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Arbeiten im Ausland Bibi Blocksberg gegen das Heimweh

04.08.2010 ·  Viele Paare zögern, mit einem Kind längere Zeit beruflich ins Ausland zu gehen. Doch der Nachwuchs ist anpassungsfähiger als gedacht. Je früher es losgeht, desto besser.

Von Nina Brodbeck
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Seine älteste Tochter Patricia hatte Bedenken. „Wie wird das sein, wenn ich mich vor der neuen Klasse auf Englisch vorstellen muss?“, wollte sie von ihrem Vater wissen, als der vorsichtig fragte, ob sie bereit wäre, für einige Zeit ins Ausland zu ziehen. „Da dachte ich mir, wenn das die größte Angst ist, dann kriegen wir das in den Griff“, erzählt Daimler-Mitarbeiter Thomas Pantleon. Und so nahm er das Angebot seines Chefs an, für zwei Jahre die Leitung des Mercedes-Forschungszentrums in Indien zu übernehmen. Im Sommer 2007 packten die Pantleons - Mutter Angelika, die damals 14 Jahre alte Patricia und ihre 11 Jahre alte Schwester Paula - die Koffer. Reiseziel Bangalore, eine Fünf-Millionen-Stadt im südindischen Bundesstaat Karnataka. Thomas Pantleon war zu dem Zeitpunkt schon ein halbes Jahr dort.

Heute Stuttgart, morgen Bangalore? Wer in Zeiten der Globalisierung beruflich vorankommen möchte, muss mobil sein. Obwohl die Entsendung von Mitarbeitern in der Regel mit hohen Kosten verbunden ist, dürfte die Zahl der sogenannten Expats in Zukunft weiter steigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC). An der Befragung beteiligten sich 51 international tätige Unternehmen. Jedes vierte hat zwischen 100 und 500 deutsche Mitarbeiter an Auslandsstandorten, jedes zehnte zählt mehr als 500 Mitarbeiter.

Das große Zögern der Eltern

Viele Expats lassen sich gerne auf das Abenteuer Ausland ein - solange sie kinderlos sind. Sobald Nachwuchs im Spiel ist, beginnt jedoch das große Zögern: Was, wenn die Kinder mit den fremden Lebensbedingungen nicht zurechtkommen oder wenn es Schwierigkeiten in der neuen Schule gibt?

Eine Studie der Beratungsgesellschaft Brookfield Relocation Services zeigt, dass Familienfragen zu den Hauptgründen für den Abbruch eines Auslandseinsatzes zählen. Kirsten Nazarkiewicz und Gesa Krämer haben sich auf das Coaching von Expats spezialisiert und stellen in ihren Beratungsgesprächen immer wieder fest, dass sich ihre Kunden in der Reisevorbereitung meist auf die Logistik konzentrieren. „Da geht es dann um Visafragen, Containerverschiffung und Quarantänebestimmungen für die Haustiere“, sagt Nazarkiewicz. „Womit sich viel zu wenig beschäftigt wird, sind die Motive der einzelnen Familienmitglieder.“ Welche Vorstellungen haben die Eltern, aber auch die Kinder von dem Zielland? Warum wollen sie dorthin? Weil es für Papa oder Mama ein wichtiger Karriereschritt ist und die Zeit schon irgendwie vergehen wird? Mit einer solchen Haltung ist Frust programmiert.

Die Grundeinstellung der Eltern hat großen Einfluss auf den Umgang der Kinder mit der Fremde. Ist zwischen dem Paar alles geklärt, oder sind Ängste unausgesprochen geblieben? „Die Kinder spüren so etwas und kompensieren es mit ihrem Verhalten“, ist Gesa Krämer überzeugt. „Wenn die Eltern sich jedoch sagen, wow, das ist die Chance unseres Lebens, wir wollen alle ganz viel davon mitnehmen, dann laufen die Kinder mit einer ganz anderen, positiven Brille durch die Welt dort.“ Vor allem mitreisende Mütter sollten sich deshalb über ihre Rolle klar sein. „Wenn die Mutter nämlich selbst nach Halt sucht und nichts Beständiges hat, wie soll sie dann ihr Kind unterstützen, wenn es zum Beispiel Heimweh hat?“

Vorbereitungsangebote der Unternehmen

Die meisten global agierenden Unternehmen bieten für ihre Expats und deren Familien mittlerweile Vorbereitungs- und Betreuungsangebote an. „Eine Entsendung wird nur funktionieren, wenn die Leute sich im Ausland genauso fühlen wie wir hier auch - nämlich zu Hause“, sagt ein Sprecher des Energiekonzerns RWE. Während RWE mit etwa 40 Mitarbeitern im Jahr eher wenige Expats ins Ausland entsendet, sind bei Daimler derzeit rund 1300 Mitarbeiter im internationalen Einsatz. Entsprechend groß ist das Betreuungsangebot. Auch Thomas Pantleon hat mit seiner Frau an einem solchen „Fit for Abroad“-Training teilgenommen: „Es war gut, so eine interkulturelle Lagebestimmung für sich selbst zu machen. Zu überlegen, was sind meine Werte? Worauf will ich auch in Indien nicht verzichten? Und auch: Worauf müssen wir als Paar achten?“

Wie leicht sich Kinder für einen Auslandsaufenthalt erwärmen lassen, ist oft altersabhängig. Nach Kirsten Nazarkiewiczs Beobachtung gelingt es leichter, jüngere Kinder für das Abenteuer Fremde zu begeistern. „Man kann etwa mit kleinen landestypischen Geschenken, die man vom Look-and-See-Trip mitgebracht hat, und mit kindgerechten Einblicken in die Landeskultur Neugier wecken.“ Vor Ort finden die Kleinen in der Regel schnell und intuitiv Anschluss, auch wenn sie die Sprache noch nicht sprechen.

