Das rote Kastengebäude steht auf grüner Wiese. Der „Campus 2“ der Alanus-Hochschule ist an den Stadtrand von Bonn gebaut worden, dorthin also, wo sonst Speditionen und Einkaufszentren hinkommen, nicht aber Universitäten. Die Landschaft ringsum ist kurvenreich und lieblich. Anthroposophen haben ein Gespür für die Schönheit. An dieser staatlich anerkannten Hochschule kann man schon seit vielen Jahren Kunst studieren – und seit wenigen Jahren auch Betriebswirtschaft. Die beiden Disziplinen sollen einander befruchten. Was dabei herauskommen soll, klingt ziemlich verrückt: ein Wirtschaftsstudium mit Seele.
Die Paradoxie soll Forscher und Studierende inspirieren. „Kunstpraxis ist die Grundlage unserer Hochschule, das erzeugt eine Grundspannung der Spontanität“, sagt der Rektor, ein mit leichtem Ruhrgebietsakzent sprechender gebürtiger Brasilianer. Marcelo da Veiga sagt außerdem, Alanus sei keine Geschäftsidee wie andere Privathochschulen, sondern eine Bildungsidee.
Kritisiert wird die „Gleichschaltung“ durch das Hochschulsystem
Da Veiga leitet die Hochschule seit ihrer staatlichen Anerkennung vor rund 10 Jahren. Er beklagt die Tendenz zur Standardisierung im Bildungssystem, die allzu häufig nur auf Karriereorientierung abziele. Wenige Verlage beherrschten zunehmend die Lehrpläne – insbesondere im Bereich der BWL. Auch der Bologna-Prozess befördere eine „Gleichschaltung“, sagt er. „Unser Hochschulsystem bietet keinen Raum mehr für Spannungen, Widersprüche und auch Ausweglosigkeit.“
Mit diesem Anspruch steckt die Alanus-Hochschule, die nach einem Scholastiker des 12. Jahrhunderts benannt ist, in einem grundsätzlichen Dilemma. Sie ist auf staatliche Anerkennung angewiesen, muss sich also an entsprechende Kriterien halten und darf nicht ins Sektiererische und Esoterische abdriften. Ein Beispiel: Das System des Peer Reviewing – die positive Evaluation wissenschaftlicher Aufsätze durch ausgewählte Vertreter der Disziplinen als Bedingung für einen Abdruck in wissenschaftlichen Journalen – ist für alternative Bildungsansätze ein Dilemma.
„Das ist, als wenn sich eine neu gegründete Partei durch die Bestätigung einer Bestehenden legitimieren möchte“, erklärt da Veiga. Doch auch seine Hochschule ist wegen ihrer staatlichen Anerkennung an dieses System gebunden: Berufungskommissionen entscheiden auch danach, ob Bewerber auf Professorenstellen Artikel in Zeitschriften veröffentlichen, die dem Peer Reviewing unterliegen.
Wirtschaftswissen philosophisch reflektieren
Die Studenten sind wegen der Lehre hier. Nikolas Bötschi ist selbst die noch zu konventionell. „Um Sandburgen zu bauen, braucht man nicht unbedingt das Wissen, wie man Legoburgen baut“, sagt er. Es werde zu viel klassische BWL gelehrt. Aus ökonomischen Denkmustern „auszubrechen“, wirtschaftstheoretische Annahmen wie Nutzen oder Rationalität immer wieder auch philosophisch zu reflektieren, deswegen studiere er hier.
Er sagt, er fühle sich wohl an der Hochschule und höre von Freunden, die anderswo BWL studierten, dass es dort nur um den reinen Wissenserwerb gehe, dass das Studium manchmal eine Qual sei. „Man kann die Wirtschaft aus vielen Perspektiven betrachten“, sagt er, „oft habe ich aber das Gefühl, dass eine Perspektive als die Wahrheit gelehrt und mit der Realität verwechselt wird.“ Der frühere Waldorf-Schüler will nach dem Studium Unternehmensgründer oder Wissenschaftler werden.
Geht es um Wissenserwerb oder eigenständiges Denken?
