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Arbeitsgesundheit Karriere für ein langes Leben

 ·  Eine Langzeitstudie hat 1500 Menschen über 80 Jahre begleitet: Nicht die Entspanntesten, sondern die Fleißigsten wurden am ältesten.

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Diese Studie ist brisant. Das könnte erklären, warum man sie hierzulande bislang kaum kennt", sagt Klaus-Peter Schmidt. Der Psychologe vom Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund findet die Unbekanntheit "trotzdem erstaunlich", denn die Studie wurde "ja von führenden amerikanischen Forschern mit einem exzellenten Datensatz betrieben".

Worum geht es? Howard Friedman und Leslie Martin von der University of California sind die zuletzt verantwortlichen Autoren eines einzigartigen Projekts, das mehrere Wissenschaftlergenerationen beschäftigt hat und sich im Kern um die Frage dreht: Hält Arbeit - auch stressige - jung, oder lebt es sich besser und länger, wenn man insgesamt im Leben eine ruhige Kugel schiebt?

Ein Leben lang arbeitete auch der Initiator an seiner Studie

Das erstaunlich klare "Nein" zum Faulenzen und ebenso kernige "Ja" zur Arbeit, das diese Studie liefert, dürfte provozieren. Aber das Fazit der Forscher fußt auf einer extrem gründlichen Langzeitstudie, die 1921 von dem Stanford-Psychologen Lewis Terman gestartet und auch nach ihm benannt wurde. Terman suchte etwa 1500 überdurchschnittlich intelligente, um 1910 geborene Jungen und Mädchen aus. In regelmäßigen Abständen wurden die "Termiten" acht Jahrzehnte lang detailliert zu verschiedenen Lebensbereichen befragt.

Terman starb 1956. Danach gingen weitere Forscher ans Werk, Friedman und Martin waren die letzten. Sie sorgten dafür, dass die bis dato auf Fachjournale beschränkten Erkenntnisse den Weg in die breite Öffentlichkeit fanden: Ihr Buch "The Longevity Project" erschien vor einem Jahr auf dem amerikanischen Markt, seit dieser Woche liegt es in deutscher Sprache vor ("Die Long-Life-Formel", Beltz Verlag). Obwohl die Probanden einer anderen Generation angehörten, sind sich die Autoren sicher: Ihre Erkenntnisse sind allgemeingültig.

Stressvermeidung ist ein Mythos

So halten Friedman und Martin gängige Tipps zur Stressvermeidung für "nicht sehr nützlich", sondern für einen "Mythos, der nur in die Sackgasse" führe. Es gebe so gut wie keine wissenschaftlichen Beweise, dass die Herausforderungen des täglichen Berufslebens das Immunsystem angreifen und eine größere Zahl von Menschen an Krebs oder anderen durch Immunschwäche verursachten Erkrankungen sterben. Auch gebe es so gut wie keine Hinweise darauf, dass Menschen, die von ihrem Beruf stark beansprucht würden oder sehr viel arbeiteten, eher an Herzerkrankungen leiden.

Die Forscher konnten das genaue Gegenteil zu diesen Mythen feststellen: Diejenigen, die den größten Berufserfolg hatten, starben am seltensten früh. Die Erfolgreichsten lebten im Durchschnitt sogar fünf Jahre länger als die Erfolglosesten.

Beruflicher Erfolg maß sich allerdings nicht am Einkommen. So galt nicht nur der Millionen scheffelnde Geschäftsmann als erfolgreich, sondern auch der Professor, der ein normales Gehalt erzielte, aber einen brillanten Ruf genoss.

Gewissenhaftigkeit und Disziplin sind ein Muss

Als Schlüssel zum Berufserfolg und einem langen, gesunden Leben machten die Autoren eine besondere Gewissenhaftigkeit und Disziplin dieser Menschen aus. Männer, die beruflich erfolglos und seit Kindesbeinen an sehr undiszipliniert waren, besaßen ein "dramatisch erhöhtes Sterblichkeitsrisiko" schon vor dem 60. Lebensjahr.

Wachsende Verantwortung im Beruf bringe zwar mehr Herausforderungen und größere Arbeitslasten mit sich, doch paradoxerweise sei dies "der langfristigen Gesundheit eher förderlich". Es sei kein Zufall, dass Chefs aller Art in der Regel länger lebten als ihre Untergebenen.

