„Warum tust du dir das an?“, fragte ein Freund, als Norbert Gürtler ihm von seinem neuen Ehrenamt berichtete. Tja, warum? Warum war er nicht im Kirchengemeinderat geblieben? Warum wollte er unbedingt den Rentnern den Rücken kehren und sich mehrmals im Monat allein mit ehemaligen Kriminellen treffen? „Ihnen muss klar sein, dass Ihre neuen Klienten nicht alle juhu rufen, wenn sie Sie sehen“, hatte man ihm am Anfang gesagt. Die Betreuung durch den Bewährungshelfer wird vom Richter verordnet.
Norbert Gürtler ließ sich weder davon noch von den Bedenken seines Freundes abschrecken - eine der Voraussetzungen, um in Baden-Württemberg ehrenamtlich in der Bewährungshilfe zu arbeiten. Außerdem mitzubringen: ein stabiles Umfeld und eine gefestigte Persönlichkeit. Gürtler ist 60 Jahre alt, kommt aus der Nähe von Stuttgart und arbeitet bei Daimler in der Prüfplanung. Er hat eine Frau und zwei Kinder. Konflikte löst er im Normalfall nicht mit Fäusten, sondern indem er darüber spricht. Die Eckdaten stimmen.
Umstrittenes Ehrenamt
Auch wenn die Neustart gGmbH ihre Freiwilligen nach bestem Gewissen aussucht und längst nicht jeden nimmt, der sich bewirbt, ist das Ehrenamt von Gürtler umstritten. Als das Land Baden-Württemberg die Bewährungshilfe 2007 an die gemeinnützige GmbH übertrug, kam von vielen Seiten Kritik. Es hieß, das Land stehle sich aus der Verantwortung. Neustart setzt zum großen Teil auf Ehrenamtler. 450 hauptamtliche Bewährungshelfer werden im Moment von 517 Ehrenamtlichen unterstützt. Gürtler findet das richtig: „Es braucht Ehrenamtler. Die Hauptamtler können das gar nicht alles leisten.“
Drei Tage dauerte seine Grundausbildung bei der Neustart gGmbH, dann bekam Gürtler seine erste „Akte“. Den Familienvater dahinter lernte er wenige Tage später kennen: Marian Bach - so soll er hier zumindest genannt werden. Er möchte nicht, dass man seinen richtigen Namen in der Zeitung lesen kann. Sein Chef weiß nicht, dass er zwei Jahre im Gefängnis saß, weil er Drogen verkauft hat. Gürtler war zwar anderer Meinung: „Sag es ihm doch, er wird dich schon nicht rauswerfen“, hatte er gemeint. Aber der Norbert glaube ja auch immer an das Gute, sagt Bach.
Er selbst gehe seit seinem Gefängnisaufenthalt immer vom Schlimmsten aus. Bis heute hat er sich nicht getraut, seinem Chef etwas zu sagen. Gürtler akzeptiert das. Er kann nur beraten. Leben und entscheiden muss Bach selbst. „Ich will ihn wieder aufbauen, ihm sein Selbstbewusstsein zurückgeben“, beschreibt Gürtler seine Aufgabe: „Resozialisation. Es geht darum, den Menschen wieder lebensfähig zu machen.“
Bach vertraut Gürtler. Er weiß, dass sein Geheimnis bei ihm sicher ist. Der Ehrenamtler spricht außerhalb von Neustart mit niemandem über seine Klienten. Noch nicht einmal mit seiner Frau. Das ist wichtig für Bach, denn Gürtler weiß alles über ihn. Er muss es in das Protokoll eintragen, das er regelmäßig über Bach bei seinem Teamleiter bei Neustart abgeben muss. Finanzen, Familie, Gefühlslagen, einfach alles. Gleich bei ihrem ersten Treffen besuchte Gürtler Bach zu Hause. Der ließ ihn bereitwillig in sein Leben. Im Gegensatz zu vielen anderen Klienten freute er sich sogar, dass Gürtler so nah dran ist an ihm. „Die Bewährungshelfer, die ich davor hatte, waren nie bei uns“, sagt Bach. Sie haben es nicht geschafft, denn als hauptamtliche Bewährungshelfer betreuen sie teilweise mehr als 70 Klienten. Als Gürtler dann bei Bach im Wohnzimmer saß, mit dessen Frau und dessen zwei Kindern, war die Akte endgültig keine Akte mehr. „Da war keine Distanz“, erinnert sich der Ehrenamtler. Die Chemie stimmt.
Neben Bach betreut Gürtler noch zwei weitere Klienten. Die anderen Ehrenamtler haben im Schnitt nur zwei. Vor allem Menschen, die betrogen oder gestohlen haben. Oft sind auch Drogen dabei, wie bei Bach. Sexualstraftäter und Leute, die gewalttätig waren oder gar jemanden umgebracht haben, sind ausgeschlossen. Sie werden von hauptamtlichen Mitarbeitern betreut.
Bach findet es mutig, dass Gürtler sich ihm gegenübersetzt. Ihm, einem ehemaligen Drogendealer, einem der zwei Jahre im Gefängnis war. Mutig? Nein, als mutig würde Gürtler sich nicht beschreiben. Er sieht auf dem Stuhl gegenüber keinen gefährlichen Straftäter sitzen, sondern einen Familienvater mit Geldproblemen. Und dem will er helfen. Das Persönliche ist die besondere Herausforderung an dem Ehrenamt. Und die habe er gesucht. „In der Kirchengemeinde haben die Rentner wegen Kleinigkeiten eine Sitzung einberufen“, sagt Gürtler.
