Henry Alt-Haaker bekommt auch drei Jahre nach seinem Abschluss noch regelmäßig Post von Professoren und ehemaligen Kommilitonen. Der 33-Jährige hat gleich an vier Hochschulen studiert - und alle laden ihn regelmäßig zu Alumni-Treffen, Konferenzen und Informationsveranstaltungen ein und schicken ihm Newsletter und Facebook-Nachrichten; die meisten bitten zudem um Spenden oder Unterstützung für einzelne Studenten. Da kann er nicht jeder Einladung nachkommen. „Generell ist es mir wichtig, dass die Serviceleistung der Hochschulnetzwerke auch nach dem Studium stimmt“, sagt Alt-Haaker. „Allerdings wünsche ich mir manchmal ein besseres Informationsmanagement. In der heutigen Zeit gibt es schließlich viele soziale Netzwerke, die man pflegen möchte.“ An einer exklusiven Veranstaltung im kleinen Kreis, etwa an einem Kaminabend mit ranghohen Politikern oder international bekannten Wissenschaftlern, nimmt er aber gerne teil.
Solche Einladungen hat er während seines Studiums an der Hertie School of Governance schätzen gelernt. An der privaten Berliner Hochschule hat er vor drei Jahren seinen Master in Public Policy abgeschlossen; als er noch Student war, hat er über das Netzwerk der Hochschule Kontakte in die Politik geknüpft. Heute ist Alt-Haaker Leiter des Bundestagsbüros eines Regierungsmitglieds. Und damit selbst ein begehrter Kontakt im Hertie-Netzwerk.
Kontakte als Karrierebeschleuniger?
Für private Hochschulen wie die politische Kaderschmiede in Berlin sind erfolgreiche Absolventen wie Alt-Haaker Gold wert. Denn wer die hohen Studiengebühren einer Privatuniversität zahlt, erwartet als Gegenleistung nicht nur beste Ausstattung, enge Kontakte zum Professor und persönliche Betreuung während des Studiums, sondern auch besonders gute Karriereaussichten nach dem Studium. „Private Hochschulen sind stärker als staatliche in der Pflicht, ihren Absolventen einen reibungslosen Übergang ins Berufsleben zu ermöglichen“, erklärt Markus Langer von der Hochschulberatung CHE Consult. „Die Hochschulen werben deshalb mit ihren Alumni-Netzwerken und preisen die Kontakte zu ehemaligen Studenten als Karrierebeschleuniger an.“ Vorbilder sind die amerikanischen Elite-Universitäten. Studenten zahlen viel Geld für einen Abschluss in Yale oder Harvard - dafür ist aber auch die anschließende Karriere gesichert. Für diesen Service zeigen sich die Absolventen auch nach dem Studium erkenntlich: Spenden ehemaliger Studenten sind eine der wichtigsten Einnahmequellen dieser Hochschulen.
Im Gegensatz zu den traditionsreichen amerikanischen Hochschulen ist das Netzwerk vieler junger deutscher Privathochschulen allerdings noch recht klein, und ihre Spendenkonten sind bei weitem nicht so gut gefüllt. „Im Gegensatz zu den amerikanischen Universitäten spielen Spenden der Alumni für unsere Finanzierung keine so große Rolle“, sagt Helmut Anheier, Leiter der Hertie School. „Trotzdem ist ein Alumni-Netzwerk für eine private Hochschule in Deutschland ein Muss. Die engen Kontakte zu Ehemaligen helfen uns vor allem dabei, neue Studenten zu rekrutieren und unsere Hochschule bekannter zu machen.“ Das Alumni-Netzwerk bietet Studenten zum Beispiel eine Datenbank mit Stellenangeboten und Karriere-Mentoren aus dem Kreis früherer Absolventen. Über einen Praktikumsfonds können ehemalige Studenten ihre Nachfolger während der Praxis-Phasen des Studiums finanziell unterstützen. „Für uns ist entscheidend, dass sich die Studenten vom ersten Semester an und auch später im Berufsleben mit der Hochschule identifizieren“, sagt Anheier. Diesen Prozess der Identifikation anzustoßen, verpassten viele deutsche Hochschulen. „Vor allem die großen Hochschulen mit mehreren zehntausend Studenten tun sich damit schwer.“
Die privaten Hochschulen haben das Thema früher entdeckt
Die meisten staatlichen Hochschulen beginnen gerade erst damit, ihre ehemaligen Studenten gezielt für die Interessen ihrer Universität und ihrer Studenten einzuspannen. „Man muss schon zugeben, dass die privaten Hochschulen das Thema früher für sich entdeckt und umgesetzt haben“, sagt Erland Erdmann, Präsident des Absolventennetzwerks Köln-Alumni. „Studenten erwarten heute von einem Alumni-Netzwerk gute Verbindungen in Wirtschaft und Politik und ein Gemeinschaftsgefühl unter Studierenden und Ehemaligen.“ Das erfordere individuelle Serviceleistungen und eine intensivere Kontaktpflege. „Für uns als Universität mit fast 40 000 Studenten und vielen verschiedenen Fachbereichen ist das aber wesentlich schwieriger als für eine kleine, spezialisierte Privathochschule.“ Andererseits sei das breite Fächerspektrum der Universität ein Vorteil für die Netzwerker: „Arbeitsstellen für Akademiker sind ja heute meist interdisziplinär ausgerichtet“, sagt Erdmann. Ein Wirtschaftswissenschaftler kann zum Beispiel von Kontakten der Regionalwissenschaftler nach Asien profitieren, wenn er dort eine Stelle sucht. Oder ein Jurist nutzt die Kontakte eines BWL-Absolventen in die Wirtschaft zum Karriereeinstieg.
