25.05.2010 · Ausländer haben es in Deutschland schwer, in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten. Allzu oft werden Diplome ausländischer Hochschulen hier nicht anerkannt.
Von Jan OpielkaAn diesen Anruf wird sich Ines Weihing noch lange erinnern. Eine Vermittlerin einer Arbeitsagentur hat einmal bei ihr angerufen und sich erkundigt, wie sich das Schulzeugnis einer Kubanerin hierzulande anerkennen lässt. „Sie sollte damit die Grundlage für eine Qualifizierung erlangen, um in der Altenpflege arbeiten zu können“, erzählt Weihing, Beraterin beim Kompetenzzentrum Migranet, das die Integration von Ausländern in Deutschland verbessern soll. „Als ich aber nachhakte, erfuhr ich, dass die Kubanerin, Anfang 40, eigentlich eine Medizinerin ist, die in ihrer Heimat jahrelang berufstätig war.“ Weihing hat der Vermittlerin dann erst mal erklärt, dass die hochqualifizierte Frau in Deutschland eine Berufserlaubnis erhalten könnte, um etwa als Fachärztin an einem Krankenhaus zu arbeiten. „Ich habe leider nie wieder von ihr gehört“, sagt Weihing.
Jeder zweite Deutschland beschäftigte Einwanderer mit ausländischem Abschluss arbeitet unterhalb seiner Qualifikation – das geht zumindest aus der Statistik des Bundesarbeitsministeriums hervor. Zudem hat jeder vierte Arbeitslosengeld-II-Bezieher ausländischer Herkunft in seiner Heimat einen Berufs- oder Hochschulabschluss erworben, der in Deutschland nicht anerkannt wird. Das wiederum zeigt eine Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Bislang haben nur EU-Bürger und Spätaussiedler Anspruch auf ein Anerkennungsverfahren, Angehörige sogenannter Drittstaaten nicht. Ohnehin gibt es keine einheitlichen Standards, Bildung ist Ländersache. Nach Aussage des Forschungsinstituts für betriebliche Bildung (FBB) in Nürnberg führt das zu Intransparenz und mangelnder Akzeptanz bei Arbeitgebern.
Die Bundesregierung will das Problem anpacken und hat kürzlich ein Eckpunktepapier vorgelegt, das spätestens 2011 Gesetz werden soll. Geplant ist etwa der Anspruch auf ein Anerkennungsverfahren, verbesserte Beratung und mehr Qualifizierungsmaßnahmen. Die Industrie- und Handelskammern planen, eine Zentralstelle für Anerkennungen ausländischer Abschlüsse einzurichten, voraussichtlich in Nürnberg. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung schätzt, dass rund 500.000 Personen mit ausländischen Abschlüssen für solche Verfahren in Frage kommen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) räumt ein, dass es problematisch sei, arbeitslose Migranten mit ausländischem Abschluss zu vermitteln. Die Mitarbeiter der Behörde müssten stärker professionalisiert werden.
„Ich kann doch nicht mein ganzes Studium wiederholen“
Die Praxis gibt der Arbeitsagentur recht. Natallia Gauert etwa kam vor acht Jahren aus Weißrussland nach Deutschland. Obwohl sie in Weißrussland eine vierjährige berufliche Ausbildung zur Lehrerin absolvierte und parallel Wirtschaftswissenschaften studierte, wird ihr in Deutschland nicht einmal das Abitur anerkannt. „Bei meiner Lehrer-Ausbildung kann ich das noch nachvollziehen, aber nicht, dass man mir nur einen Realschulabschluss bescheinigt“, sagt sie. „Die Menschen in den Behörden erklärten mir zwar genau, warum ich keine Anerkennung bekomme, konnten oder wollten mir aber nicht sagen, was ich tun kann, um trotzdem weiterzukommen.“ Eine Kunsthistorikerin aus der Ukraine berichtet Ähnliches: Ein in Russland erworbenes Diplom werde ihr nur teilweise anerkannt, trotz 15 Jahren Berufserfahrung und etlicher wissenschaftlicher Publikationen. Auch sie habe stets das Gefühl gehabt, dass man ihr in den entsprechenden Stellen nicht helfen wollte. „Dass ich Kunsthistorikerin bin, spielte keine Rolle. Ich war für sie nur die Frau, die schlecht Deutsch spricht.“
Die Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation aus dem vergangenen Jahr ergab, dass von Nichtanerkennungen besonders Migranten und Spätaussiedler aus osteuropäischen Staaten betroffen sind. Warum dies so ist – wo doch gerade diese Gruppe Anspruch auf ein Verfahren hat – weiß auch Martin Brussig nicht, der als Arbeitsmarktforscher an dem Institut arbeitet. „Das Problem ist, dass die Anerkennungsverfahren bislang komplett fragmentiert sind, ohne einheitliche Standards“, sagt er. Bürokratische Hürden und die Kosten schreckten wohl viele Kandidaten ab. Folge sei, dass Beschäftigungschancen der Betroffenen denen von Bewerbern ohne Abschluss gleichen. In den Suchmasken der Arbeitsagentur werden nach Aussage des Instituts Personen, die über einen in Deutschland nicht anerkannten Abschluss verfügen, als „Helfer“ eingestuft. Viele Akademiker werden so zu Hilfsarbeitern oder verharren in der Arbeitslosigkeit.
