http://www.faz.net/-gyl-75o6q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.01.2013, 09:12 Uhr

Arbeitslosigkeit Überbrückungshilfe für junge Franzosen

Fast ein Viertel der 15- bis 24-Jährigen in Frankreich sind arbeitslos. Die Regierung will ihnen mit subventionierten Stellen helfen

von Johanna Ritter
© Johanna Ritter Abgebrochene Ausbildung: Nun arbeitet Gaëtan Briois im Kinderhort.

Kleine Reihenhäuser an einer ruhigen Straße, ein Postamt, eine Bäckerei, eine Grundschule. In dem unscheinbaren Vorort Courtry, etwa 20 Kilometer von Paris, soll für den neunzehnjährigen Gaëtan Briois eine bessere Zukunft beginnen. Er hat im Kinderhort „Jacques Brel“ einen der sogenannten „Zukunftjobs“ (Emplois d’avenir) angetreten, eine staatlich gestützte Stelle. Bis Ende 2014 sollen insgesamt 150.000 solcher Arbeitsplätze in Frankreich entstehen. Für Präsident François Hollande sind sie eine der wichtigsten Waffen im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit.

Ein Dutzend Kinder haben sich auf dem Boden um Gaëtan geschart. Die Jungen und Mädchen recken die Finger hoch. Zwischen den Kindern sieht der junge Mann mit seinen fast zwei Metern aus wie ein freundlicher Riese, sein wuscheliges Haar macht ihn noch ein wenig größer. Gaëtan legt den Finger an die Lippen - „Pssst“ - alle sind still, damit er die Spielregeln erklären kann.

Animateur, Friseurlehrling, arbeitslos

Gaëtans neue Stelle besteht aus Kinderspielen - seine Arbeitssuche war lange Zeit alles andere als das. Zwei Jahre schlug er sich herum mit Nebenjobs, als Animateur in Ferienfreizeiten, mit einer angefangenen Friseurlehre und vielen Stunden im Arbeitsamt. Die Chancen standen schlecht und wurden in der Wirtschaftskrise immer schlechter: Mehr als 23 Prozent der 15- bis 24-Jährigen, die in Frankreich weder die Schulbank drückten noch in einer Ausbildung steckten, waren im dritten Quartal dieses Jahres arbeitslos. Das ist weniger als in den Krisenländern Spanien und Griechenland, aber deutlich mehr als beispielsweise in Deutschland, wo die Arbeitslosenquote von Jugendlichen etwa 8 Prozent beträgt.

Mehr zum Thema

Mit den neuen Stellen löst Präsident François Hollande ein Versprechen ein, das er schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt machte - als er sich selbst als „Präsident der Jugend“ titulierte. Die Jugendlichen bekommen eine Vollzeitstelle mit einer Vertragsdauer von ein bis drei Jahren und eine Bezahlung auf dem Niveau des staatlichen Mindestlohnes, der derzeit 1425,67 Euro brutto beträgt. Daneben sollen sich die Jugendlichen weiterbilden können.

Attraktive Konditionen

Die Konditionen gelten als nahezu luxuriös, bedenkt man, dass sich die Stellen an junge Menschen ohne Abschluss oder mit maximal einer schulischen Berufsausbildung richten. Wer das Bildungssystem ohne Abschluss verlässt, hat in Frankreich ein zweieinhalb mal so hohes Risiko arbeitslos zu werden wie mit Abitur.

Der Staat zahlt für die „Zukunftsjobs“ kräftig drauf: Er kommt für 75 Prozent des Mindestlohns auf, sofern es sich um eine Stelle im öffentlichen oder gemeinnützigen Bereich handelt. Dort sollen die meisten der Arbeitsplätze entstehen. Für Jobs in gewinnorientierten Unternehmen gibt es 35 Prozent des Mindestlohns.

Abgebrochene Ausbildung

„Die Stelle ist für mich ein Glücksfall“, sagt Gaëtan Briois. Die Schule besuchte er erst in Frankreich, später im Übersee-Departement La Réunion, wo seine Familie herkommt. Danach sollte er an der Berufsschule zum Mechaniker für Gartengeräte ausgebildet werden. „Das war eigentlich gar nicht das, was ich machen wollte“, sagt er, „ich hatte auch nie Lust auf die Schule.“ Die Quittung dafür kam vor zwei Jahren: Er schaffte den Abschluss nicht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Demos gegen Arbeitsmarktreform Viele Verletzte nach Protesten in Frankreich

Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei sind in mehreren französischen Städten mehr als hundert Demonstranten festgenommen worden. Es ging gegen die geplante Arbeitsmarktreform. Ein Polizist schwebt in Lebensgefahr. Mehr

28.04.2016, 22:24 Uhr | Politik
Merkel und Hollande in Metz EU muss Flüchtlingskrise gemeinsam lösen

Die EU muss die Flüchtlingskrise nach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande gemeinsam lösen. Nach einem Treffen beim deutsch-französischen Ministerrat in Metz bekräftigten sie zudem die Entschlossenheit ihrer Regierungen, in dieser Frage zusammen zu agieren. Mehr

07.04.2016, 19:13 Uhr | Politik
Australischer Rüstungspoker Wie Frankreich die deutschen U-Boote ausgestochen hat

Früher waren Verhandlungen über Waffengeschäfte in Frankreich Chefsache. Nun hat der Verteidigungsminister den milliardenschweren U-Boot-Deal mit Australien an Land gezogen – mit schweigsamer Rüstungsdiplomatie. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

28.04.2016, 11:50 Uhr | Politik
Jacqueline Sauvage Gnade für eine Mörderin in Frankreich

Jacqueline Sauvage kam wegen Mordes an ihrem Mann in Haft. Er hatte sie zuvor jahrzehntelang misshandelt und missbraucht. Nun kommt sie frei – Frankreichs Präsident Hollande hat sie begnadigt. Mehr

07.04.2016, 14:45 Uhr | Gesellschaft
U-Boot-Deal mit Australien Vom Platzen eines allseits beliebten Rüstungsgeschäfts

Die Bundesregierung wollte unbedingt U-Boote an Australien verkaufen – die Australier machen das Geschäft aber lieber mit Frankreich. Das könnte an der restriktiven deutschen Rüstungspolitik liegen. Mehr Von Günter Bannas und Johannes Leithäuser, Berlin

28.04.2016, 19:14 Uhr | Politik

Gründen für vegane Hipster Für gute Pizza verzichten sie auf 150.000 Euro im Jahr

Matthias Kramer und Marc Schlegel wollten eigentlich eine Dating-App herausbringen. Warum sie statt dessen ein Unternehmen für veganen, glutenfreien und kalorienarmen Pizzateig gegründet haben. Mehr Von Jonas Jansen 6 11