurteilte das „Tribunal de grande instance de

Paris“ das IT-Unternehmen Nextiraone France dazu, seinen Beschäftigten eine französische Version eines Software-Programms zur Verfügung zu stellen. Seit

diesem Januar können die Arbeitnehmer nun entweder wie bislang die Urversion des Software-Programms oder eine französische Fassung benutzen. (revy.)

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge