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Veröffentlicht: 07.11.2016, 06:24 Uhr

Ablenkung im Büro Das Märchen vom Multitasking

Mails lesen, twittern und telefonieren gleichzeitig - kann das gut gehen? Jedenfalls sind viele Büromenschen irre stolz darauf, dass sie es können. Aber was sagt eigentlich die Hirnforschung dazu?

von Eva Heidenfelder und
© Picture-Alliance Telefonieren, Mails checken und gleichzeitig das Kind hüten - ganz schön anstrengend! Auch fürs Gehirn.

Zeit ist Geld - vor allem im Büro. Das Telefon klingelt, wir nehmen den Anruf selbstverständlich sofort entgegen. Aber dafür Outlook ignorieren? Kommt gar nicht in Frage! Also telefonieren wir und checken parallel dazu Mails. Unverfrorene Zeitgenossen beantworten ihre Nachrichten sogar während eines Telefonats. Bekommt der Gesprächspartner doch gar nicht mit, glauben wir. Doch ein aufmerksamer Zuhörer merkt schon an der Stimme, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung nicht ganz bei der Sache ist. Er ist einsilbig und verliert schnell den Gesprächsfaden. Und spätestens das leise „Klickklick“ von Maus und Tastatur verrät den Ausbund an Unhöflichkeit.

Ursula  Kals Folgen:

Abgesehen davon, dass ein solches Verhalten nicht von gutem Benehmen zeugt, kommt ein anderer Stolperstein hinzu: Wer mit seinen Gedanken bei zwei Aufgaben gleichzeitig ist, bringt sich leicht in jene Situationen, in denen eine flapsige Mail an Kollegen, womöglich noch mit einer frechen Bemerkung über den Vorgesetzten, via „an alle senden“ direkt beim Chef landet. Das heißt, er macht Fehler.

 
Mails lesen, twittern und telefonieren gleichzeitig - kann das gut gehen?

Seitdem das Smartphone allgegenwärtig ist, empfinden viele Menschen es als normal, in ihrem täglichen Tun ständig unterbrochen zu werden. So ergab eine Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft aus dem Jahr 2015, dass zwei Drittel der deutschen Smartphone-Besitzer ihr Gerät täglich in Gebrauch nehmen - und das nicht nur einmal. Ein Informatiker der Universität Bonn wiederum hat eine App entwickelt, mit der Menschen messen können, wie häufig und wie lange sie ihr Smartphone täglich nutzten. Im vergangenen Herbst veröffentlichte der Wissenschaftler die Auswertung der Daten von gut 60.000 Nutzern seiner App. Das Ergebnis: Im Durchschnitt entsperrten die Testpersonen 53 Mal am Tag den Bildschirm ihres Geräts. Damit unterbrachen sie im Schnitt alle 18 Minuten die Tätigkeit, mit der sie gerade beschäftigt waren. Das heißt, die Nutzer griffen nicht nur zum Smartphone, wenn sie einen Anruf, eine E-Mail oder eine andere Benachrichtigung erhielten. Sie aktivierten das Gerät, um im Internet zu surfen oder Apps zu nutzen - häufig also wohl auch aus Langeweile.

Damit birgt das Smartphone ein hohes Potential, seine Nutzer beständig von ihrer eigentlichen Tätigkeit abzulenken. Außerdem bietet es die Möglichkeit, zu prokrastinieren, sich also von häufig unangenehmen Aufgaben abzuwenden. Gepaart mit einer beständigen Angst, etwas Wichtiges oder Aktuelles zu verpassen, hat dies viele Smartphone-Nutzer abhängig von ihrem Gerät gemacht. Ein Smartphone muss also gar nicht ständig piepsen, blinken oder vibrieren, um die Aufmerksamkeit seines Besitzers an sich zu fesseln und nebenbei die Nerven der Mitmenschen zu strapazieren. Viele scheinen mit ihm derart psychisch und physisch verwachsen zu sein, dass der Bonner Wissenschaftler und viele seiner Forscherkollegen von einer Smartphone-Sucht sprechen.

Parallel agieren und gute Ergebnisse abliefern - geht kaum!

Wir telefonieren also, während wir eine Mail schreiben und möglicherweise noch das vibrierende Smartphone verarzten. Doch es kostet hohe Konzentration und erhebliche Anstrengung, an mehreren Schauplätzen parallel zu agieren und gute Arbeit mit belastbaren Ergebnissen abzuliefern. Effektiver ist es, erst ein Telefonat zu führen und sich danach seinen Mails zu widmen. Also eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten. Das ist unter Psychologen eine Binsenweisheit. Und das sagt einem der gesunde Menschenverstand - der aber bei immer mehr Menschen mit Blick aufs Smartphone auszusetzen scheint. Sie sinken dann nach einem Arbeitstag erschöpft ins Bett. Meist mit dem unguten, aber berechtigten Gefühl, heute mal wieder zu wenig erledigt zu haben - obwohl sie doch an so vielen Baustellen gleichzeitig zugange waren. Die Ursache des Problems ist ebenso simpel wie selbst geschaffen: Der Mensch ist nicht multitaskingfähig.

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