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Aggressionsforscher Jens Weidner „Bissigkeit schützt vor Burn-out“

Wer Karriere machen will, muss die Machtspielchen der anderen kennen - und zuweilen selbst mitspielen. Wie das geht beschreibt der Aggressionsforscher Jens Weidner im Interview.

© Archiv Vergrößern Jens Weidner ist Ratgeberautor und Professor für Kriminologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Herr Weidner, Sie predigen, Mitarbeiter mit Karrierewunsch sollten ihre natürliche Aggression einsetzen. Wozu?

Um sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen zu lassen. Dazu muss man die täglichen Machtspiele im Büro transparent machen, dann fallen die Leute nicht mehr darauf herein. Die Gewinner-Typen, die ohnehin schon durchsetzungsstark sind, dominieren das Spielfeld. Meine Aufgabe ist es, neue Spieler auf das Spielfeld zu bringen. Ich gebe den Menschen in ihrem Arbeitsumfeld den Segen, sich bissig positionieren zu dürfen - für eine gute Sache. Wenn alle wissen, wie Machtspiele gehen, finden sie seltener statt. Und dann können wir uns wieder auf unsere Kernarbeit konzentrieren.

Wie gehen Sie vor?

Ich sehe mir die Leute genau an und analysiere ihre Schwächen, um zu schauen, warum sie in ihr Unglück rennen. Dann geht es darum, den Leuten beizubringen, dass sie zu 80 Prozent ein guter Mensch sein können, aber zu 20 Prozent bissig agieren müssen. Dieses Mischungsverhältnis schützt vor Burnout und davor, übervorteilt zu werden, weil Menschen sie für zu harmlos halten. Ich nenne das die Peperoni-Strategie.

Gibt es Menschen, die so ein natürliches Aggressionspotential gar nicht haben?

Theoretisch gibt es das nicht. Aber faktisch begegnen mir immer wieder Menschen, denen ich nur sagen kann: Lass es, damit machst du dich unglaubwürdig. Aber das ist nicht tragisch. Solche Leute müssen nur dafür sorgen, dass sie sich einen Leutnant besorgen. Das sind Kollegen, die die unangenehme Arbeit für einen machen. Im Gegenzug entlasten Sie diese Person in einem anderen Bereich, wo Sie es mehr draufhaben.

Gibt es auch hoffnungslose Fälle?

Ich sollte einmal in St. Gallen einer Gruppe von Doktorandinnen und Habilitandinnen erzählen, was es für Hinterfotzigkeiten geben kann. Doch das war nicht vermittelbar. Die haben mir nichts geglaubt, weil sie dachten, durch ihre Qualifikation sind sie unangreifbar. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Wenn ich in meinem Unternehmen aufsteigen will, und dann taucht auf einmal eine 30-Jährige aus St. Gallen auf, werde ich doch versuchen, die abzuschießen, solange sie noch im Wachstum ist.

Wer kommt zu Ihnen?

Die Leute, die bei mir Rat suchen, sind alle schon einmal auf die Nase gefallen. Oder es sind zumindest Menschen, die sich gewundert haben, warum sie in ihrem Unternehmen schon wieder übergangen wurden. Nach den ersten Misserfolgen sind die Leute bereit, sich darauf einzulassen. Bei mir war das früher ja nicht anders. Bis zu meinem 34. Lebensjahr war ich so ein Schäfchentyp und habe mich gewundert, warum es nicht weiterging. Man hat mich nicht gefördert, weil man froh war, dass man mich da hatte, wo ich war. Ich habe mich quasi durch meinen Fleiß um meine Beförderung gebracht.

Was kann man da machen?

Wenn ich mich machtstrategisch intelligent aufstellen möchte, brauche ich ein halbwegs stabiles Netzwerk. Und das muss ich in Zeiten aufbauen, in denen es mir gutgeht. Das geht nicht mehr, wenn ich unter Beschuss gerate.

Was sind denn die schlimmsten Fehler, die man machen kann?

Das Schlimmste ist, kein Ziel zu haben. Wenn Sie kein Ziel haben, brauchen Sie auch nicht zu kämpfen. Dann gleiten Sie einfach durch Ihren Alltag und lassen andere die Ziele definieren. Der zweite Fehler ist, zu naiv zu sein. Das passiert, wenn man den Sympathischen glaubt. Die Unsympathischen sind nie das Problem, weil wir ihnen sowieso immer mit einem gewissen Misstrauen begegnen. Problematisch sind die, die wir total nett finden. Man sollte immer mit einem pessimistischen Menschenbild einsteigen, um sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Besteht auch die Gefahr, dass man es mit dem Biss etwas übertreibt?

Klar besteht die, besonders, wenn man damit beginnt. Aber da gibt es etwas Schönes, um wieder zurückzurudern: Man entschuldigt sich.

Das reicht?

Völlig. Nach einer klaren Entschuldigung liegen Ihnen 90 Prozent der Mitarbeiter zu Füßen. Das zeigt wahre Größe, danach werden Sie mit Lob überschüttet - was eigentlich kurios ist. Wenn man dagegen das Ziel von vornherein aus vorauseilendem Gehorsam unterläuft, heißt es gleich: Der hat es nicht drauf.

Also lieber zu viel als zu wenig?

Ja, lieber ein bisschen zu viel und dann zurückrudern, als gar nicht am Ziel ankommen. Karriere machen ist schwierig, aber schwieriger ist es, sich oben auch zu halten. Schauen Sie doch mal, wer sich über 25 Jahre an der Spitze hält. Und wer schafft dann eigentlich noch einen Abgang in Würde?

Das hört sich alles anstrengend an.

Ist es auch. Man muss schon einiges anstellen, um eine Karriere zu halten. Man muss sich fragen: Wo macht man sich angreifbar? Woraus können mir Eierzähler einen Strick drehen? Das ist immer auch ein Moralcheck. Es ist bemerkenswert, was man da findet.

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Das Gespräch führte Corinna Budras.

Quelle: F.A.Z.

 
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