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Alter in der Arbeitswelt Einlass nur für Junge

24.02.2009 ·  Was Profisportler und Werbedesigner gemeinsam haben? Mit 35 ist für die meisten Schluss. Manche Traumberufe haben ein Verfallsdatum. Das sollte man früh genug wissen.

Von Deike Uhtenwoldt
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Auf 27 Jahre Werbe- und 51 Jahre Lebenserfahrung bringt es Andreas Stein. "Ein biblisches Alter", unkt der Gründer der Werbeagentur "steindesign" in Hannover - jedenfalls für einen Werber. "Unsere Branche wird von jungen Leuten geprägt." Dennoch denkt Stein nicht ans Aufgeben. "Ich teile mein Leben nicht auf zwischen privat und beruflich, jung und alt. Die Arbeit macht mir Spaß, in der Branche fühle ich mich wohl. Warum sollte ich aufhören?"

Doch der Werber über 50 gehört zu einer schwindenden Minderheit. Zumindest, wenn man dem "Spiegel der Statistik" des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) folgt: Demnach waren 2007 nur 13 Prozent der Werbefachleute 50 Jahre und älter, 1999 waren es noch 15,5 Prozent. Anders dagegen ist die Entwicklung, nimmt man alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Arbeitslosen zusammen: Hier ist jeder Vierte älter als 50 Jahre, Tendenz steigend.

Was wird aus Stuntleuten oder Mannequins jenseits der 35?

Aber die Werbung ist nicht die einzige Branche, die den demographischen Trend nicht mitmacht. Was etwa wird aus Stuntleuten, Fußballprofis und Mannequins jenseits der 35? Laut "Spiegel der Statistik" sind nur 7 Prozent aller "Artisten" über 50 Jahre, dafür fast zwei Drittel der Beschäftigten unter 35 Jahre alt. Eine Berufsverbleibsforschung steht noch aus. Wenn die Artisten in jungen Jahren nicht so viel verdient haben, dass sie sich damit zur Ruhe setzen oder ihren Namen versilbern können, wechseln sie auf die Beraterseite oder zu körperlich sanfteren Bewegungsarten, sagt Stefan Becker aus dem Vorstand der Latin Dance Academy in Hamburg. "Viele Salsa-Tänzer landen als Choreographen oder Trainer." Und mit der ruhigeren Salsa-Vorgängerversion "Son" könnten auch Profitänzer locker 70 werden.

Solche Langzeitperspektiven sind für den Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen undenkbar. Das Gros der freiberuflichen Trainer halte es kaum länger als 10, maximal 15 Jahre in dem Beruf aus, schätzt der Geschäftsführer Refit Kamberovic. "Das Gruppentraining ist sehr intensiv, das zehrt an den Kräften." Im neunten Berufsjahr steht gerade Trainerin Ulli. Immer schon hat die heute 45 Jahre alte gelernte Friseuse und Kosmetikerin viel Sport getrieben, irgendwann machte ihr Trainer ihr den Vorschlag, die Lizenzen zu erwerben und vollberuflich einzusteigen. Heute gibt sie 20 Kurse in der Woche, meistens Herz-Kreislauf- oder Hanteltraining. Das verlangt ganze Kraft. Nur eine Stunde Pilates und zwei Rückenkurse in der Woche bieten ein wenig Erholung, in den anderen Stunden macht die Hamburgerin den Vorturner. Und wenn sie nicht voll dabei ist, geben sich die Teilnehmer erst recht keine Mühe. Das sei zwar ein Beruf mit hohem Spaßfaktor, mit dem man aber weder reich noch alt werden könne, betont Ulli, die ihren Nachnamen nicht preisgeben will. Jung, dynamisch, hipp - das sei wohl auch so eine Art Berufsethos. "Ich weiß nicht, was ich in zehn Jahren mache. Ich schiebe diese Frage vor mir her", gesteht sie.

„Berufsbilder mit Jugendwahn“

In ungezählten Berufswahlratgebern ist nachzulesen: Junge Menschen wählen am besten den Beruf, der zu ihren Fähigkeiten, vor allem aber zu ihren Interessen und Neigungen passt. Doch kaum einer fragt nach den Aussichten, fällt die Wahl auf einen Beruf, der Jugendlichkeit zur Voraussetzung hat. Neben den Berufen, die körperliche Fitness verlangen, gilt das für solche, die selbst noch ganz neu sind, Trendgeist oder Ausbildungsnähe voraussetzen. "Berufsbilder mit Jugendwahn", nennt das Wolfgang Biersack. Der IAB-Statistiker denkt dabei in erster Linie an Berufe mit rasanter technologischer Entwicklung, etwa in der Programmierung. Da mitzuhalten traue man älteren Fachkräften nicht zu. "In der IT gehören schon Fünfunddreißigjährige zum alten Eisen", bedauert Biersack.