Die Gretchenfrage, die Studieninteressierte vor ihrer Entscheidung beantworten müssen, ist: Geht es in einem Wirtschaftsstudium für sie um den Wissenserwerb, wie in einem Ingenieurstudium, oder darum, Denken zu lernen?
Auf das Wissen kommt es in der VWL-Klausur der Studenten an der LMU München (VWL I / Mikro, Prof. Sven Rad, Wintersemester 2006/007) an:
Aufgabe 3 (Öffentliche Güter)
In einer Ökonomie existieren nur die zwei Agenten Farah (F) und Hugbert (H), die Nutzen aus einem privaten Gut x sowie aus einem öffentlichen Gut G ziehen können. F besitzt ein Vermögen von 25 Kopeken und maximiert die Nutzenfunktion u(x(F),G)=ln(x(F))+G. H besitzt ein Vermögen von 50 Kopeken. Seine Nutzenfunktion sei gegeben durch u(x,G)=ln(x)+ln((G)*x(F). X und X(F) sind dabei die Mengen, die F und H jeweils in das öffentliche Gut investieren, wobei gilt, dass g(F) und g(H)=G. Die Kosten zur Bereitstellung des öffentlichen Gutes betragen für alle Individuen in der Ökonomie c(G)=G. (Dies bedeutet also, dass c(g(F))=g(f) für Farah und c(g(H))=g(H) für Hugbert gilt.) Der Teil des Vermögens der Agenten, der nicht in das öffentliche Gut investiert wird, wird automatisch in das private Gut investiert.
a) Berechnen Sie, wie viel F und wie viel H in das öffentliche Gut investieren werden, wenn beide Agenten simultan ihren Nutzen maximieren und das Spiel nur einmal gespielt wird. (6 Punkte)
b) Geben Sie eine allgemeine Formel für die sozial optimale Bereitstellung eines öffentlichen Gutes an. Erläutern Sie die Formel kurz. Erklären Sie, ob und warum die in Teilaufgabe a) bereitgestellten Mengen effizient sind (. . .)
Auf das Denken kommt es in der VWL-Klausur an der Alanus-Hochschule an (Mikroökonomie, Prof. Silja Graupe, Frühjahrssemester 2011):
3. Aufgabe
Gehen Sie im Folgenden davon aus, dass sich das Schlagwort „alt denken“ durch die neoklassische Theorie charakterisieren lässt, wie sie in den führenden volkswirtschaftlichen Lehrbüchern unserer Zeit gelehrt wird.
Schreiben Sie einen fiktiven Zeitungsartikel, in dem Sie dieses „alte Denken“ zunächst systematisch in einer auch für Laien verständlichen Form charakterisieren. Skizzieren Sie sodann, wie die Volkswirtschaftslehre Ihren Vorstellungen nach Wege hin zu einem „neuen Denken“ beschreiten kann und warum (oder ob überhaupt) Sie dieses für notwendig halten. Achten Sie auf eine sorgfältige, wissenschaftlich fundierte Argumentationsweise.
Die Wirtschaftspraxis hinterfragen und umgestalten
Rektor da Veiga selbst ist gar kein Ökonom. Er arbeitete für den Hauptsponsor der Hochschule, die Software AG Stiftung, bevor er das Amt übernahm. Sein Forschungsinteresse liegt auf dem Gebiet der Bildungsphilosophie. Es widerstrebt ihm, dass Bildung heute instrumentalisiert werde – als Weg zu Reichtum und sozialem Aufstieg. „Unsere Studenten sind Menschen, die Wirtschaft wichtig finden, aber auch mutig die Wirtschaftspraxis hinterfragen“, sagt er. Der Anteil an Studenten, die den Mut mitbringen, Wirtschaft „umgestalten“ zu wollen, sei hier hoch. Seine Worte klingen interessant, aber auch wolkig.
