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Arbeitskleidung Premium in Sandalen

21.04.2010 ·  Wer am Fahrwerk tüftelt, kann das in T-Shirt, Boxershorts und Sandalen tun - das ist die verbreitete Meinung. Aber sind Jeans und T-Shirt für Ingenieure wirklich angemessene Arbeitskleidung? Ein Streitfall aus dem Forschungszentrum von BMW.

Von Holger Appel
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Wer schon einmal ein Entwicklungszentrum besucht hat - sei es, um drei willkürliche Beispiele herauszugreifen, bei dem Automobilzulieferer Continental, dem Flugzeugbauer Airbus oder bei den Raumfahrern von der Esa -, dem fallen zwei Dinge auf: Mit Akribie werden dort technische Höchstleistungen vollbracht. Und die, die sie erbringen, geben sich meist wenig Mühe, von Boss als Anzugmodel oder von Karl Lagerfeld für den Laufsteg abgeworben zu werden. Wer am Fahrwerk tüftelt, kann das in T-Shirt, Boxershorts und Sandalen tun - das ist die verbreitete Meinung. Einer Dame in Diensten des Autoherstellers BMW, nach eigenem Anspruch Freude am Fahren in Premiumautos herstellend, ist deshalb nun der Kragen geplatzt. Genaugenommen nicht jetzt, sondern schon im vergangenen Sommer. Aber ihr Schreiben an den Vorstand bahnt sich, garniert mit süffisanten Bemerkungen, erst langsam seinen Weg durch die Entwicklungsabteilungen der Republik.

„Sehr geehrter Herr Dr. Draeger“, schreibt Friederike Hähle, in der BMW Group für Kommunikation, Entwicklung, Einkauf und Lieferantennetzwerk zuständig, „seit Jahren beobachte ich mit wachsendem Unmut den zunehmenden Trend vieler Mitarbeiter, in ungepflegter Freizeit- oder gar Strandbekleidung zur Arbeit im FIZ (Forschungszentrum) zu erscheinen - und das nicht nur am Freitag. Ich erwarte von Entwicklungsingenieuren und Kollegen ohne Außenkontakte und sofern sie im Werkstattbereich tätig sind, keinen dunklen Anzug mit Krawatte, aber lange Hosen und ein gebügeltes Hemd, und Herren in abgeschnittenen Hosen und Flipflops sind für mich Ausdruck der Missachtung des Arbeitgebers, deren Repräsentanten sie sind.“

„Den Gästen fällt der legere Auftritt sehr wohl unangenehm auf“

Dann nimmt Hähles Brief Fahrt auf: „Unsere Premium-Platzierung, die wir unseren Kunden nicht nur durch unsere exzellenten Produkte vermitteln, muss sich auch im Auftreten eines jeden Mitarbeiters widerspiegeln. Bei meinen Führungen durch das FIZ setze ich alles daran, BMW in bestem Licht erscheinen zu lassen, und vermeide, dass auch nur das kleinste Staubkörnchen am Premium-Image unseres Unternehmens kratzt, und dann bringt mich ausgerechnet die Kleiderordnung in die Bredouille. Den Gästen - wir führen im Jahr ca. 5000 Besucher durch das FIZ - fällt der legere Auftritt unserer Mitarbeiter nämlich sehr wohl unangenehm auf, und sie quittieren ihn mit der Bemerkung, dass es bei uns aber locker zuginge, was man bei dem Image, das wir uns geben, nicht erwarte. Welcher Eindruck, den wir als global player ja auch bei Angehörigen anderer Kulturkreise und Glaubensrichtungen hinterlassen, die - alle Multiplikatoren - ihre Beobachtungen in der Welt verbreiten!“

