04.06.2009 · In Österreich treibt die Rezession immer mehr Menschen in die Kurzarbeit. Fast 61.000 Menschen arbeiteten schon kurz. Doch anders als in Deutschland kann diese Option für die Unternehmen richtig teuer werden.
Von Michaela Seiser, WienIn Österreich treibt die Rezession immer mehr Menschen in die Kurzarbeit. Fast 61.000 Menschen arbeiteten schon kurz, teilte der staatliche Arbeitsmarktservice (AMS) mit. Im vergangenen Herbst waren es erst ein paar hundert. Die EU-Kommission sagt für Österreich ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts von 4 Prozent in diesem Jahr voraus. Erst im Februar wurde die Dauer der Kurzarbeit auf 18 Monate ausgeweitet.
Nach der Entscheidung der deutschen Bundesregierung, die Höchstdauer auf zwei Jahre zu verlängern und die Kosten für die Arbeitgeber weiter zu verringern, steigt der Druck der österreichischen Industrie auf die Regierung im eigenen Land, Kurzarbeit ebenfalls zu vergünstigen: Sowohl die Industriellenvereinigung als auch die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) fordern eine Anpassung an die deutsche Regelung. Die WKÖ hat eine Modellrechnung vorgestellt, wonach bei einem Bruttoentgelt von 2500 Euro im Monat und einer Kurzarbeit von 50 Prozent in Österreich ein Arbeitgeber 500 Euro zusätzlich zahle. In Deutschland hingegen komme ein Arbeitgeber auf 180 Euro. Im Gegensatz zu Deutschland müssen in Österreich Sozialbeiträge für das ausfallende Entgelt zur Gänze von den Unternehmen getragen werden. Zudem gibt es – anders als in Deutschland – eine Beschäftigungsgarantie nach der Kurzarbeit von bis zu vier Monaten.
Wegen der Kosten kommt Kurzarbeit zuweilen nicht in Frage
Ein Unternehmen, das sich in Österreich bisher nicht zur Kurzarbeit entschließen konnte, ist der Stahlverarbeiter Welser Profile. Das mittelständische Unternehmen hat im Vergleich zum Juni des vergangenen Jahres einen um zwei Drittel geschrumpften Auftragsbestand. Es beschäftigt in Österreich gut tausend Mitarbeiter, in Deutschland achthundert. Während es an den deutschen Standorten Kurzarbeit nutzt, kommt für Vorstand Wolfgang Welser dieser Schritt in Österreich wegen der damit verbundenen Kosten nicht in Frage. Wenn das Modell nicht bis zum Sommer an das deutsche angepasst werde, befürchte er eine drastische Entlassungswelle, sagte Welser kürzlich auf einem Seminar der WKÖ. Eine Verdoppelung auf eine halbe Million Erwerbslose wäre dann bis zum nächsten Jahr realistisch. Mit einem verbesserten Kurzarbeitsmodell wären es 100.000 weniger.
In Österreich wird Kurzarbeit immer stärker eingesetzt, um vor allem die starken Auftragsrückgänge in der Industrie ohne zu viele Kündigungen zu überstehen. Den Höhepunkt der Kurzarbeitswelle erwarten Arbeitsmarktexperten im kommenden Sommer. Besonders stark verbreitet ist das Modell in der für Österreich so bedeutenden Autozulieferindustrie. Im größten österreichischen Werk des Autozulieferers Magna in Graz arbeitet jeder zweite der rund 6000 Beschäftigten kurz. Beim Zulieferer Miba ist es fast ein Viertel der in Österreich tätigen 1700 Mitarbeiter.
Noch schönt das Kurzarbeitmodell die Arbeitslosenstatistik. Im Mai waren fast 240.000 Menschen erwerbslos gemeldet. Das ist ein Viertel mehr als im Vorjahr. Innerhalb des Euro-Raums weist Österreich traditionell eine der geringsten Arbeitslosenquoten auf. Sie betrug im ersten Quartal 4,5 Prozent. Dazu trugen bisher neben einem Beschäftigungswachstum eine deutlich ausgeweitete Teilzeitbeschäftigung, ein flexibler Arbeitsmarkt und der intensiv beanspruchte vorzeitige Ruhestand bei. Die EU-Kommission hält in diesem Jahr einen Anstieg der Arbeitslosenquote auf 6 Prozent für möglich. Das wären gut 3 Prozentpunkte weniger als der vorausgesagte Wert für den Euro-Raum. Für österreichische Verhältnisse wäre es allerdings ein Spitzenwert.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
Jüngste Beiträge