20.12.2006 · Noch nie verließen so viele Deutsche ihre Heimat. Arbeiten in Europa oder Übersee wird attraktiver. Bedrohung des Standorts Deutschland oder Normalität der Globalisierung? FAZjob.NET-Spezial.
Von Sven AstheimerDie Botschaft kam an. Als Ludwig-Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, vor dem deutschen Exodus warnte, war das öffentliche Echo groß. Braun hatte erkannt: "Immer mehr junge Leute kehren Deutschland den Rücken." Im vergangenen Jahr meldeten sich fast 150 000 Bürger bei den Behörden ab. Das ist der höchste Wert seit mehr als 50 Jahren. Die britische Zeitschrift "The Economist" las daraus sogleich einen neuen Trend ab und überschrieb ihren Artikel: "Auf Wiedersehen, Fatherland". Hat der Standort Deutschland den Wettbewerb um die Talente von morgen tatsächlich schon verloren? Ist die Zukunft bereits verspielt?
"Es gibt keine holzschnittartigen Antworten auf diese komplizierte Frage", warnt Thomas Straubhaar, der Präsident des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts. In der Tat kehrten 2005 laut Statistischem Bundesamt erstmals seit langem mehr Deutsche ihrer Heimat den Rücken, als ins Land kamen. Und dieser Saldo von 17 000 Personen wird sich im laufenden Jahr nach Einschätzung von Experten verdrei- oder vervierfachen. Allein der bloße Wanderungssaldo sagt aber noch nichts über Alter, Qualifikation und Motive der Emigranten aus, sagt Straubhaar. Ein eingebürgerter Gastarbeiter, der als Rentner in die türkische Heimat zurückkehrt, taucht in der Bilanz ebenso auf wie der deutschstämmige Privatier, der seinen Lebensabend auf Mallorca genießt. Oder ein Au-pair-Mädchen, das nach Madrid geht.
Vom Auslandsaufenthalt zum Dauerzustand
Ökonom Straubhaar macht drei große Gruppen an Abwanderungswilligen aus: Neben den Älteren seien dies Zuwanderer, die nach Osteuropa zurückkehrten, sowie Arbeitsmigranten, welche ihre Zukunft außerhalb Deutschlands suchten. Nur letztere könnten zu einem wirklichen Problem für die deutsche Volkswirtschaft werden. Wobei die Tatsache, daß junge, qualifizierte Deutsche im Ausland Erfahrung sammeln, zunächst einmal überhaupt keinen Grund für Besorgnis darstelle. Im Gegenteil, dies spreche sogar dafür, daß Deutschland in den Prozeß der internationalen Arbeitsteilung eingebunden sei. Ein ganz normaler Prozeß, findet der Schweizer, der deshalb auch von einem "brain exchange" spricht, einem Wissensaustausch zwischen den Nationen. Erst wenn der Auslandsaufenthalt zum Dauerzustand wird und Brücken in die Heimat abgebrochen werden, droht der "brain drain", der Wissensabfluß. "Aber darüber haben wir keine gesicherten Erkenntnisse", sagt Straubhaar. Oft wüßten die Betroffenen vorher selbst nicht, ob es eine Mission mit Rückfahrschein wird oder nicht.
Auch Krankenschwestern sind gefragt
Erkennbar sei lediglich eines: Angesichts von offiziell immer noch fast 4 Millionen Arbeitslosen werden Auslandsmärkte für viele Deutsche immer attraktiver. "Lieber arbeiten im Ausland als arbeitslos zu Hause". Häufig seien die aussortierten Deutschen anderswo gefragt. Nicht nur Ärzte und Ingenieure "made in Germany" stünden anderswo hoch im Kurs, sagt Straubhaar, "auch Krankenschwestern oder Lokführer haben gute Chancen".
So wie die 32 Jahre alte Krankenschwester Inga, die mit ihrer Freundin, der 25 Jahre alten Medienkauffrau Ina, derzeit Auslandspläne schmiedet. Die beiden Frauen aus dem Ruhrgebiet haben sich auf den Weg nach Leipzig gemacht. Von der europäischen Jobmesse "Eureca" erhoffen sie sich Aufschluß über mögliche Gastländer. Beide sind fest entschlossen, ihr Leben um die Perspektive eines längeren, möglicherweise auch unbefristeten Auslandsaufenthaltes zu bereichern. Fehlt nur noch das Zielland.
Gute ausgebildet, keine Sprachbarriere
Von ihrer ursprünglichen Wunschdestination Neuseeland haben sie sich mittlerweile wieder verabschiedet. Denn Inga will ihren Freund sowie ihre Schwester samt Mann und Nachwuchs mitnehmen, da erscheint ein Umzug ans andere Ende der Welt doch etwas mühsam. Deshalb sitzen die Frauen im Leipziger Kubus und hören sich ein Dutzend Beiträge aus Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) an. Die Veranstaltung in Sachsen wird vom Netzwerk European Employment Services (Eures) organisiert, mit dem die EU die Arbeitskräfte des zusammenwachsenden Kontinents mobil machen will. Zu einer kurzen Stippvisite rauscht sogar der zuständige EU-Kommissar Vladimír Spidla heran. Im "Europäischen Jahr der Arbeitnehmermobilität" finden hunderte solcher Jobmessen statt.
