"Es ist eine Mentalitätsfrage. In Großbritannien werden Leute schief angeschaut, die in ihrem Berufsleben nicht fünf- bis zehnmal den Arbeitgeber gewechselt haben. Man macht sich verdächtig, den Anschluss verpasst zu haben", beobachtet Jörn Hadenfeldt, Geschäftsführer der englischen Tochtergesellschaft des Nürnberger Zeitarbeitsunternehmens I. K. Hofmann. "In Deutschland ist es genau umgekehrt. Häufige Jobwechsel gelten immer noch als Makel im Lebenslauf."
Boom nach Weihnachten
Imageprobleme wie in Deutschland kennen die britischen Zeitarbeitsunternehmen nicht. Besonders nach Weihnachten boomt das Geschäft. Dann suchen Tausende Briten nach einer kurzfristigen Arbeit, um ihr Konto aufzufüllen und die Kreditkartenrechnungen zu bezahlen. Sie setzen sich nach Feierabend in Callcenter, erledigen am Wochenende die Ablage in Büros. "Die Zeitarbeit ist hilfreich, um schnell eine Arbeit zu finden und zusätzlich Geld zu verdienen", wirbt der Branchenverband REC. Nach Angaben des Nationalen Statistikamtes haben mehr als eine Million Menschen auf der Insel zwei Jobs. 3,75 Millionen sollen laut der Gewerkschaft TUC mehr als 48 Stunden in der Woche arbeiten.
Karolina Lemiesz ist eine der vielen polnischen Einwanderer in Großbritannien, die sich mit Zeitarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen. Der Arbeitstag der jungen Frau startet um 6 Uhr morgens und dauert bis tief in die Nacht. Bis nachmittags verpackt sie Kleidungsstücke und Kosmetikartikel in einem Lager. Wenn ihre festangestellten Kollegen den Feierabend antreten, geht es für sie in die zweite Runde. Mehrere Stunden putzt Lemiesz in einem Hotel. Natürlich hätte sie lieber einen festen Job, sagt sie in gebrochenem Englisch, aber der sei nicht so einfach zu finden. Die Zeitarbeitsagenturen vermittelten ihr schnell immer wieder neue Arbeit. "Es funktioniert gut", meint sie lächelnd. In ihrem Heimatland suchte sie vergeblich nach Arbeit.
Mit allen Pflichten
So unkompliziert ist die Jobberei je nach Bedarf nur, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Zeitarbeit in Großbritannien flexibler sind als in Deutschland. Hierzulande wird die Zeitarbeitsfirma zum regulären Arbeitgeber - mit allen damit verbundenen Pflichten. Die Verleiher zahlen die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung, gewähren Mutterschutz, bezahlten Urlaub und müssen sich an den gesetzlichen Kündigungsschutz halten. Auch wenn sich an einen Einsatz nicht sofort der nächste anschließt, kann der Zeitarbeiter nicht sofort entlassen werden. Die Löhne legen Tarifverträge fest. Darüber hinaus gibt es Sonderregeln. Beispielsweise dürfen Zeitarbeiter nicht am Bau eingesetzt werden. "Auch wenn das Gesetz an vielen Stellen gelockert wurde, können wir immer noch nicht so flexibel agieren, wie es gerade in dieser Branche nötig wäre", klagt Randstad-Geschäftsführerin Heide Franken.
Die britischen "Temps" sind zwar auch normal sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Zeitarbeitsfirmen können ihnen in der ersten Zeit jedoch von einem Tag auf den anderen kündigen. Nur Schwangere genießen größeren Schutz. Für alle anderen gilt erst nach 15 Wochen ununterbrochener Beschäftigung eine Kündigungsschutzfrist von 14 Tagen. Das bedeutet, dass die meisten "Temps" de facto nur während eines Einsatzes Geld verdienen, nicht wenn sie krank werden oder Urlaub nehmen wollen. Um die Einsätze nahtlos aneinanderzufügen, lassen sich viele von mehreren Firmen registrieren. Per Anruf Job lautet das Prinzip.
