Ein Interview zu geben, das geht schon in Ordnung. Aber über die Mountainbike-Strecke zu heizen, das ist an diesem waschküchenschwülen Münchener Sommertag eindeutig schöner. Leonhard ist höflich, aber keineswegs unfroh, als wir das Gespräch über ihn und seinen Mentor Peter Kleinz unterbrechen und er nach Herzenslust bei bulliger Hitze über die Erdhügel der staubtrockenen Sandstrecke rasen kann - ausgestattet mit Helm und freundlichen Tipps seines Mentors, wie man hier am besten die Kurve kriegt. Nach halsbrecherischen Runden sind die beiden so richtig schön eingesaut, verschwitzt und mit ihrer sportlichen Leistung zufrieden.
Sie nehmen die Helme ab und wechseln zum Fußball, gleich gegenüber auf die Wiese der Bezirkssportanlage im Münchener Stadtteil Solln. Einmal in der Woche, meist an einem Samstag, trifft sich das Duo. Zusammengefunden haben sie über das Münchener Regionalbüro von „Big Brothers Big Sisters“. Die Idee der gemeinnützigen Gesellschaft ist mehr als 100 Jahre alt, kommt aus Amerika und ist ungebrochen aktuell: Gestandene Erwachsene begleiten ein Kind ins Leben und übernehmen eine Patenschaft auf Zeit. Längst gibt es unter dem Stichwort Bildungspaten auch in Deutschland mehrere Initiativen, die diesen Gedanken verfolgen: Studenten bei „Balu und Du“ gehen mit Kindern ins Museum, die sonst vor dem Nintendo abhängen. Senioren helfen Kindern aus Migrantenfamilien, die daheim kein deutsches Wort hören, bei den Hausaufgaben.
Und es gibt die Münchener „Mentoren für Kinder und Jugendliche“, von Paten spricht keiner, denn das Tandem ist zunächst auf ein Jahr ausgerichtet. Die durch eine Stiftung und mit Hilfe von Sponsoren finanzierte gemeinnützige Organisation gibt es in sechs Regionen. In München sind mehr als 70 Prozent der Mentoren zwischen 30 und 49 Jahre alt, darunter Unternehmensberater, Flugbegleiter, Sekretärinnen und Anwältinnen.
Verena Mohr leitet das Büro und räumt sofort mit Vorurteilen auf: Für Sozialromantiker sei sie nicht zuständig. Als naiv-idealistischer Gutmensch mal eben ein verwahrlostes Kind bildungsferner Schichten vor dem weiteren Abstieg retten, darum gehe es hier nicht: „Wir suchen Menschen, die offen und zuverlässig sind und Geduld haben, ein Kind in einer möglicherweise schwierigen Lebenssituation zu unterstützen.“ Die Diplompädagogin skizziert den ehrgeizigen Anspruch: „Wir möchten Kindern Impulse für informelles Lernen geben und ihnen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.“
Die Chemie muss stimmen
Die Mentoren verbringen mit den Kindern rund acht Stunden im Monat, treffen sich entweder einmal in der Woche oder alle zwei Wochen. Zuvor müssen die Bewerber „eine dreistufige Sicherheitsprüfung“ absolvieren: ein Führungszeugnis beibringen, im persönlichen Gespräch überzeugen und einen Workshop zur Vorbereitung mitmachen. Dort gibt es unter anderem eine Tandemtasche mit Umsonst-Tipps, was man in München alles unternehmen kann. „Viele Kinder hier kennen weder den Marienplatz, noch haben sie je am Isarufer gespielt“, bedauert Verena Mohr.
Ein Mentoringteam schaut sorgfältig darauf, welche Tandems zusammenpassen könnten. Klar, dass eine gemütliche Theatergängerin nicht gut zu einem Mädchen mit einem ausgeprägten Drang zum Toben passt. Oder dass eine aufgeräumte Plaudertasche ein eher schüchternes Kind überfordert. „Die Chemie muss stimmen“, sagt Verena Mohr. Zurzeit gibt es in München 85 Tandems, in ganz Deutschland sind es mehr als 1000. Auch beim Kennenlerntreffen ist ein Berater dabei: „Die Eltern setzen ihr Vertrauen in uns“, sagt Verena Mohr.
Hat sich ein Tandem gefunden - wobei immer Männer für Jungs und Frauen für Mädchen vermittelt werden -, fragen die Mitarbeiter einmal im Monat nach, ob alles klappt oder ob es Probleme gibt. Denn die können aus den geringsten Anlässen in allerbester Absicht entstehen. Ein typisches Beispiel ist eine Einladung zum Abendessen: Dankbare Eltern laden den Mentor spontan zum Essen ein und sind danach plötzlich unsicher, ob das der Gast nun jedes Mal erwartet. „Nun stellen Sie sich vor, dass da noch Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten aufeinandertreffen und übersetzt werden muss. In solchen Fällen moderiert der Berater“, erklärt Verena Mohr.