Im Foyer herrscht spätestens ab den Mittagsstunden reges Treiben. Die Aussteller buhlen um die Gunst der jungen Besucher. Gesucht wird quasi alles, quer über die Branchen hinweg: Die Touristikunternehmen Aldiana und Club Méditerranée brauchen motiviertes Personal für ihre Ferienclubs. Der Autoverleiher Hertz wirbt um mobile Kaufleute, und Intra-Montage, ein Spezialanbieter für Zeitarbeit aus der Schweiz, nimmt am liebsten deutsche Ingenieure, "weil die so gut ausgebildet sind und es keine Sprachprobleme gibt", erklärt die Mitarbeiterin am Stand mit einem freundlichen Lächeln.
Schweiz und Österreich sind beliebt
Deutschland ist in Eures über die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) eingebunden, die wiederum zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Die ZAV ist zuständig für die Vermittlung von deutschen Arbeitnehmern ins Ausland. Im Jahr 2005 fanden auf diesem Weg fast 11 000 Personen in Europa eine neue Beschäftigung. In Dreiviertel der Fälle handelte es sich um ein längerfristiges Engagement - die absolute Zahl hat sich damit innerhalb von fünf Jahren mehr als vervierfacht. Fast 75 Prozent der Grenzgänger waren vorher arbeitslos gemeldet. Auch Ältere, die es auf dem hiesigen Arbeitsmarkt reichlich schwer haben, stießen auf rege Nachfrage: Mehr als ein Drittel der Vermittelten waren älter als 40 Jahre, annähernd jeder zehnte sogar jenseits der 50. Das begehrteste Ziel ist nach wie vor das deutschsprachige Ausland, wobei sich die Schweiz und Österreich in etwa die Waage halten. Auch die Niederlande stehen hoch im Kurs, mit einigem Abstand folgen Norwegen, Großbritannien und Irland.
Unter den Berufen überragen mit weitem Abstand Tätigkeiten am Bau. Neben Beschäftigten im Hotel- und Gaststättengewerbe sind vor allem deutsche Fachkräfte gefragt: Feinblechner, Installateure, Raumausstatter, Maler, Tischler, Elektriker und Schlosser. Mittlerweile zieht auch die Nachfrage aus Übersee an, sagt Sabine Seidler von der ZAV und berichtet von Jobbörsen mit kanadischen, australischen und neuseeländischen Firmen.
„Die rosigen Zeiten sind vorbei“
Das Knüpfen erster Kontakte ist das eine. Wie aber geht es für die Betroffenen anschließend weiter? Woher erhält man konkrete Informationen über ausländische Arbeitsmärkte? Und wie regelt man formale Fragen der Renten- oder Krankenversicherung? Die erste Anlaufstelle in solchen Fragen ist das Bundesverwaltungsamt. Außerdem haben die verschiedenen Träger wie die deutsche Rentenversicherung entsprechende Broschüren auf ihren Internetseiten zugänglich gemacht (siehe Kasten). Das Verwaltungsamt verweist darüber hinaus an kompetente Ansprechpartner, wie etwa die evangelische Auslandsberatung. Seitdem zum Ende des 19. Jahrhunderts die erste deutsche Auswanderungswelle nach Amerika schwappte, bietet der Verein seine Dienste an.
"Wir schauen zunächst mal nach, ob die Qualifikationen der Kandidaten in dem Zielland auch gesucht werden", sagt Beraterin Susan Weichenthal aus Hamburg. Außerdem wird über die Sprachkenntnisse geredet - in einigen Ländern gehören Sprachtests zu den Pflichthürden. Viele Interessenten seien überrascht zu hören, daß etwa in den Vereinigten Staaten kein Weihnachts- und Urlaubsgeld gezahlt wird, die Urlaubsansprüche häufig zwischen acht und zwölf Tagen liegen und der Kündigungsschutz quasi nicht existent ist. "Wir sagen vielen Leuten knallhart, daß die rosigen Zeiten hier vorbei sind."
Illusionen machen sich auch Inga und Ina nicht. Sie haben nach einigen Wochen Bedenkzeit einen neuen Favoriten auserkoren: Slowenien. Beide haben die ehemalige jugoslawische Teilrepublik während eines Urlaubs kennengelernt und können sich dort eine Zukunft vorstellen. Der junge Staat ist seit kurzem EU-Mitglied, was einiges leichter macht. Außerdem spricht ein großer Teil der Bevölkerung Deutsch. Dennoch machen sich die beiden Frauen nichts vor: Sie müssen die Landessprache lernen und suchen deshalb gerade nach einer Sprachschule. Für den März planen sie eine einmonatige Reise durch das Land, das bald zur zweiten Heimat werden könnte. Über die finanziellen Ausmaße des Abenteuers haben sie noch keinen Überblick. Inga rechnet aber damit, daß ein erklecklicher Teil ihrer Ersparnisse für den Neubeginn in Slowenien draufgehen würde. Angst vor dem Scheitern hat sie jedenfalls keine. Denn: "Es gibt ja auch immer noch den Weg zurück."
Die Zukunft Deutschlands ist verspielt!
Jens Hornbruch (jhgeo)
- 04.12.2006, 23:53 Uhr
Arbeiten im Ausland
heinz peter (pitiplatsch)
- 05.12.2006, 06:55 Uhr
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
Jüngste Beiträge