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Alanus-Hochschule Die Beseelung des Wirtschaftstudiums

Die Alanus-Hochschule lehrt Wirtschaft zwischen Kunst und Eurythmie. Dabei strebt sie Bildung ohne Zweck an – aber auch frei von Esoterik.

© Peter v. Tresckow Vergrößern

Das rote Kastengebäude steht auf grüner Wiese. Der „Campus 2“ der Alanus-Hochschule ist an den Stadtrand von Bonn gebaut worden, dorthin also, wo sonst Speditionen und Einkaufszentren hinkommen, nicht aber Universitäten. Die Landschaft ringsum ist kurvenreich und lieblich. Anthroposophen haben ein Gespür für die Schönheit. An dieser staatlich anerkannten Hochschule kann man schon seit vielen Jahren Kunst studieren – und seit wenigen Jahren auch Betriebswirtschaft. Die beiden Disziplinen sollen einander befruchten. Was dabei herauskommen soll, klingt ziemlich verrückt: ein Wirtschaftsstudium mit Seele.

Jan Grossarth Folgen:  

Die Paradoxie soll Forscher und Studierende inspirieren. „Kunstpraxis ist die Grundlage unserer Hochschule, das erzeugt eine Grundspannung der Spontanität“, sagt der Rektor, ein mit leichtem Ruhrgebietsakzent sprechender gebürtiger Brasilianer. Marcelo da Veiga sagt außerdem, Alanus sei keine Geschäftsidee wie andere Privathochschulen, sondern eine Bildungsidee.

Kritisiert wird die „Gleichschaltung“ durch das Hochschulsystem

Da Veiga leitet die Hochschule seit ihrer staatlichen Anerkennung vor rund 10 Jahren. Er beklagt die Tendenz zur Standardisierung im Bildungssystem, die allzu häufig nur auf Karriereorientierung abziele. Wenige Verlage beherrschten zunehmend die Lehrpläne – insbesondere im Bereich der BWL. Auch der Bologna-Prozess befördere eine „Gleichschaltung“, sagt er. „Unser Hochschulsystem bietet keinen Raum mehr für Spannungen, Widersprüche und auch Ausweglosigkeit.“

Mit diesem Anspruch steckt die Alanus-Hochschule, die nach einem Scholastiker des 12. Jahrhunderts benannt ist, in einem grundsätzlichen Dilemma. Sie ist auf staatliche Anerkennung angewiesen, muss sich also an entsprechende Kriterien halten und darf nicht ins Sektiererische und Esoterische abdriften. Ein Beispiel: Das System des Peer Reviewing – die positive Evaluation wissenschaftlicher Aufsätze durch ausgewählte Vertreter der Disziplinen als Bedingung für einen Abdruck in wissenschaftlichen Journalen – ist für alternative Bildungsansätze ein Dilemma.

„Das ist, als wenn sich eine neu gegründete Partei durch die Bestätigung einer Bestehenden legitimieren möchte“, erklärt da Veiga. Doch auch seine Hochschule ist wegen ihrer staatlichen Anerkennung an dieses System gebunden: Berufungskommissionen entscheiden auch danach, ob Bewerber auf Professorenstellen Artikel in Zeitschriften veröffentlichen, die dem Peer Reviewing unterliegen.

Wirtschaftswissen philosophisch reflektieren

Die Studenten sind wegen der Lehre hier. Nikolas Bötschi ist selbst die noch zu konventionell. „Um Sandburgen zu bauen, braucht man nicht unbedingt das Wissen, wie man Legoburgen baut“, sagt er. Es werde zu viel klassische BWL gelehrt. Aus ökonomischen Denkmustern „auszubrechen“, wirtschaftstheoretische Annahmen wie Nutzen oder Rationalität immer wieder auch philosophisch zu reflektieren, deswegen studiere er hier.

Er sagt, er fühle sich wohl an der Hochschule und höre von Freunden, die anderswo BWL studierten, dass es dort nur um den reinen Wissenserwerb gehe, dass das Studium manchmal eine Qual sei. „Man kann die Wirtschaft aus vielen Perspektiven betrachten“, sagt er, „oft habe ich aber das Gefühl, dass eine Perspektive als die Wahrheit gelehrt und mit der Realität verwechselt wird.“ Der frühere Waldorf-Schüler will nach dem Studium Unternehmensgründer oder Wissenschaftler werden.

Geht es um Wissenserwerb oder eigenständiges Denken?

Die Gretchenfrage, die Studieninteressierte vor ihrer Entscheidung beantworten müssen, ist: Geht es in einem Wirtschaftsstudium für sie um den Wissenserwerb, wie in einem Ingenieurstudium, oder darum, Denken zu lernen?

Auf das Wissen kommt es in der VWL-Klausur der Studenten an der LMU München (VWL I / Mikro, Prof. Sven Rad, Wintersemester 2006/007) an:

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