Mehr Geld als in Deutschland
Anders als in Deutschland gibt es in Großbritannien keinen Tarifvertrag. Allerdings müssen sich die Zeitarbeitsfirmen an den gesetzlichen Mindestlohn halten. Dieser ist mit ungefähr 5 Pfund (7,50 Euro) mit der untersten Tarifgruppe in Deutschland vergleichbar. Deutsche Zeitarbeiter bekommen im Osten mindestens 6,26 Euro und im Westen 7,20 Euro. Qualifizierte Zeitarbeiter schneiden in Großbritannien besser ab als in Deutschland - allerdings bei einem höheren allgemeinen Lohnniveau und höheren Lebenshaltungskosten. Adecco beispielsweise zahlt einem Financial Controller mit fünf Jahren Berufserfahrung in Frankfurt 50 000 bis 65 000 Euro im Jahr, in London umgerechnet 90 000 Euro. Ein Buchhalter kommt in Frankfurt auf 40 000 bis 50 000 Euro, in London auf 75 000 Euro.
Das Leben als ewiger Neueinsteiger hat allerdings auch seine Schattenseiten. Lucy Proctor hat eine sieben Jahre lange Karriere als "Temp" hinter sich. Der Tageszeitung "Guardian" listete sie unlängst auf, was ihr am meisten an der Arbeit missfallen hat. "Wo soll ich anfangen? Eine halbe Stunde am Empfang zu warten, weil niemand weiß, wer für dich zuständig ist. Vor einem schwarzen Computerbildschirm zu sitzen, während jemand verzweifelt versucht, dein Passwort herauszufinden. Sich jedes Mal einen Sicherheitsausweis ausleihen zu müssen, wenn man auf die Toilette geht. Sich vorwerfen lassen zu müssen, Telefonanrufe falsch weiterzuleiten, obwohl die Telefonliste seit Jahren nicht mehr aktualisiert wurde." Der Human-Resources-Managerin Mary Rouse, die acht Monate lang als Zeitarbeitskraft arbeitete, machte vor allem die geringschätzige Behandlung der festangestellten Kollegen zu schaffen. "Als Temp wird von einem erwartet, diejenigen Aufgaben zu erledigen, die alle anderen nicht machen wollen. Das ist jedem klar. Als mich aber eine jüngere Kollegin losschickte, ein Sandwich zu kaufen, weil sie nicht gefrühstückt hatte, bin ich ausgeflippt."
Büros ohne Tageslicht
Abgesehen von solchen Alltagssorgen müssen britische "Temps" mit härteren Arbeitsbedingungen als ihre deutschen Kollegen vorliebnehmen. Kontrollen beim Einsatzbetrieb wie in Deutschland gibt es selten. "Büros ohne Tageslicht oder Schreibtische, die gerade einmal Platz für einen Computer lassen, sind der Normalfall", erzählt Hadenfeldt. Auch für Schulungen bleibt im schnelllebigen Geschäft keine Zeit. Die Gewerkschaft TUC berichtet von einer Frau, die 38 Jahre lang als "Temp" gearbeitet hatte, ohne an einer einzigen Weiterbildung teilzunehmen. In Deutschland dagegen präsentiert sich die Zeitarbeit gerne als Brücke in den Arbeitsmarkt. Tatsächlich sind 60 Prozent der Zeitarbeiter vorher arbeitslos gewesen, jeder Dritte wird vom Einsatzbetrieb übernommen. Das ist mehr als in Großbritannien.
Tanja Seifert arbeitet derzeit in der Rechtsabteilung eines Industrieunternehmens. Ihr Arbeitgeber ist die Zeitarbeitsfirma I. K. Hofmann. Die 27 Jahre alte Juristin musste sich wie viele ihrer Kommilitonen nach dem zweiten Staatsexamen arbeitslos melden. Nach einem kurzen Ausflug in die Selbständigkeit entschied sie sich für die Zeitarbeit. "Soziale Absicherung ist für mich sehr wichtig", erklärt sie, "wenn ein Projekt zu Ende geht, möchte ich nicht in die Arbeitslosigkeit fallen oder von Existenzsorgen geplagt werden." Bisher hat sie so immer wieder Jobs gefunden. In ihrem jetzigen Betrieb bestehen gute Aussichten auf ein Übernahmeangebot. Im liberalen Großbritannien hätte Seifert diesen Schutz und Komfort nicht - womöglich hätte sie dort aber schneller einen Job gefunden, ohne Umweg über die Zeitarbeit.