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Veröffentlicht: 15.08.2013, 17:11 Uhr

Arbeitsort Darmstadt Hoch hinaus auf den zweiten Blick

Darmstadts Lage zwischen Frankfurt und dem Odenwald lockt nicht nur Berufstätige an. Der Jugendstil blüht, und die Stadt erfindet sich immer wieder neu. Teil 7 der Serie über unsere Lieblings-Arbeitsorte in Deutschland.

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© Helmut Fricke / F.A.Z. Darmstadt ist vielfältig und besonders schön bei blauem Himmel. Hier im Bild: Der Hochzeitsturm.

Wie soll man sich dieser Stadt nur nähern? Von Norden aus Frankfurt. Dann wirkt Darmstadt zunächst wie eine Reihe typisch hessischer Dörfer. Langgestreckt, eng, eher rumplige Dorfstraßen. Oder besser wie die meisten Besucher von Westen, von der Autobahn? Dann geht es kilometerlang durch eine trübe Vorortlandschaft: Gleisanlagen, Gewerbe, Hotels, Verwaltungsgebäude. Man kann sich für eine Stadt, die internationale Fachkräfte braucht, einen besseren Einstieg vorstellen. Kürzlich bot der Pharmahersteller Merck ein Wochenendseminar an für Beschäftige eines übernommenen Konkurrenten. Ihnen sollte ein Wechsel schmackhaft gemacht werden - von Genf nach Darmstadt. Da kommt es nicht nur auf Bezahlung und Arbeitsstätte an, auch der erste Eindruck zählt. In dieser Hinsicht musste sich Darmstadt einst gar nicht verstecken. Ein Tor zur Stadt war die Mollerstadt. Representative Wohngebäude, benannt nach ihrem Erbauer, der auch manches andere für die Landgrafen in der damaligen Landeshauptstadt Hessens entworfen hatte. Die Residenzstadt war einmal ein Kleinod der Städteplanung. Auch im Zweiten Weltkrieg blieb sie lange unversehrt, bis ein britischer Bombenangriff Darmstadt in der Nacht auf den 12. September 1944 fast vollständig in Schutt und Asche legte. Etwa ein Zehntel der Bevölkerung kam damals binnen weniger Stunden ums Leben.

Ziel des Wiederaufbaus war es nie, den alten Glanz wiederherzustellen. Es musste schnell, funktionell und kostengünstig gebaut werden - und das ist der Stadt anzusehen. Allerdings ist manche Bausünde nicht dem Krieg geschuldet: Etwa der zerfaserte und chaotisch anmutende Ludwigsplatz oder das angrenzende Einkaufszentrum, das wie ein bruchgelandetes Raumschiff die Innenstadt blockiert.

Andererseits ist aber auch überraschend viel erhalten geblieben, wenngleich anders als früher nicht durch Sichtachsen miteinander verbunden, sondern scheinbar planlos verteilt über das Stadtgebiet. Der Zugereiste braucht deshalb Zeit, um sich für die Stadt zu begeistern, bis er etwa die Parkanlagen der Rosenhöhe per Spaziergang erkundet, bis er die atemberaubende Schönheit der Mathildenhöhe (einer Wiege des Jugendstils) genossen oder bis er es sich im liebevoll restaurierten Jugenstilbad hat gutgehen lassen. Auch das nach dem Krieg gebaute Landestheater lädt zum verweilen ein und hat ein beachtliches Programm zu bieten. „Darmstadt ist eben eine Stadt auf den zweiten Blick“, sagt Oberbürgermeister Jochen Partsch.




Vielleicht ist der günstigste Zugang zu Darmstadt aber auch von oben per Satellitenbild. Von dort fällt sogleich die grüne Umgebung auf. Darmstadt ist von weitläufigen Waldgebieten umgeben, besonders groß im Osten der Stadt, und im Süden ist der Odenwald nah. Dem steht im Norden das nur 35 Kilometer entfernte Frankfurt mit seinem internationalen Flughafen gegenüber. Weg kommt man also immer. Der Blick aus dem All ist allein schon deshalb passend, weil er ohne Darmstadt vielleicht gar nicht möglich wäre. Von hier aus steuert die Europäische Raumfahrtbehörde ESA (European Space Agency) alle europäischen Satelliten. Wenige Meter vom Hauptbahnhof - übrigens im Jugendstil erbaut - ist in einem unscheinbaren Zweckbau das weltweit drittgrößte Kontrollzentrum für Raumfahrten beherbergt. Allein 2000 Beschäftigte aus aller Welt hat die europäische Behörde. In ihrem Umfeld haben sich zudem Dienstleister und Zulieferer der Luft- und Raumfahrt angesiedelt. Schließlich liegt im nahen Griesheim der älteste deutsche Flughafen, und die Stadt ist mit 30 000 Studenten ein Ort der Hochtechnologie und Forschung. Gerade wird im Stadtteil Wixhausen ein Teilchenbeschleuniger gebaut für rund eine Milliarde Euro.

Wie lockt man also Menschen, die hoch hinaus wollen und das in aller Welt könnten, in die hessische Provinz? „Je größer, desto besser - für Städte stimmt das nicht“, sagt Louis Formery. Der Franzose leitet seit kurzer Zeit das Personalwesen der ESA und hat lange in Paris gelebt. „Darmstadt ist eine ideale Kombination.“ Mit seinen rund 150.000 Einwohnern sei es weniger zeitraubend als größeres Städte. Zugleich habe es aber alle erforderliche Infrastruktur, etwa gute, zum Teil international ausgerichtete Schulen, ein reges Kulturleben mit Kunsthalle und Theater sowie genügend potentielle Arbeitgeber für die Angehörigen der ESA-Mitarbeiter. Allein Merck beschäftigt mehr als 9000 Menschen, eine ähnliche Größe hat auch die Telekom, weitere bedeutende Firmen sind die ehemaligen Röhm-Werke, die heute zu Evonik gehören, Wella und die Software AG, Nummer zwei nach SAP in ihrer Branche. Angesichts dieser Möglichkeiten siedelten die meisten ESA-Beschäftigten sich deshalb in Darmstadt und den Dörfern der Umgebung an und nicht etwa in Frankfurt, sagt Formery.

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