22.09.2008 · 144 Tage für die Suche nach einem Gießereiingenieur. Wer den Abschluss einer Universität, Fachhochschule oder Berufsakademie in der Tasche hat, der hat derzeit beste Jobchancen. Doch in einigen Feldern sinkt die Nachfrage.
Von Sven AstheimerDie große Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften hat die Chancen von Akademikern am Arbeitsmarkt noch einmal verbessert. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden in deutschen Printmedien rund 62.500 Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss gesucht, das waren 6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Gesamtmarkt der Stellenanzeigen wuchs im selben Zeitraum nur um etwas mehr als 3 Prozent, wie aus einer Auswertung des Adecco-Stellenindex hervorgeht.
Auch in den Arbeitsagenturen mehrten sich die Anfragen nach Akademikern, wenn auch etwas weniger stark. Zwischen Januar und Juni verzeichnete die Bundesagentur für Arbeit insgesamt knapp 87.000 Anfragen nach Personen mit einem universitären oder einem Fachhochschulabschluss, 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Dagegen ging der gesamte Stellenmarkt der Behörde, also für Akademiker wie für Ungelernte oder Kandidaten mit einer Berufsausbildung, ging in diesem Zeitraum sogar um 8,4 Prozent zurück.
„Keine großen Sorgen machen“
"Die Berufsaussichten von Akademikern haben sich auf einem hohen Niveau noch einmal verbessert", bewertet Judith Wüllerich von der Bundesagentur die Entwicklung. Allerdings habe sich die Nachfrage in einigen Bereichen schon ein wenig abgeschwächt. Dies gelte vor allem für Geisteswissenschaftler, deren berufliche Einsatzfelder im Vergleich zu Medizinern oder Ingenieuren relativ unspezifisch seien. Hier liege der Stellenmarkt wieder auf dem Niveau von 2006, was aber immer noch gut sei. Doch auf Grund des schwierigeren gesamtwirtschaftlichen Umfeldes erwartet Wüllerich, dass die teilweise schwache Nachfrage sich im zweiten Halbjahr nicht verstärkt. "Allzu große Sorgen brauchen sich Akademiker aber vorerst nicht zu machen, "denn sie sind generell deutlich seltener von Arbeitslosigkeit betroffen als Personen mit anderen Abschlüssen oder ohne berufliche Qualifikation."
In den Printmedien wurden am häufigsten Ingenieure gesucht. Rund 25.000 Offerten richteten sich an die verschiedenen Fachrichtungen, was einem Plus gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 2 Prozent entspricht. Etwa halb so groß war der Stellenpool für Betriebswirte (5 Prozent). Die stärksten prozentualen Zuwächse verzeichneten Sozialpädagogen - ihr Markt hat sich verdoppelt -, Psychologen/Psychotherapeuten (34 Prozent) und Informatiker (20,6 Prozent). Nur für zwei Berufsgruppen verschlechterten sich in diesem Zeitraum die Aussichten: Das Angebot für IT-Spezialisten schrumpfte um ein knappes Fünftel, das für Physiker um rund 2 Prozent.
Öffentliche Dienstleister stellen ein
Viele der neuen Stellen wurden von öffentlichen Dienstleistern geschaffen. Laut Wüllerich handelt es sich dabei häufig um Arbeitgeber im Gesundheitswesen, die etwa Pflegekräfte suchen, die neben der fachlichen Qualifikation auch Fähigkeiten im organisatorischen Bereich aufweisen können. Das Angebot wuchs im ersten Halbjahr 2008 um fast ein Viertel auf mehr als 25.000. Auch Unternehmen aus den Fertigungsindustrien, etwa der Metallbranche, hatten einen erhöhten Personalbedarf. In den meisten anderen Wirtschaftszweigen sank dagegen die Nachfrage, besonders stark in den unter der Bankenkrise leidenden Finanzmarktdienstleistungsunternehmen sowie in der Konsumgüterindustrie.
Die vorgesehenen Einsatzgebiete für die Akademiker sind breit gestreut. Ein Viertel der Aufgaben entfällt auf den Bereich "Gesundheit, Forschung, Lehre". Ein knappes Fünftel machen Produktion und Konstruktion aus, ebenso wie Management und Projektleitung. Jeweils mehr als 10 Prozent der Stellen entfallen jeweils auf Funktionen in den Bereichen Finanzen/Verwaltung, IT/Controlling sowie Vertrieb/Marketing.
Das Suchverhalten ändert sich
Für die Suche nach geeigneten Mitarbeitern greifen die Unternehmen auch auf die Arbeitsagenturen zurück. Am häufigsten wurden den Vermittlern in der ersten Jahreshälfte Anfragen nach Sozialarbeitern und -pädagogen gemeldet; der Arbeitsmarkt für diese Akademiker wuchs um 6 Prozent auf mehr als 25.000 Stellen. Deutlich seltener als im Vorjahr wurden die staatlichen Arbeitsvermittler dagegen bei der Suche nach Maschinen- und Fahrzeugbauingenieuren eingeschaltet (minus 17 Prozent).
BA-Expertin Wüllerich wertet diesen Rückgang aber weniger als Indiz für eine generell rückläufige Nachfrage aus diesen Boombranchen als vielmehr für ein geändertes Suchverhalten. Der Verein Deutscher Ingenieure schätzt, dass die Bundesagentur nur für die Besetzung jeder siebten Ingenieursstelle herangezogen wird. Zwar hält Wüllerich diesen Wert für etwas zu niedrig, generell könne man aber schon annehmen, dass in diesem Marktsegment andere Suchwege wie Printanzeigen oder die Direktansprache eine größere Rolle spielten.
Gleiches gelte auch für die Gruppe der Elektroingenieure sowie für Naturwissenschaftler, für die die Stellenzahl im BA-Computersystem gleich um zwei Drittel einbrach. Deutlich gestiegen ist indes die Nachfrage nach Unternehmensberatern, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern und Informatikern. Der stetig wachsende Gesundheitsmarkt verlange zunehmend auch nach Ärzten, Apothekern und Therapeuten.
Warten auf die Ingenieure
Erstmals innerhalb des aktuellen Aufschwungs am Arbeitsmarkt sind die Vakanzzeiten im Halbjahresvergleich - wenn auch leicht - zurückgegangen. Damit messen die Arbeitsmarktforscher die Zeitspanne von der ursprünglich geplanten Besetzung einer Stelle bis zum tatsächlichen Vollzug. Die Vakanzzeit gibt Aufschluss darüber, wie groß der Mangel in den jeweiligen Berufsgruppen tatsächlich ist. Zwischen Januar und Juni dauerte es im Durchschnitt aller Akademikergruppen 93 Tage, bis eine Stelle adäquat besetzt werden konnte. Das waren zwei Tage weniger als im Jahr 2007.
Die Unterschiede waren unter den Fachrichtungen allerdings gewaltig. Die besonders gute Konjunktur etwa in den deutschen Gießereien führte dazu, dass die Arbeitgeber auf Ingenieure mit dieser Spezialqualifikation 144 Tage warten mussten, das war noch einmal eine knappe Woche länger als im Vorjahr. Für Ingenieure insgesamt lag der Durchschnitt bei 105 Tagen. Wesentlich schneller geht es dagegen bei der Suche nach Geisteswissenschaftlern (37 Tage), Naturwissenschaftlern (43), Juristen (45), Lehrern (46), Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern (58) und Unternehmensberatern (61).
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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