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Veröffentlicht: 08.05.2017, 11:41 Uhr

Anerkennung von Abschlüssen Ärzte in der Warteschleife

Die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen in Medizinberufen dauert. Gefälschte Unterlagen verzögern das Verfahren.

von Marie Lisa Kehler
© Frank Röth Vorgeprüft: Absolventen eines Berami-Vorbereitungskurses für die Fachkenntnisprüfung von Ärzten

Das Wort, das vielen Menschen Angst macht, lässt Mohammed Soufi lächeln. Dabei rührt er in seinem schwarzen Kaffee, zeigt seine weißen Zähne. So eine „Wurzelbehandlung“, sagt er, habe er lange nicht mehr gemacht. Mohammed Soufi stammt aus Syrien. Mit einem Abschluss in Zahnmedizin in der Tasche flüchtete er 2015 nach Deutschland. Hier würde er gern erste Arbeitserfahrungen als Zahnarzt sammeln. Bisher darf er das nicht. Seit zwei Jahren liegen seine Unterlagen im Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen. Soufi ist kein Einzelfall.

Mohammed Soufi hat in Frankfurt trotzdem eine Anstellung gefunden. In einem Supermarkt, nicht in einer Zahnarztpraxis. Konservendosen sortieren sei besser, als nichts zu tun, sagt der 28 Jahre alte Syrer. Er muss noch seine Fachsprachprüfung Medizin ablegen, dann stehe dem Antrag auf eine vorläufige „Berufserlaubnis“ nichts mehr im Wege. Theoretisch.

„Die Mühlen mahlen langsam“

Praktisch fehlt ihm die Bestätigung, dass seine Unterlagen vollständig sind. Kurz nach seiner Ankunft 2015 reichte Soufi seine Zeugnisse ein. Zu diesem Zeitpunkt war er erst seit wenigen Tagen in Deutschland. Gleich zu Beginn traf er auf Ulla Stüwe. Die Chirurgin und frühere Präsidentin der Landesärztekammer setzt sich ehrenamtlich für geflüchtete Mediziner ein. Ihre „Jungs“, sagt Stüwe, habe sie anfangs förmlich an der Hand nehmen und zum Landesprüfungsamt begleiten müssen. „Die Mühlen mahlen langsam“, sagt Stüwe und zeigt trotzdem Verständnis. „Die Behörden müssen die Unterlagen genau prüfen. Das sind sie den Patienten schuldig.“

Dass eine Prüfung so lange dauert, damit hat auch sie nicht gerechnet. 18 Monate vergingen, bevor Soufi erstmals wieder etwas vom Landesprüfungsamt hörte. Die Übersetzung eines Leistungsnachweises wurde gefordert. Soufi tat, wie ihm geheißen – und wartet seither wieder. In der Zwischenzeit schreibt er Bewerbungen. Vorsorglich. Etwa 50 Absagen hat er bekommen. Dabei will der Syrer erst einmal nur mit einer Berufserlaubnis arbeiten. Diese ermöglicht es ausländischen Medizinern, die einen Abschluss nachweisen können, in Anwesenheit eines approbierten Arztes zu praktizieren und Sicherheit im Arbeitsalltag zu gewinnen. Zwei Jahre lang gilt der Status. Danach muss die Kenntnisprüfung abgelegt werden.

Ein System, das Atilla Vurgun stark kritisiert. Er arbeitet bei Beramí. Der Verein hat ein Kurssystem entwickelt, um ausländische Ärzte auf die Kenntnisprüfung vorzubereiten. Seit 2016 hat Beramí 47 geflüchtete Human- und Zahnmediziner intensiv geschult. 2000 Unterrichtsstunden, Sprachkurse und Praxistests bereiten die Ärzte auf die Prüfung vor. Manche Klinik im Rhein-Main-Gebiet, so Vurgun, nutze den Status der „Berufserlaubnis“ aus, um gut ausgebildete Fachärzte zwei Jahre lang schlecht zu bezahlen. „Da sitzen Menschen, die seit 30 Jahren in ihrem Fachgebiet arbeiten und halten für wenig Geld OP-Haken.“ Er rät den Medizinern, schnellstmöglich die Kenntnisprüfung und damit die Approbation anzustreben.

Genau das will auch der 30 Jahre alte Kanaan Khaldown versuchen. Er hat schon sechs Jahre in Syrien als Zahnarzt gearbeitet. In Deutschland wartet er auf einen Platz für den medizinischen Sprachkurs. Bisher vergeblich. Erst wenn er das Zertifikat vorlegen kann, darf er sich zur Kenntnisprüfung anmelden. Drei Versuche hat er, um zu bestehen. Genau wie Studierende an europäischen Hochschulen.

Die Zwischenzeit überbrückt er als Hospitant in der Zahnarztpraxis von Thorsten Nassauer in Wiesbaden. Für Khaldown gilt die Devise: Nur gucken, nicht anfassen. Acht Stunden am Tag schaut er Nassauer über die Schulter, versucht sich medizinische Fachbegriffe einzuprägen und das Kassensystem zu verstehen. In Syrien zahle man bar, erzählt Khaldown.

Nassauer nennt seinen Hospitanten einen „Kollegen“. Gern würde er ihn mehr in die Praxisabläufe einbinden – das Gesetz verbietet es ihm. Khaldown kann sich also nur auf Theoriefragen vorbereiten. Abgefragt wird bei der Kenntnisprüfung außer dem fachlichen Wissen auch die Fähigkeit, ein Patientengespräch zu führen. Von der Anamnese bis zur Beratung. Zahnärzte müssen zusätzlich an einem Phantomkopf Arbeiten wie etwa eine Wurzelbehandlung durchführen.

Wurzelgemüse statt Wurzelbehandlung

„Es gibt Fälle, in denen die Prüfer Zweifel haben, ob je eine Universität besucht wurde“, erklärt Christof Diefenbach vom Landesprüfungsamt. Gemeinsam mit drei Mitarbeitern kümmert er sich um die Anträge der ausländischen Zahnärzte, Humanmediziner und Pharmazeuten. „Wir sind am Limit“, klagt der Sachbearbeiter. Dabei geht er davon aus, dass die große Antragswelle noch bevorsteht. „Viele mussten erst einmal in Deutschland ankommen.“ Anträge würden zeitversetzt gestellt, so Diefenbach.

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2015 sprach das Prüfungsamt insgesamt 226 Approbationen aus, 300 Antragstellern wurde die Berufserlaubnis erteilt, 26 Anträge wurden abgelehnt. 2016 waren es 405 Approbationen, 181mal gab es die Berufserlaubnis, 39 Anträge wurden abgelehnt. Mit der steigenden Zahl der Bewerber steige auch die Zahl der Zeugnisfälschungen, sagt Diefenbach. In Syrien seien IS-Kämpfer in den Besitz zahlreicher Uni-Stempel gekommen. Ähnliche Erfahrungen gebe es aus der Zeit der Taliban-Herrschaft in Afghanistan. Fälschungen seien immer schwer von Originalen zu unterscheiden.

Mohammed Soufi trinkt seinen Kaffee aus, blickt auf die Uhr. Er muss zur Arbeit. Wurzelgemüse statt Wurzelbehandlung. Vielleicht sieht man sich, sagt er. Irgendwann, in seiner eigenen Praxis.

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