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Arbeitsort Osnabrück Eine Stadt putzt sich raus

Osnabrück ist der Inbegriff des Mittelmaßes, doch damit soll jetzt Schluss sein. Besonders auf die vielen Absolventen technischer Studiengänge hat es die Stadt abgesehen. Sie sollen bleiben. Teil 2 der Serie über unsere Lieblings-Arbeitsorte in Deutschland.

© Daniel Pilar / F.A.Z. Vergrößern Das Wahrzeichen Osnabrücks: Schloss mit Schlosspark

Die Bohrmaschinen kreischen, die Schleifmaschinen dröhnen. Sonja Ende stapft mit Absatzschuhen und Hosenanzug durch den Rohbau am Fuße des Westerbergs in Osnabrück. Oben baumeln Kabel von der Decke, unten wirbeln Staubwölkchen um ihre Füße. Bauarbeiter mit Plastikhelmen eilen die Treppen auf und ab und setzen Metallschienen für Zwischenwände in die Stockwerke aus Beton. Sonja Ende fährt sich durch die blonden Haare und guckt kritisch über das lärmende, staubende Gewimmel. Schon im Februar oder März sollen hier auf drei Stockwerken und der Fläche eines halben Fußballplatzes die ersten Mieter einziehen. Auf dem ehemaligen Kasernengelände nahe der Universität stampft die Stadt ein Zentrum für junge Firmengründer aus dem Boden. Internetfreaks und Technikspezialisten sollen hier den nötigen Platz bekommen, um ihre Ideen zu Geld zu machen. Die Bauarbeiten sind voll im Zeitplan, die Kosten sind bislang sogar etwas unter der angepeilten Summe geblieben. Jetzt müssen nur noch die Mieter kommen.

Sonja Ende ist 38 Jahre alt und leitet seit April die Wirtschaftsförderung in der viertgrößten Stadt Niedersachsens. Damit ist die vierfache Mutter auch für das neue Gründerzentrum verantwortlich, das zurzeit einen großen Teil ihrer Arbeitszeit in Anspruch nimmt. Nun muss sie über Dinge entscheiden, die ihr bislang völlig fremd waren. Zum Beispiel: Wie richtet man ein Gebäude für technikverliebte Nerds ein? Erst kürzlich hat sie darüber mit jemandem gesprochen, der schon auf seinen Platz im neuen Haus wartet. Ende schlug ihm vor, in den geplanten Gemeinschaftsräumen ab und zu Kunst auszustellen. Dann könnte das Gebäude ein Treffpunkt für interessierte Bürger aus der ganzen Stadt werden. Darüber konnte der Gesprächspartner aber nur müde lächeln. Besser seien lange Nächte, in denen man gemeinsam die amerikanische Fernsehserie „The Big Bang Theory“ schaue, sagte er. Darin geht es um junge Physiker, die mit ihrem Ruf als Sonderlinge und Fachidioten kämpfen und deshalb keine Mädchen abbekommen. Sonja Ende will das nicht als Spinnerei abtun, kann sich aber ein Lachen nicht verkneifen. Man müsse die Zielgruppe halt dort abholen, wo sie stehe, sagt sie diplomatisch.




Dass Osnabrück sich mit solchen Themen befasst, zeigt, wie stark sich die Stadt verändert hat. Die mit rund 160.000 Einwohnern eher kleine Stadt im westlichen Niedersachsen ist offener und freundlicher geworden. Sie will für junge Leute attraktiver werden, die Absolventen technischer Studiengänge stärker am Standort halten und für mehr Lebensqualität sorgen. Das ist auch bitter nötig, denn der Ort gilt als Inbegriff des Mittelmaßes. Der Fußballverein VfL Osnabrück kämpft mit Finanzproblemen und krebst in der dritten Liga herum. Wie in vielen Teilen Deutschlands altert die Bevölkerung, und die Zahl der Einwohner sinkt. Deshalb legt sich die Stadt schon seit Jahren kräftig ins Zeug, um die Anziehungskraft zu erhöhen.

Die früher wenig ansehnliche Innenstadt hat ein komplett neues Gesicht bekommen und zieht jeden Monat Hunderttausende Besucher aus dem Umland in das Zentrum. Schäbige Ecken rund um die Fußgängerzone zwischen Neumarkt und Dom sind verschwunden. Neue Läden und Lokale haben sich dort angesiedelt, etwa das Restaurant Saro am Adolf-Reichwein-Platz, wo es sehr gute Tapas gibt. Auch die Altstadt hat sich gemacht. Nachtschwärmer zieht es dort in die Kneipen „Zwiebel und Peitsche“, zur Blues-Session in die Lagerhalle oder auch in frühen Morgenstunden noch auf ein Brötchen mit Pfeffersteak in die „Grüne Gans“. Rund um den alten Güterbahnhof haben sich etliche Clubs angesiedelt, etwa das „Stellwerk“, die „Kleine Freiheit“ oder „Five Elements“. In die Edeldiskothek „Alando“ nahe der Innenstadt strömen an jedem Wochenende Tausende Besucher aus ganz Niedersachsen.

Gut leben in Osnabrück -  ein Stadtportrait mit Alltagszenen mit und neben den touristischen Attraktionen Sonja Ende im neuen Gründerzetrum. © Daniel Pilar / F.A.Z. Bilderstrecke 

Das bedeutet nicht, dass alles in bester Ordnung wäre. Die Stadtfinanzen sind marode. Rund 400 Millionen Euro Schulden lasten auf der Kommune. Auch deshalb liegt der Gewerbesteuersatz leicht über dem Durchschnitt im Bundesland. Die meisten Unternehmen sind dennoch mit ihrem Standort im Reinen. In Studien zur Wirtschaftsfreundlichkeit rangiert Osnabrück im bundesweiten Vergleich ganz vorne. Unternehmer schätzen den kurzen Draht in die Stadtverwaltung. Untersuchungen bescheinigen den kommunalen Behörden eine vergleichsweise hohe Geschwindigkeit und Effizienz. Wer sich dort ansiedeln möchte, kann das zu relativ geringen Kosten tun.

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Veröffentlicht: 17.07.2013, 17:48 Uhr