Beim Vergleich der Zahlen aus dem "Spiegel der Statistik" mit der Arbeitslosenstatistik fällt allerdings auf, dass sich die Zahl der beschäftigten Programmierer über 50 von 1999 bis 2006 nahezu verdoppelt hat, während die Zahl der älteren Arbeitslosen gesunken ist. Nur kommt das eben nicht in allen Berufsgruppen gleichermaßen an: Selbst die so gefragten Ingenieure sind je älter, je häufiger arbeitslos. "Die Unternehmen müssen sich gegenüber älteren Arbeitslosen mehr öffnen", fordert Berufsforscher Biersack deshalb. Schließlich unterlägen auch die Kundengruppen dem demographischen Wandel, gleichaltrige Mitarbeiter dürften deren Bedürfnisse seiner Meinung nach leichter erkennen als jüngere.

Die Hoffnung auf Einsicht teilt Andreas Stein nicht. "Die Gesellschaft wird zwar älter, aber sie will das nicht wahrhaben", sagt der Werber. Zum Beleg führt er die Modebranche an. Präsentiert würden die Modelle von jungen "Hungerhaken", auch wenn sie von der Generation 60 plus mit Kilo 70 plus getragen werden sollen. "Der Jugendkult ist ein Wunschdenken", analysiert Stein. In seiner eigenen Branche sei er aber auch eine Art Existenzsicherung. Schließlich würden viele junge Werber verheizt, arbeiteten bis zum Umfallen - um dann gegen jüngere Nachwuchskräfte ausgetauscht zu werden. Diese typischen Stationen im Leben eines Werbers kennt Andreas Stein aus eigener Anschauung. "Mit Pappen beladen zum Neukunden und dort die Mieze aus der Torte springen lassen, voller Energie und jugendlichem Tatendrang", davon berichtet er aus der Erinnerung. Heute seien zwar eher Pixel als Pappen gefragt, aber das Prinzip sei geblieben: Die Werbe- und Marketingleiter auf Kundenseite verlangten nach jungen Kreativen, und die Agenturen böten sie ihnen.

Stein selbst beteuert, lieber auf erfahrene Kräfte setzen zu wollen: "Die jungen Leute schieben eine Riesenwelle und produzieren viel heiße Luft, weil ihre Ideen oft nicht umsetzbar sind." Wer dazu mit Mitte 30 keine Lust mehr habe, steige auf in die Strategieberatung oder wechsele gleich auf die Kundenseite. Wer mit Mitte 40 nicht weiter aufsteigen könne oder gar wegen seines Alters auf der Straße stehe, mache sich selbständig. "Es gibt unzählige Einzelkämpfer in der Branche, etliche sind allerdings auch Verzweiflungstäter."

Die Lösung: „Ich bin kopfpubertär“

Nach Steins Beobachtung hat dieser Mechanismus das Image der Werbebranche ramponiert. "Sie ist fast so unbeliebt wie Versicherungen und Telekom", vergleicht er. An den Bewerberzahlen ist das allerdings noch nicht erkennbar. Allein bei "steindesign" in Hannover - "nicht gerade das Mekka der Werbeagenturen", wie der Gründer zugibt - gehen mehr als 500 Bewerbungen im Jahr ein. Und die Werbemetropole München zählt 4000 Agenturen, überschlägt Diplom-Designer Volker Müller aus der bayerischen Hauptstadt. "Durch die Digitalisierung ist es sogar noch einfacher geworden, sich mit Werbung selbständig zu machen. Heute muss der Grafiker nicht einmal zeichnen können, das erledigt der Rechner."

Eine dieser kleinen, neuen Agenturen gehört dem Dreiundfünfzigjährigen seit vergangenem Jahr selbst: Nach 20 Jahren als "Creative Director" in sechs verschiedenen Agenturen wollte er sich nicht mehr von Jüngeren reinreden lassen und gründete mit einem früheren Kollegen die Agentur CCCP. "Heute arbeiten wir für Hundefutter und morgen für Handys", erklärt Müller, warum ihn Werbung immer noch fasziniert. "Mehr Abwechslung geht nicht." Um da allerdings auch jenseits der 50 noch mitmischen zu können, seien Professionalität, Verantwortungswille und viel Kreativität nötig. Müller hat dafür eine eingängige Kurzformel gefunden: "Ich bin kopfpubertär."

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