An eine Bewerbung in ihrem Beruf kann Ayesha Hamdani nicht denken. Die pakistanische Ärztin, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, bekam ihren Abschluss in Deutschland nicht mal teilweise anerkannt. Als Begründung hörte sie, dass dieser in einem Land der Dritten Welt erworben worden sei. „Ich würde gerne eine Prüfung ablegen, wie das etwa in Amerika oder Australien üblich ist. Aber ich kann doch nicht mein ganzes Studium wiederholen“, sagt sie.
Eine ähnliche Erfahrung machte Belisha Maluda. Die 27 Jahre alte Frau aus Tansania – auch sie möchte ihren wahren Namen nicht veröffentlicht sehen – hat in ihrer Heimat einen Bachelor-Abschluss in Informationstechnik erworben. Da sie aber kein Abiturzeugnis vorlegen kann, ist ihr Bachelor an einer deutschen Uni formal nichts wert. „Ich würde hier gerne weiter studieren, werde aber nicht zugelassen“, sagt sie verbittert. Die IT-Ingenieurin sucht bislang vergeblich Arbeit. Unterstützung erhält sie dabei vom Verein Berami in Frankfurt, der Migranten in der beruflichen Integration hilft. Explizit um Anerkennungen kümmert sich das zum Kompetenzzentrum Migranet gehörende Projekt „Global Competences“. In Augsburg werden Anfragen aus allen Bundesländern bearbeitet. Migranet selbst ist eines von sechs Zentren in dem vom Bundesarbeitsministerium finanzierten Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“ (IQ).
Anerkennungen mit Weiterbildungen koppeln
In vielen Fällen gibt es allerdings auch gute Gründe, warum ausländische Abschlüsse nicht anerkannt werden. Dann geht es vor allem darum, Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten, damit Migranten an ihre Abschlüsse anknüpfen können. Bettina Englmann, die das Projekt „Global Competences“ leitet und 2007 eine Studie zu „Brain Waste“, dem Brachliegen von Qualifikationen, herausgab, hat viele Vorschläge für eine Reform. Ihrer Ansicht nach gehört dazu auch, Anerkennungen mit Weiterbildungen zu koppeln, nach dem Vorbild Kanadas und Australiens. Auch individuelle Förderung in Unternehmen sei sinnvoll, denn viele Firmen seien angesichts der jetzigen Rechtslage unsicher. Es dürften zudem nicht nur die Zeugnisse bewertet werden, sondern auch berufliche Praxis und individuelle Fähigkeiten. Beraterin Ines Weihing hält auch Teil-Anerkennungen für sinnvoll. „Dann würden künftig nicht mehr so häufig Erzieherinnen oder Lehrer mit 20 Jahren Berufserfahrung in Deutschland als Reinigungskräfte arbeiten.“
Matthias Knuth, der die Studie des IAQ federführend betreut hat, kritisiert, dass in dem Eckpunktepapier der Bundesregierung wesentliche Aspekte unklar bleiben: Gegen wen soll sich ein Anspruch auf ein Verfahren richten? Wer zahlt? Wer wird zuständig sein? Knuth sieht zudem einen entscheidenden Mangel in dem Entwurf: die Neuregelung soll nämlich an „der arbeitsmarktlichen Verwertbarkeit von Qualifikationen orientiert werden“. Was für einige Betroffene die Chancen eher verschlechtern könnte. Nicht ausgeschlossen, dass die Medizinerin aus Kuba schon vorab genau dieser „arbeitsmarktlichen Verwertbarkeit“ zum Opfer fiel. Denn Kräfte in der Altenpflege werden künftig händeringend gebraucht. Mediziner zwar auch – doch kubanischen Ärzten trauen viele Vermittler wohl nicht zu, mit deutschen Standards mitzuhalten.