Allerdings sind die Alumni-Clubs an großen Hochschulen wie der in Köln oft nicht auf die Vermittlung von Stellen ausgerichtet. Sie sollen vielmehr vor allem das Image der Hochschule in der Öffentlichkeit verbessern und Spenden für Hochschulprojekte einsammeln. An der Universität Köln hat das Alumni-Netzwerk zum Beispiel über Spenden eine Kindertagesstätte für Studenten finanziert. Und einen USB-Stick mit Informationen zur Universität, der an Erstsemester verteilt wird. Zum Alumni-Stammtisch trifft man sich derweil eher auf ein Kölsch in der Kneipe als zum exklusiven Kaminabend mit Wirtschaftsgrößen.
Kaum ein Mitstudent oder Freund sei in dem Netzwerk aktiv, erzählt Ines Kristina Just, Jurastudentin in Köln. Auch sie selbst kam eher durch Zufall zu Köln-Alumni. „Wie die meisten Kommilitonen dachte auch ich am Anfang, dass Alumni-Netzwerke nur etwas für Ehemalige sind, die miteinander im Kontakt bleiben wollen“, erzählt sie. „Viele wissen gar nicht, dass es auch Veranstaltungen für Studenten gibt, bei denen man schon während des Studiums Kontakte zu Ehemaligen knüpfen kann.“ So hat die 29-Jährige das Alumni-Netzwerk schon genutzt, wenn Ehemalige politische Diskussionsrunden oder einen Ausflug ins Kanzleramt nach Berlin organisiert haben. Auch eine persönliche Führung über den Frankfurter Flughafen und in der örtlichen Microsoft-Niederlassung standen auf dem Programm. „Solche ungezwungenen, lockeren Netzwerktreffen sind eine interessante Alternative zu Empfängen oder Fachkongressen“, sagt Just. Für das berufliche Netzwerk seien Kontakte an der Fakultät oder fachbezogene Netzwerke außerhalb der Universität zwar wichtiger. „Im Alumni-Netzwerk kann ich aber auch Kontakte zu Nichtjuristen knüpfen, Erfahrungen austauschen und somit über den Tellerrand gucken.“
Ob exklusive Privathochschule oder staatliche Massen-Universität - ein echtes Karrieresprungbrett seien die Alumni-Clubs der deutschen Hochschulen nicht, sagt Sörge Drosten, Berater der Personalberatungsgesellschaft Kienbaum. „Auch wenn die privaten Hochschulen diesen Mythos pflegen: Attraktive Posten in Wirtschaft und Politik werden nicht nach der Zugehörigkeit zu einem Netzwerk besetzt“, sagt Drosten. „Wer seine Mitgliedschaft im Alumni-Netzwerk einer Hochschule im Lebenslauf betont, kann im Vorstellungsgespräch gefragt werden: Und was haben Sie da genau gemacht?“ Echtes persönliches Engagement sei für die spätere Karriere wichtiger als die formelle Mitgliedschaft in einem illustren Netzwerk.
„Nicht selten über vakante Positionen informiert“
Gute Kontakte und zusätzliche Informationen schadeten aber nicht, stellt Drosten klar. „Hochkarätige Alumni-Netzwerke sind nicht selten über attraktive vakante Positionen informiert“, sagt er. Das bestätigt auch Profi-Netzwerker Henry Alt-Haaker: „Über die Alumni-Netzwerke erfährt man häufig von aktuellen Stellenausschreibungen. Und man kann Kontakte knüpfen, die im Berufsleben nützlich sind“, sagt er. „Dass man über Alumni-Kontakte direkt eine Stelle angeboten bekommt, ist aber ein Mythos. Ich kenne niemanden, der unmittelbar dadurch einen Job bekommen hat.“
Wenn er heute Bewerber für eine freie Stelle auswähle, sei die Mitgliedschaft in einem Netzwerk auch nicht das entscheidende Kriterium: „Da gibt es immer Einzelne, die sehr aktiv sind und eine treibende Rolle einnehmen. Und die breite Masse, die sich wenig einbringt.“
Ein paar Kommentare
Dr. Wolfgang Klein (drwklein)
- 02.08.2012, 15:12 Uhr
Viel Engagement gegen Den Elfenbeinturm für wenig Erfolg
Markus Bussmann (Markus_g_bussmann)
- 02.08.2012, 09:12 Uhr