Nicht immer den eigenen Kopf durchsetzen

Für Stress waren in besonderem Maße Konflikte mit den Kollegen verantwortlich, weniger die Anforderungen der Arbeit, fanden die Forscher heraus. Ein guter Schutzschild schien, Streit aus dem Wege zu gehen und nicht immer seinen Kopf durchsetzen zu wollen. Wer das beherzigte, blieb gesünder und lebte länger.

Auch nannten die vitalen Männer über 60 Jahre als wichtigste Aspekte in ihrem Leben nicht Freunde, Kultur oder die Suche nach Glück, sondern Arbeit und Familie. "Die Arbeit wurde nicht als Stress gesehen, den man meiden musste, sondern als etwas höchst Wertvolles."

Und wie verhielt es sich mit den Ruheständlern? Knapp die Hälfte der Probanden, die um 1910 geboren waren, lebte noch in den 1980er Jahren. Die Forscher verglichen diejenigen, die im Alter noch sehr produktiv waren mit denjenigen, die eher ihre Ruhe haben wollten. Die Ergebnisse seien "dramatisch": "In den beiden folgenden Jahrzehnten lebten die kontinuierlich produktiven Männer und Frauen sehr viel länger als ihre entspannten Altersgenossen." Auch litten diejenigen, die noch im hohen Alter hart arbeiteten, "nicht unter Stress und Trübsal", sondern waren "zumeist glücklicher, gesünder und sozial eingebundener" als ihre unproduktiven Altersgenossen.

Wie beurteilen hiesige Experten die Erkenntnisse?

Klar sei, dass Menschen sich über Erfolg bei der Arbeit definierten, betont Psychologe Schmidt. "Lebens- und Arbeitszufriedenheit sind ein guter Vorhersagewert für die Gesundheit in der Zukunft." Die zentrale Bedeutung, die Friedman und Martin den Persönlichkeitsmerkmalen Ausdauer, Disziplin und Motivation zuschreiben, deckten sich mit eigenen Arbeiten: "Wir sprechen von Selbstkontrollfähigkeit." Es sei gut belegt: Wer Ablenkungen widerstehen, Frustrationen überwinden und sich insgesamt gut kontrollieren könne, gerate seltener in Konflikte - beruflich wie privat. Mit Disziplin gingen "viele positive Effekte" einher bis hin zum längeren Leben und Arbeiten, sagt Schmidt.

Auch sei Disziplin ein guter Vorhersagewert für Burn-out: "Wer sich selbst besser unter Kontrolle hat, brennt seltener aus." Zudem entwickelten disziplinierte Menschen im Alter Strategien, mit denen sie altersbedingte Defizite besser ausgleichen können. "Sie konzentrieren sich dann voll auf das, was sie gut können, und erzielen auch im Alter noch Spitzenleistungen." Es gebe Hinweise, dass sich diese lebensverlängernden Persönlichkeitsmerkmale auch antrainieren ließ. "Wir entwickeln gerade entsprechende Trainings-Module", sagt Schmidt.

Auf Wechsel zwischen An- und Entspannung achten

Ralph Bruder, Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft der TU Darmstadt, betrachtet die Terman-Studie als interessante Fundgrube, die eine Menge an wertvollen Hinweisen für den Einzelnen liefere. So wisse man auch aus anderen Untersuchungen, dass beruflich sehr aktive Menschen auch im Alter länger fit blieben und vor Abbauprozessen des Gehirns besser geschützt seien.

Gleichwohl warnt Bruder vor einer schlichten Übertragung auf heutige Verhältnisse: "Die Arbeitsverdichtung ist größer geworden, es fehlen oft zeitliche Spielräume." Der notwendige Wechsel zwischen An- und Entspannung sei heute schwieriger. Umso wichtiger sei es, den äußeren Arbeitsrahmen zu definieren und für sich selbst Wege zu finden, wie man den Arbeitsaufwand regulierte.

Denn das sogenannte Aufwand-Belohnungs-Schema spiele für den gesundheitsfördernden Aspekt von Arbeit eine große Rolle: "Ein großer Entscheidungsspielraum, gepaart mit angemessenen Zeitspielräumen, wirkt sich förderlich auf die Gesundheit aus." Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass sowohl Kreative, die zeitlich recht frei disponieren könnten, als auch Manager, die perfekt zu organisieren verstehen und Arbeit delegierten, mit einem längeren Leben belohnt würden.

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