Das deutsche Kochbuch muss mit

„Die Kunst besteht darin, in der Honeymoon-Phase, also in den ersten hundert Tagen, eine gute Vernetzung in der Zielkultur hinzubekommen und gleichzeitig mit der Heimatkultur Kontakt zu halten“, erklärt Kirsten Nazarkiewicz. Also zum Beispiel Kindersendungen aufzeichnen und gemeinsam ansehen. In der neuen Wohnung eine deutsche Ecke einrichten, mit allen Dingen, die die Kinder besonders mögen. Sich ein deutsches Kochbuch einpacken.

„Ich finde Ägypten blöd.“ Wenn der Nachwuchs plötzlich mit solchen Sätzen aufwartet, schrillen bei den Eltern die Alarmglocken. Sie wissen nicht, wie sie mit diesen Aussagen umgehen sollen. Einfach ignorieren oder vorsichtshalber ein Rückflugticket in die Heimat kaufen? Kirsten Nazarkiewicz beruhigt: „Hier gilt es herauszufinden, welche Erfahrungen das Kind gerade gemacht hat. Denn oft bekommt etwas ein kulturelles Ticket, was eigentlich gar nichts mit dem Land als solches zu tun hat.“ Etwa, weil die Kinder etwas vermissen, was es in ihrer neuen Umgebung nicht gibt. Zum Beispiel die Kindergartenfreunde oder den Bolzplatz hinterm Haus. „Und dann sagen sie: Ich finde Ägypten blöd.“

Wenn das Umherziehen zum Dauerzustand wird

Besonders für Teenager ist es wichtig, den Kontakt nach Hause zu halten. Älteren Kinder fällt der Abschied schwerer, sie lassen Freunde zurück und fürchten, den Anschluss zu verpassen. „Wenn die nach drei Jahren zurückkommen, herrscht in ihrem Freundeskreis ein ganz anderer Slang“, sagt Gesa Krämer. „Wenn sie diesen Slang nicht draufhaben, ist ihre Zugehörigkeit in der Gruppe gefährdet und sie stehen außen vor. Das ist natürlich in der Pubertät schwierig.“

Was, wenn es die berufliche Situation der Eltern bedingt, dass das Umherziehen für die Kinder zum Dauerzustand wird? Angela Ittel von der Technischen Universität Berlin erforscht sogenannte „Third Culture Kids“. Sie fühlen sich weder der Kultur ihrer Eltern noch der ihres aktuellen Aufenthaltsortes zugehörig , entwickeln deshalb eine eigene, dritte Heimatkultur und kommen mit diesen Lebensumständen gut oder weniger gut zurecht. „Einige kämpfen sehr mit Heimat- und Identitätslosigkeit, andere dagegen meistern höchst erfolgreich ihr Leben“, umreißt die Professorin für Pädagogische Psychologie die Bandbreite.

Erste Aufschlüsse gibt eine Pilotstudie, die sie mit Zwölf- bis Neunzehnjährigen Third Culture Kids an internationalen Schulen in Berlin und Brandenburg durchgeführt hat: „Wir waren zum Beispiel davon ausgegangen, dass den Kindern die kulturelle Anpassung an eine neue Umgebung leichtfällt, wenn auch die Bindung an die Familie stark ist“, sagt die Professorin. Die Befragungen zeigen jedoch ein anderes Bild. Demnach ist es so, dass Kindern, die ein hohes Selbstwertgefühl haben, die Anpassung leichter gelingt als weniger selbstbewussten Kindern. Das heißt: Bei älteren Kindern können die Eltern den Anpassungsprozess zwar nicht mehr direkt steuern, aber sie können das Selbstwertgefühl ihrer Sprösslinge stärken, indem sie ihnen etwas zutrauen und sie eigene Entscheidungen treffen lassen.

Familie Pantleon ist mittlerweile wieder zurück in Deutschland. Was seine Töchter durch ihren Auslandsaufenthalt in Indien gewonnen haben? „Mehr Offenheit, eine weitere Sicht auf die Welt“, fasst Thomas Pantleon zusammen. „Sie können sich wirklich vorstellen, was Asien bedeutet, haben andere Bräuche und Wertvorstellungen kennengelernt und sind sich bewusst, dass unser Lebensstil hier, die Freiheit, die wir haben, nicht selbstverständlich ist.“ Angst vor dem Englischsprechen hat Patricia längst nicht mehr.

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