Schließlich das Finale: „Der Grund, warum ich mich heute an Sie wende, ist mein gestriges Erlebnis, welches das Fass zum Überlaufen brachte: Ein Mann mittleren Alters ging während der Betriebsversammlung mit stolzgeschwellter Brust die Magistrale entlang, gewandet in ein T-Shirt mit der Aufschrift - ich zitiere wörtlich: „Daaden Sie eventuell mit mir vö . . .“. Und ich stellte mir so vor, wie ich mit Staatsgästen oder, auch besonders pikant, mit Herrn von Kuenheim, der sich schon über nicht geputzte Schuhe echauffieren konnte, unsere heiligen Hallen entlang ginge, und eine derartige Gestalt liefe uns über den Weg. Nicht auszudenken! Es wäre mir ein großes Anliegen, wenn ein Wort aus Ihrem berufenen Munde Ihre Bereichsleiter dahin gehend sensibilisieren könnte, von ihren Mitarbeitern ein gewisses Bekleidungsniveau einzufordern. Ein Blick in die Brand Behaviour Basics wäre hilfreich.“

„Jungs: ab morgen mit Krawatte und Lackschühchen!“

Das Schreiben aus München macht inzwischen auch bei der Konkurrenz die Runde und führt zu ätzenden Kommentaren quer durch die Branche: „Jungs: ab morgen mit Krawatte und Lackschühchen!“, schreibt einer. „Zum Glück fahre ich keinen BMW mehr. Vielleicht hätte mir BMW ja sonst untersagt, in Shorts und Badelatschen meinen Wagen zu bewegen, weil es das Gesamtbild des BMW-Fahrers schädigt“, ein anderer. Ein Mitarbeiter von Ford sucht den Anschluss nach München mit den Worten: „Wir wollen doch auch Premium werden, hier sieht man, worauf es ankommt.“

Bei BMW mit seinen 6000 FIZ-Mitarbeitern hingegen gibt, jedenfalls offiziell, keiner mehr abschätzige Kommentare ab. Im Gegenteil. „In unseren Autohäusern und in der Fahrzeugauslieferung haben wir klare Vorgaben für die Kleidung. Das wollen wir, auch wegen der anderen Arbeitsanforderung, in der Entwicklungsabteilung nicht tun. Warum soll man im Sommer bei 30 Grad nicht im T-Shirt an einer Achse schweißen?“, sagt der für Markenkultur zuständige Leiter Manfred Pernitsch. „Aber T-Shirt ist nicht gleich T-Shirt. Wir möchten schon alle unsere Mitarbeiter daran erinnern, dass sie Botschafter unserer Marke sind.“ Die graue Eminenz des Hauses, Eberhard von Kuenheim, hat Friederike Hähle in einem Brief versichert, sie spreche ihm aus der Seele. Vom Vorstandsvorsitzenden kam ebenfalls Rückendeckung. Aus Neuseeland, Singapur und den Vereinigten Staaten sind zustimmende Mails bei ihr eingegangen.

„Ich hoffe nur, dass die Wirkung von Dauer ist“

Hähle, die seit 27 Jahren für BMW arbeitet, früher - wie sie betont - im Werk tätig war und mithin weiß, wie dort der Hase läuft, fühlt sich bestätigt. Einige Herren stünden nun demonstrativ in dunkelblauem Anzug und gestreiftem Hemd mit weißem Kragen am Wegesrand, wenn sie Besucher durch das Entwicklungszentrum führe, sagt sie schmunzelnd. Dann fügt sie ohne Polemik an: „Mir ist das schon sehr wichtig. Da kommen uns zum Beispiel Studenten einer Eliteuniversität aus Amerika besuchen, und die geben ihren Eindruck weiter. Oder Staatsgäste. Man weiß nie, wer hier reinkommt.“

Aufgerüttelt habe sie, mit Erfolg. Doch nun stehe das nächste Problem an. Schon beschwerten sich die ersten Männer, warum nicht auch „das Aussehen der Mädchen“ kritisiert werde. „Das ist in der Tat wahr. Wir haben noch nicht über Piercings und eintätowierte Geweihe gesprochen“, räumt Hähle ein. Auch die Umgangsformen untereinander seien bisweilen alles andere als druckreif. Zunächst aber ist Friederike Hähle mit ihrem Etappensieg zufrieden. „Ich hoffe nur, dass die Wirkung von Dauer ist“, sagt sie. „Warten wir mal den nächsten Sommer ab.“

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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