03.12.2008 · In der Krise schuften viele mehr als sonst. Zusehends verdrängt die Arbeit ihr Privatleben. Das aber bringt selbst der Firma mehr Schaden als Nutzen, warnen Mediziner und Psychologen.
Von Yvonne WagnerVierzehnstundentage? Keine Seltenheit, jedenfalls nicht vom mittleren Management an aufwärts. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stehen viele unter Druck. Um sich vor der nächsten Sparrunde als unentbehrliches Arbeitstier zu positionieren, arbeiten sie am Limit. Daran ändert auch das Arbeitszeitgesetz nichts. Höchstens zehn Stunden am Tag dürfen Beschäftigte demnach für den Arbeitgeber eingespannt sein. In Unternehmen mit Zeiterfassung melden sich deshalb manche Angestellten zwar morgens noch regelkonform an, das Abmelden aber vergessen sie geflissentlich. Andere korrigieren den Zeitpunkt später manuell. Oder sie melden sich regulär ab, gehen danach aber wieder zum Schreibtisch zurück. Oder sie nehmen Akten und Papierstapel am Wochenende mit nach Hause. Und die wenigsten Unternehmen bremsen die Einsatzfreude, obwohl ihnen hohe Geldstrafen drohen, wenn die Arbeitszeitregeln missachtet werden.
Auf lange Sicht könnte sich das rächen. "Der deutschen Volkswirtschaft entstehen jährlich Schäden von rund 15 Milliarden Euro, weil Menschen wegen psychischer Fehlbelastungen und Stress am Arbeitsplatz ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen können", sagt Wolfgang Panter, der Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Ihm geht es nicht allein um lange Tage in der Firma. "Wer vom Chef in der Erwartung, immer und ständig verfügbar zu sein, einen Blackberry bekommt, kann daran ausbrennen", warnt er. Menschen müssten abschalten dürfen, um zu regenerieren. "Das schafft überdies neue Kreativität."
Der lange Arm der Arbeit
Als leitender Betriebsarzt der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann setzt Panter sich dafür ein, dass Führungskräfte ihre eigenen Beschwerden und die Probleme ihrer Mitarbeiter ernst nehmen, wenn übermäßige Arbeitsbelastung das Privatleben zurückdrängt. Dass sich Arbeit und Privatleben wechselseitig beeinflussen, ist zwar an sich ganz normal. "Allerdings", sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe Dieter Zapf von der Goethe-Universität in Frankfurt, "übt der lange Arm der Arbeit viel größeren Einfluss auf das Familienleben aus als umgekehrt."
Besonders kritisch wird es, wenn die Betroffenen in der Freizeit keinen Ausgleich mehr finden, weil private Konflikte den nötigen Stressabbau verhindern. Oder wenn sie schon nicht mehr wissen, was sie mit ihrer wenigen freien Zeit anfangen sollen. Einige Unternehmen stellen sich zwar mit familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter ein. Der Psychologe Zapf führt das aber auch auf praktische Gründe zurück. "Das ist nicht nur ein Wandel in den ethischen Vorstellungen", analysiert er. "Da geht es natürlich auch darum, Fach- und Führungskräfte an das Unternehmen zu binden."
Gruppendruck und Anwesenheitspflicht
Der Fachkräftemangel im Ingenieurswesen, in der Medizin und in naturwissenschaftlichen Berufen sollte die Position der Arbeitnehmer theoretisch stärken. Wer jedoch in der Praxis versucht, sich auszuklinken, weil er gesundheitlichen Schäden vorbeugen will oder mehr Zeit für die Familie benötigt, hat es meist schwer. "Wer nicht da ist, wird nicht in Entscheidungsprozesse involviert", berichtet einer von vielen, die sich aus Rücksicht auf ihre Karriere nur anonym zu dem Thema äußern wollen. "Man gehört nicht mehr zum Team. Die anderen haben gearbeitet, selbst hat man nichts vorzuweisen." Er legt nach: "Kaum jemand sagt, er schafft es nicht mehr, wenn er nicht schon am Ende ist. Wer keine Familie hat, gerät noch mehr in den Sog, die Arbeit als totalen Lebensinhalt zu sehen."
