04.10.2007 · Müdigkeit, gereizte Augen, hartnäckige Erkältungen: Büroarbeit wird für so manchen Menschen zur Qual. Ob im Zellenbüro oder im großen Bankenturm: Pflanzen verbessern das Klima, vorausgesetzt, man wählt die richtigen.
Von Sybille WilhelmMüdigkeit, gereizte Augen, hartnäckige Erkältungen: Büroarbeit wird für so manchen Menschen zur Qual. Schuld daran trägt oft das Raumklima am Arbeitsplatz. Es wird für eine Reihe von Krankheiten verantwortlich gemacht.
Das sogenannte Sick-building-Syndrome, kurz SBS, ist seit den siebziger Jahren bekannt. Damals häuften sich in den Vereinigten Staaten von Amerika Berichte über Gesundheitsprobleme von Angestellten in Büros mit zentral geregelten Klimaanlagen: Betroffene berichteten von Kopfschmerzen, Schleimhautreizungen, Müdigkeit, allergischen Reaktionen, Abwehrschwäche, häufigen Infektionskrankheiten, Verschlechterung von Asthma bronchiale, akuten Atembeschwerden, depressiven Zuständen, allgemeinem Unwohlsein und verminderter Leistungsfähigkeit.
Die Gebäudebetreiber waren zwar schnell dabei, diese Beschwerden zu einem massenpsychologischen Phänomen herabzuspielen. Doch mittlerweile ist das Syndrom weitgehend anerkannt; jeder Vierte bis Fünfte, der in einem Büro arbeitet, soll davon betroffen sein. Eine Ursache für die Beschwerden kann häufig nicht gefunden werden. Nur eines ist auffällig: Sobald die Betroffenen ihren Arbeitsplatz oder Wohnraum verlassen, geht es ihnen besser.
Mit ein paar Vorsichtsmaßnahmen
Verantwortlich für die Verschlechterung des Raumklimas sind alle Schadstoffe, die in Innenräumen vorkommen, beispielsweise Ausdünstungen aus neu angebrachten Materialien wie etwa Boden- und Teppichkleber, Gifte aus Möbeln sowie Mineralstoffe aus Dämmmaterialien. Hinzu kommen Bürogeräte wie Drucker, die Ozon freisetzen, oder unsachgemäß gewartete Klimaanlagen: Diese tragen Pollen, Pilzsporen und Keime aus der Außenluft nach innen; vor allem, wenn die Filtersysteme schlecht sind oder die Filter zu selten gewechselt werden.
Mit ein paar Vorsichtsmaßnahmen lassen sich gesundheitsschädliche Ausdünstungen sowie giftige Farben und Lacke weitestgehend verhindern. Etwa, indem man schon beim Einkauf auf "umweltfreundliche" Produkte achtet. Auch die Drucker und Kopierer lassen sich in ein separates Zimmer verbannen, und alte oder defekte Klimaanlagen kann man abschaffen oder erneuern.
Doch für ein dauerhaft gutes Klima muss unbedingt auch die richtige Luftfeuchtigkeit eingehalten werden, die zwischen 50 und 65 Prozent in Büroräumen und bei Klimaanlagen sogar bei 70 Prozent liegen sollte. Und da kommt die Natur ins Spiel: Pflanzen bescheren dem Raumklima nicht nur die angemessene Luftfeuchtigkeit, sondern können sogar Luftschadstoffe und Möbelgifte filtern.
"Künstliche Luftbefeuchter haben den Nachteil, dass sie Chemikalien und Energie benötigen. Außerdem kann nur eine aufwendige und sorgfältige Wartung sie wirklich keimfrei halten", erläutert der Biologe Manfred R. Radtke von Radtke Biotechnik. "Dabei gibt es biotechnische Lösungen zur Luftverbesserung des Raumklimas. Mit ausgewählten Pflanzen wird nachweislich die Luftfeuchte angehoben und somit Beschwerden durch zu trockene Luft behoben."
Pflanzen in der EDV-Welt
Schon seit seinem Biologiestudium beschäftigt sich der Unternehmer mit Pflanzen, die beispielsweise in der heutigen EDV-Welt in den Büros maßgeblich zum Wohlbefinden in Räumen beitragen. Die klassische Hydrokultur tut dies nicht: "Sie kann sogar das Gegenteil bewirken, denn sie ist zwar praktisch, aber mit den falschen Pflanzen wirkt sie sogar kontraproduktiv auf die Luftfeuchtigkeit im Raum." Gleiches gilt beispielsweise für Pflanzen wie den beliebten Ficus Benjamina, denn der braucht in den Wintermonaten kaum Wasser. Also schaute sich der Biologe nach "Prima-Klima-Pflanzen" um und wurde unter anderem bei Schönheiten wie Hibiscus, Zimmerlinde und Banane fündig. Die leistungsfähigsten züchtete er weiter, um sie in Büros einzeln oder als grüne Wand zu installieren.