Leonard ist ein klassischer „Kunde“ von „Big Brothers Big Sisters“. Der Zehnjährige wächst ohne seinen nigerianischen Vater auf. Seine deutsche Mutter ist sichtlich gerne Mutter, sie ist sich aber bewusst, dass Jungs eben auch mal gerne mit einem Mann an ihre sportlichen Grenzen stoßen oder etwas über die Welt aus Männersicht erfahren möchten. Sie freut sich mit Leonhard über den guten Kontakt zu seinem 53 Jahre alten Mentor, „denn ein bissl männlicher Beistand fehlt doch“.
Kein Mann der großen Worte
Peter Kleinz ist Berater für Arbeitssicherheit, Brandschutz und Gesundheitsschutz. Ein Mann der großen Worte ist der passionierte Sportler nicht. Bei den Treffen sei das anders, stellt Leonhard klar. „Dann unterhalten wir uns über alles Mögliche.“ Es geht um Sport, um Technik und ausnahmsweise um Stress an seiner Schule. Das ist aber ein Randthema, Leonhard hat gute Noten. Später möchte er entweder Fußballer oder Jurist werden - „weil man total viel Geld damit verdienen kann“. Seine Mutter lacht, als sie seine Begründung hört, und relativiert: „Leonhard hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Er will immer herausfinden, wo wer was falsch gemacht hat.“ Ihr Sohn nickt.
Warum ist Peter Kleinz Mentor geworden? „Viele erkaufen sich das gute Gefühl mit Spenden irgendwohin. Da stellt sich mir die Frage, was soll mein Geld im fernen Ausland? Erst mal muss ich vor der eigenen Tür kehren.“ Die Mentoren-Idee fand er spontan gut. Zustimmung gibt es auch von seiner Frau und seinem längst erwachsenen Sohn. Immerhin wohnt er weit draußen nahe dem Starnberger See „auf halbem Weg nach Andechs“. Drei, vier Stunden verbringt er einmal in der Woche mit Leonhard, meist am Wochenende.
Zum Stadtlauf und auf die Kletterwand
Viel lässt sich der zurückhaltende, aus Rheinland-Pfalz stammende Mann nicht entlocken. Nur zögerlich deutet er an, dass sein Stiefvater sich für ihn wenig Zeit genommen hat. Bedauert er das? Seine Antwort fällt knapp aus: „Sicher.“ Sichtlich lieber spricht Kleinz über all die Aktionen, die er mit Leonhard gemacht hat. Zum Beispiel den Stadtlauf. Während er einen Halbmarathon gelaufen ist, hat Leonhard fünf Kilometer in einer halben Stunde gepackt und kam als 51ster unter 1800 jungen Läufern ans Ziel. Die ordentliche Plazierung haben beide dann in der Lounge vom Sponsor BMW in der Kaufingerstraße gefeiert.
So richtig Spaß hatten sie auch im Kletterwald auf dem Blomberg bei Bad Tölz. Schwankende Bohlen packte Leonhard mit links, aber sich an langen Seilen hinabschwingen, das nötigte ihm Respekt ab. „Wäre meine Mutter dabei gewesen, dann hätte sie mich wohl am liebsten auf dem Sternchenparcours gesehen, der ist aber nur was für Kleinkinder“, sagt der aufgeweckte Gymnasiast. Seine Mutter lacht und dementiert das nicht, wohlwissend, dass gerade auch der kleine Mensch mit seinen Aufgaben wächst. Dann schon lieber 14 Meter wipfelabwärts schwingen, natürlich angeseilt, aber ein Nervenkitzel war es trotzdem. Auch für Peter Kleinz war der Kletterausflug eine Premiere. „Das haben wir lässig genommen, bis zu einem gewissen Punkt“, grinst er zu seinem Sportsfreund hinüber. „Ich erlebe ja auch was Neues und sehe die Welt mit anderen Augen“, sagt er und wundert sich darüber, wie rasch das Jahr vergangen ist.
Die erste weite Radtour ging an die Isar. Am Ufer unterhalb der Grünwalder Burg haben sich beide bei Multivitaminsaft und Schinkenbroten gestärkt, dann aber die S-Bahn nach Hause genommen. Im Winter haben sie die Räder auf Vordermann gebracht oder waren Schlittschuhlaufen. Bald endet das gemeinsame Jahr, aber wie bei den meisten Tandems ist eine Fortsetzung geplant. Leonhard strahlt übers ganze Gesicht, als er das berichtet. „Wenn Schule ist, könnte ich locker bis 10 Uhr schlafen. Aber wenn am Wochenende die Treffen mit Peter sind, bin ich um sechs Uhr wach.“