Die Entscheidung, wie viel Raum der Beruf im Leben einnimmt, ist immer auch eine Frage der persönlichen Einstellung, des Alters und der beruflichen Position. Aber gerade Führungskräfte können mit dem eigenen "Workaholic-Verhalten" Signale an ihre Mitarbeiter senden, die den Druck erhöhen und den Beschäftigten wenig Spielraum lassen. Mediziner weisen darauf hin, dass überlastete Mitarbeiter zudem einer erhöhten Unfallgefahr ausgesetzt sind. Und wer schon angeschlagen ist, dem schaden knappe Regenerationszeiten umso mehr.
„Ein zufriedener Arbeitnehmer leistet mehr“
"In unserer Gesellschaft besteht eine hohe Leistungsbereitschaft", diagnostiziert Stephan Letzel, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin. "Wenn wir auf dem internationalen Markt bestehen wollen, müssen wir aber auch verstehen, dass dies nur mit einer ausgewogenen Work-Life-Balance möglich ist." Dazu gehöre auch, die Arbeitsintensität der individuellen Leistungsfähigkeit anzupassen. Wer zum Beispiel noch 25 Berufsjahre vor sich hat, verträgt in der Regel mehr als der Kollege, der sie schon hinter sich hat. "Trotzdem kann man Menschen für ihre Arbeitsleistung fit halten", sagt Letzel. "Es gibt Leute, die mit 60 einen Marathon laufen, weil sie dafür trainiert haben. Weshalb sollte man das nicht auch auf die Qualifikation im Job übertragen?" Letzel rät Unternehmen deshalb, Arbeits- und Privatleben intelligent zu verzahnen. "Ein zufriedener Arbeitnehmer leistet mehr. Das stellt den Unternehmer zufrieden, so entsteht ein gesamtgesellschaftlicher Nutzen."
Norbert Krause, Vertriebsabteilungsleiter im Siemens-Konzern, teilt Letzels Meinung. "Wir versuchen die persönliche Lebensplanung für unsere Mitarbeiter möglich zu machen", sagt er. Er habe zum Beispiel schon einmal einen Mitarbeiter in den Zwangsurlaub geschickt, damit dieser in Ruhe sein Haus fertig bauen konnte. Es sei deutlich zu spüren gewesen, dass die doppelte Belastung zu hoch für ihn war.
Oft wird Überlastung übersehen
Oft werden die ersten Anzeichen einer Überlastung aber übersehen. Krause und seine Kollegen aus der Führungsriege erfuhren in einem Seminar über psychosoziale Gesundheit, woran sie Überlastung erkennen können: chronische Müdigkeit, Energiemangel, zunehmende Fehlzeiten, Aggressionen, Konzentrationsstörungen, ständige Kopf- und Rückenschmerzen etwa kennzeichnen verschiedene Phasen eines Burn-out-Syndroms. "Auch wenn im Seminar noch gescherzt wurde, wie dicht man selbst an den Symptomen ist - einige fühlten sich ertappt", berichtet Krause. "Mit einem Mal war jeder Führungskraft bewusst, das diese Problematik nicht zu unterschätzen ist."
Um einen Ausweg aus der "Arbeitszeitfalle" zu finden, raten die Mediziner Betroffenen immer zum persönlichen Gespräch mit dem Vorgesetzten. Wer diesen Schritt noch scheut, kann sich mit dem Betriebsrat besprechen; dieser darf in vertraulichen Gesprächen mit der Unternehmensleitung zwar keine Namen nennen, kann sich aber für eine bessere Arbeitssituation einsetzen.
Die Arbeitnehmer selbst aber sollten ihre eigenen Werte und Ziele definieren und feststellen, was genau ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Sind es die Strukturen im Unternehmen? Oder die eigene Arbeitsorganisation? Was kann man an der eigenen Lebensweise verändern? Welche Freiräume benötigt man dafür? Lassen sich bestimmte Aufgaben delegieren? In allen Gesprächen aber ist Diplomatie oberstes Gebot. Denn welcher Chef lässt sich schon gern kritisieren?
Mediziner und maßvolle Arbeitszeit?
Florian Finger (flo208136)
- 03.12.2008, 18:01 Uhr