Neben der höheren Luftfeuchtigkeit kompensieren die richtig eingesetzten Pflanzen elektrostatische Aufladungen, wandeln den CO2-Gehalt der Luft in Sauerstoff um, filtern Schadstoffe aus der Luft und mindern den Staubflug. "Außerdem haben sie eine vorbeugende Wirkung auf die Gesundheit, steigern das allgemeine Wohlbefinden und wirken positiv auf die Psyche des Einzelnen ein, was ihn letztlich motiviert", nennt Manfred Radtke weitere Pluspunkte, die auch den Arbeitgeber freuen. Denn Grippe und Erkältungskrankheiten gehören zu den meistgenannten Gründen für Arbeitsunfähigkeit: Bis zu 40 Prozent weniger Krankmeldungen soll es Untersuchungen zufolge in Büros mit lebendem Grün geben.
Und es gibt noch weitere handfeste Vorteile: "Eine grüne Wand kann auch ideal als Raumteiler eingesetzt werden, spart somit Platz und schluckt den Schall", sagt Radtke. Außerdem sorgen Pflanzen in Innenräumen im Winter für eine höhere "gefühlte Temperatur": Die Mitarbeiter drehen die Heizung nicht so stark auf, was Energie und Geld spart. Steuerlich werden Büropflanzen im Übrigen ebenso wie Büromöbel als Betriebsausgaben anerkannt. Die einzige regelmäßige Wartung ist das Gießen sowie dann und wann eine Begutachtung durch den Fachmann, ob noch alles im Lot ist. So weit die Theorie. Doch auch in der Praxis bewährt sich das grüne Büro: "Ich persönlich mag Klimaanlagen nicht besonders, also gab ich bei unserem Neubau grünes Licht", berichtet Rainer Huber, Organisationsleiter der Sparkasse Bühl, von der Installation der Pflanzenwände. Dabei wurde im Rückblick nicht nur die Luftfeuchtigkeit deutlich verbessert: "Die Grünpflanzen sind gut fürs Gemüt und teilen den Raum auf eine abwechslungsreiche Art und Weise auf. Unsere Etage mit rund 20 Arbeitsplätzen ist nicht so eintönig, wie sie es in anderen Großraumbüros wäre."
Asiatischer Garten im 35. Stock
Im großen Stil arbeitet auch die Commerzbank in Frankfurt mit Bürogrün. Das vom englischen Architekten Sir Norman Foster entworfene Hochhaus hat im 160 Meter hohen inneren Atrium neun Gärten mit jeweils einer Fläche von 450 Quadratmetern und 15 Meter Höhe; rund 1300 Pflanzen wachsen dort. "Da diese Gärten spiralförmig um das Atrium angelegt sind, wechseln sich auf einer Seite immer acht Bürogeschosse und ein viergeschossiger Garten ab", erläutert Peter Muschelknautz, Technischer Betriebsleiter des Commerzbank-Hochhauses, das Konzept. "So ermöglichen auch die außenliegenden Gärten eine natürliche Belichtung sowie Lüftung der Büros."
Das dreieckige Hochhaus hat auf jeder Seite entsprechend der Himmelsrichtung ein leitendes Thema bei der Gestaltung der Gärten gegeben: Richtung Osten wurde die Flora Asiens gewählt, Richtung Norden die Nordamerikas und Richtung Süden die des Mittelmeerraumes. Wobei im Letzteren sogar Zitronen- und Orangenbäume blühen, deren Blüten der zuständige Gärtner in Ermangelung von Bienen mühsam einzeln mit einem kleinen Pinsel bestäuben muss.
"Die Gärten kommen bei unseren Mitarbeitern sehr gut an. Man kann beispielsweise in der kleinen Cafeteria im asiatischen Garten von der 35. Etage aus über Frankfurt blicken und sitzt dabei im Grünen. Nach dem Mittagessen findet man dort kaum noch einen Platz", beobachtet Commerzbank-Techniker Muschelknautz. "Aber auch bei der Belüftung spielen unsere Gärten eine wichtige Rolle, denn durch die geöffneten Fenster der Gärten kann frische Luft ins Innere des Gebäudes strömen. Auf unsere Klimaanlage können wir so meistens verzichten."
Apropros Klimaanlage: Die Sparkasse Bühl musste eine solche mittlerweile trotz der grünen Wände nachrüsten: "In den vergangenen Jahren hatten wir so heiße Sommer, dass die Hitze trotz der Außenjalousien unerträglich wurde", sagt Organisationschef Huber. Seine Begeisterung für den Einsatz von Pflanzen im Büro ist gleichwohl ungebrochen: "Die Wärmeregulierung ist ja nicht Sache der Pflanzen. Vielmehr helfen sie uns auch, dass die Luft nicht zu trocken wird, wenn wir die künstliche Kühlung einschalten müssen."