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Arbeitsmarkt Mehr Hirn gefragt

12.06.2007 ·  Der Mangel an Fachkräften gefährdet den Aufschwung. Wer ist schuld daran? Carsten Germis hat ein paar Verdächtige gefunden. Den Unternehmen fehlt schon mehr als ein kompletter Ingenieurjahrgang.

Von Carsten Germis
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Der Mangel an Fachkräften gefährdet den Aufschwung. Wer ist schuld daran? Wir haben ein paar Verdächtige gefunden. Den Unternehmen fehlt schon mehr als ein kompletter Ingenieurjahrgang.

1. Die Unternehmen sind schuld

Obwohl sich der Mangel an guten Leuten seit Jahren abgezeichnet hat, haben die Betriebe in den Jahren, in denen die Wirtschaft lahmte, zu wenig ausgebildet. Das ist typisch im Konjunkturzyklus: im Abschwung zu wenig ausbilden, so dass im Aufschwung die Fachleute fehlen. Aber es ist zu kurz gedacht, wie sich jetzt wieder zeigt.

Besonders dreist ist die IT-Branche. Selbst jetzt, da Spezialisten dringend gesucht werden, sinkt in der Informationstechnik die Zahl der Betriebe, die selbst ausbilden. Längst fordert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, es müssten "mehr Unternehmer für Ausbildung gewonnen werden".

2. Die Studenten sind schuld

Schulabgänger in Deutschland machen einen weiten Bogen um Studienfächer wie Informatik oder Ingenieurwissenschaften, obwohl deren Absolventen händeringend gesucht werden. Schon in den konjunkturschwachen Jahren 2002 und 2003 hatte fast jedes zweite Unternehmen Schwierigkeiten, offene Stellen für Ingenieure mit Hochschulabsolventen zu besetzen. Bei Studienfächern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik findet sich Deutschland schon seit langem in der Schlussgruppe der Industrienationen. Und eine Änderung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Der Anteil der Studenten mit ingenieurwissenschaftlichem Abschluss an allen Hochschulabsolventen ist von 23,6 Prozent Mitte der neunziger Jahre auf nur noch 15,9 Prozent gesunken. Aktuelle Studien bestätigen den Trend: Fächer wie Rechts-, Wirtschafts- oder Sprach- und Kulturwissenschaften sind bei Studenten beliebter.

3. Die Frauen sind schuld

Frauen sind hierzulande in den technischen Fächern deutlich schwächer vertreten als in anderen Ländern. Ingenieur-Diplome werden in einem Verhältnis von vier zu eins an männliche Kommilitonen vergeben. In den Sprach- und den Kulturwissenschaften sind dagegen mehr als 85 Prozent der Absolventen weiblich. Ein Blick auf die Neueinschreibungen verrät, dass sich das auch in Zukunft nicht ändert.

4. Die Hochschulen sind schuld

Die Attraktivität von Studiengängen hängt nicht nur von den Berufsaussichten ab, sondern auch von der Art und Weise, wie der Stoff vermittelt wird. Die Ingenieurstudiengänge gelten als spröde und haben überdurchschnittlich hohe Abbrecherquoten. Mancher Professor ist sogar stolz darauf und nimmt das als Beleg für das Niveau seiner Vorlesungen und Seminare. Nun gibt es bereits Hochschulen, die Studenten der Ingenieurstudiengänge die Studiengebühren erlassen. Das weist die Richtung.

5. Die Lehrer sind schuld

Mit der technisch-naturwissenschaftlichen Bildung hapert es bereits in der Schule. Wenn der Fachkräftemangel sich in den kommenden Jahren nicht noch verschärfen soll, muss das Bildungsniveau in Deutschland insgesamt steigen - und es muss insgesamt mehr Studenten geben. In der Bundesrepublik schließt nur jeder Fünfte eines Altersjahrgangs ein Hochschulstudium ab. In Amerika ist es jeder Dritte, in Finnland sind es gar 40 Prozent. Gleichzeitig verlassen hierzulande bald 15 Prozent der männlichen Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. Einen so großen Anteil schlecht ausgebildeter Jugendlicher kann sich Deutschland auf Dauer nicht leisten.

6. Die Politiker sind schuld

Die Politik trägt nicht nur die Verantwortung für Hochschulen und Schulen. Sie kommt zudem noch an einer anderen Stelle als möglicher Schuldiger für den Fachkräftemangel ins Spiel. Sie hat ein Tabu aufgebaut, an dem sie lange nicht zu rütteln gewagt hat: Wenn Deutschland mehr Fachkräfte braucht, als es ausbildet, muss es die Grenzen für qualifizierte Ausländer öffnen. Für die ist es heutzutage nahezu unmöglich, in Deutschland zu arbeiten - weil die Politik die Hürden für die Zuwanderung viel zu hoch gelegt hat.

Wer als ausländischer Student an einer deutschen Universität seinen Abschluss gemacht hat oder wer als gut ausgebildeter Zuwanderer kommt und als Ingenieur bleiben will, muss mindestens 85 000 Euro im Jahr verdienen. Diese Summe erreichen selbst Spitzenkräfte nur selten. Die schlimmsten Bremser sind die Sozialdemokraten: "Es geht nicht, zu sagen: Uns fehlen qualifizierte Leute, macht das Tor auf!" Dieser Satz von Franz Müntefering sagt deutlich, wo die Schuld der Politik am Fachkräftemangel liegt. Die Politik der Abschottung hat dazu geführt, dass gut ausgebildete Fachkräfte aus Osteuropa oder Asien einen weiten Bogen um die Bundesrepublik machen und stattdessen Zuflucht in Ländern suchen, die ihnen Aufstiegschancen geben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.06.2007, Nr. 23 / Seite 44
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Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.

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