Um Kleinigkeiten geht es in der Bewährungshilfe so gut wie nie. Einer von Gürtlers Klienten steht bald wieder ohne Job da. Ein anderer wird immer wütender, auf alles und jeden. Gürtler überlegt, ihn in ein Anti-
Aggressionstraining zu schicken. Und Bach? Bach hat immer noch 1500 Euro Schulden. Anfangs waren es 5500 Euro, vor allem offene Handyrechnungen. Dann kamen noch die Gerichtskosten dazu. Die Schulden waren das Erste, was Gürtler mit Bach angegangen ist. Denn sie waren der Grund, warum er während seiner ersten Bewährung wieder anfing, Haschisch zu verkaufen: Er konnte die Stromrechnung nicht bezahlen und hatte Angst, Weihnachten mit seiner Familie im Dunkeln verbringen zu müssen. Weil er beim Verkaufen erwischt wurde, musste er ins Gefängnis. Und danach: noch mal drei Jahre Bewährung.
Zwei davon haben Bach und Gürtler mittlerweile gemeinsam verbracht. Zwei Jahre ihres Lebens. Sie sehen sich einmal im Monat und telefonieren bis zu zwei Mal pro Woche. Zwei Väter, die sich gut verstehen und bei Bachs Pflichtanrufen auch einfach mal über Fußball reden. Auch wenn Bach erst 31 Jahre alt ist und anders als Gürtler mit Scheidung, Drogen und ohne Ausbildung groß wurde. „Ich bin sehr empathisch. Ich verstehe Marian gut. Auch, wenn er ganz anders ist als ich“, sagt Gürtler.
Bach habe jegliches Selbstbewusstsein gefehlt, als sich die beiden kennenlernten. Probleme habe er immer gleich für unlösbar gehalten und sie deswegen von sich weggeschoben. Gürtlers Art ist das nicht. Annehmen, anpacken, abhaken. Gleich beim ersten Treffen machte Gürtler Schluss damit. „Als ich ihm nicht sagen konnte, wie viel Schulden ich mittlerweile hatte, ließ Norbert mich alle Rechnungen holen“, erinnert sich Bach. Wie im Fernsehen sei das gewesen. Er habe diese Sendungen oft gesehen, habe aber seinen eigenen Schuldenberater gebraucht, der ihm auf die Füße tritt. „Marian hat dann Papier aus allen Ecken der Wohnung zusammengetragen“, sagt Gürtler und schüttelt lächelnd den Kopf. Beim nächsten Treffen hatte Bach einen Ordner, ein Haushaltsbuch und wusste auf den Cent genau, wie viel seine Schulden betrugen und wie viel seines spärlichen Gehalts er jetzt jeden Monat abdrücken muss. Annehmen, anpacken, abhaken.
„So etwas passiert mir nicht mehr“
Vor kurzem hat Gürtler sich von Neustart fortbilden lassen. Natürlich am Wochenende. Er hat ein Seminar besucht und neue Methoden gelernt, wie er mit seinen Klienten ihre Straftaten aufarbeiten kann. Denn das ist, wie er findet, die wichtigste Aufgabe eines Bewährungshelfers. „Marians Drogenvergangenheit haben wir im Laufe der zwei Jahre immer wieder durchgesprochen“, sagt Gürtler. Bach sagt, zu Anfang habe Gürtler ihm ganz schön den Kopf gewaschen. „Da hat mir zum ersten Mal jemand gezeigt, welche Verantwortung ich habe. Da habe ich erst richtig begriffen, was es bedeutet, dass ich eine Frau und zwei Kinder habe.“
Gürtler findet, Bach sei seitdem enorm gewachsen. Irgendwann, in einem ihrer vielen Gespräche, als es wieder einmal um die Drogen ging, habe Bach dann zu ihm gesagt: „So etwas passiert mir nicht mehr.“ An die Überzeugung in seiner Stimme erinnert sich Gürtler noch genau. Würde sein Freund ihn heute noch einmal fragen, warum, würde er ihm von diesem Moment erzählen. Dieser Moment war für ihn unbezahlbar. Auch wenn natürlich niemand sagen kann, ob Bach tatsächlich durchhält. Über Skype hat er immer noch Kontakt zu seinen alten Schulkameraden, die weiter Drogen nehmen und verkaufen. Jeder fünfte Klient muss wieder ins Gefängnis, weil er seine Auflagen verletzt oder wieder straftätig wird.
Ein bisschen mutig
Aber nicht bei allen Klienten von Gürtler läuft es so gut. Vor kurzem hat einer wieder einmal ein Pflichttreffen ausfallen lassen. Da hat sich Gürtler hingesetzt und einen Brief an ihn geschrieben: Wenn er sich nicht bei ihm melde, werde er die Bewährungshilfe abgeben. Bestenfalls bekäme er dann einen neuen Bewährungshelfer. Vielleicht müsste er aber auch wieder ins Gefängnis. Dass es schon Fälle gab, in denen der Ehrenamtler wütende Anrufe von seinem Klienten bekam, scheint Gürtler nicht zu beeindrucken. Vielleicht ist er doch ein bisschen mutig.
Bachs Bewährung läuft im November aus. Dann wird Norbert Gürtler seine erste Akte schließen. Bach wird auch weiterhin seine Schulden abstottern und den Skype-Kontakten widerstehen, davon geht Gürtler aus. Er verlässt sich auf Bach - genau wie der sich auf ihn verlässt. Bach weiß, dass Gürtler ihm auch weiterhin zum Geburtstag gratulieren wird. So, wie er es auch die letzten zwei Jahre getan hat.