Die Büros des Rektors und der Professoren sehen mit ihren türkisfarbenen Türen, giftgrünen Stuhlgruppen oder schwarzen Lack-Sofas aus wie die einer Werbeagentur - und auch wie ein Großstadt-Kindergarten. Im europäischen Hochschulsystem kämen Fragen, die Menschen beträfen, zu kurz, sagt da Veiga – etwa die Spiritualität. So verliere die Hochschulbildung den Bezug zur Lebenswirklichkeit und für die Studierenden an Bedeutung.
„Nur“ ein Drittel der Studierenden kommt von Waldorffschulen
Auf einem Unternehmertag im Februar sieht das so aus: Studenten führen die Zuhörer in der Aula in das Thema „Entscheidungsfindung“ ein, die Teilnehmer müssen die Plätze wechseln, die Augen schließen, Bilder „einfangen“, die ihnen zum Thema Entscheidungsfindung einfallen, die Augen öffnen, sich mit dem Sitznachbarn über die Eingebungen austauschen.
Dem ersten Eindruck zum Trotz ist die Reformpädagogik aber nicht dominierend: „Nur“ rund ein Drittel der Studierenden komme von Waldorffschulen, sagt die Sprecherin der Universität, der Anthroposophenanteil unter den Professoren sei noch geringer. Zum Unternehmertag schicken nicht nur die Unternehmen, die die Hochschule fördern, ihre Vertreter, wie der Naturarzneimittelkonzern Weleda, die GLS Bank und die Bio-Supermarktkette Alnatura, sondern auch der Seelenpriorisierung unverdächtige Unternehmen wie Coca-Cola und die Bank West LB.
Beginn der Hochschule als Zentrum für Lehrerbildung
Die Anfänge der Hochschule reichen bis in die siebziger Jahre zurück. Vor Jahrzehnten ließ sich hier im Bonner Ortsteil Alfter eine Künstlerkolonie nieder, aber erst vor rund zehn Jahren wurde aus der Akademie eine staatlich anerkannte Kunsthochschule. Die Stiftung der Software AG wurde auf die Hochschule aufmerksam.
Hier sollte eine Ausbildungsstätte für Lehrer entstehen, die nach dem Studium die freie Wahl haben, an welcher Schulform sie unterrichten – an Waldorf-, Montessori- oder „normalen“ staatlichen Schulen. Alanus ist die erste private Hochschule in Deutschland, deren Lehramtsabsolventen im Fach Kunst das Staatsexamen ablegen können. Die Stiftung der Software AG unterstützt die Hochschule mittlerweile mit rund 5 Millionen Euro im Jahr – das ist etwa die Hälfte des Hochschulbudgets. „Es wäre unser Wunsch, dass der Staat eines Tages mitfördert“, sagt Walter Hiller, Kommunikationschef der Stiftung.
Nicht alles besser machen, sondern in der Lehre Akzente setzen
Die Wirtschaftsprofessoren – alle haben sich an staatlichen Hochschulen habilitiert – betonen, dass es hier nicht darum gehe, eine ganz andere Volks- und Betriebswirtschaftslehre zu lehren. Man wolle nicht alles besser machen, sondern nur andere Akzente setzen. Controlling sei eben unveränderbar Controlling, und es gebe viele Vorlesungen, die sich kaum unterschieden von denen an anderen Universitäten, etwa betriebswirtschaftliche Entscheidungslehre.
Steffen Koolmann, laut Hochschule einer der wenigen anthroposophischen Lehrstuhlinhaber, lehrt Volkswirtschaftslehre. Das Ziel seiner Vorlesungen sei es nicht, die „traditionelle Ökonomie zu verteufeln“, sondern sie zu lehren. „Wir sind nicht so ein Querdenker-Club oder so was, sondern wir müssen die Anstrengung unternehmen, die Modelle erstmal nachzuvollziehen.“
Moralphilosophie statt Mitleidlosigkeit
Silja Graupe lehrt VWL für Betriebswirte, doch im Rahmen des Studium Generale sitzen auch Eurythmisten und Kunststudenten in ihren Vorlesungen. Sie kritisiert an der in der akademischen Lehre dominierenden neoklassischen Ökonomie, dass diese zu „mechanischem Denken“ anregt, „dass Mitleidlosigkeit in diesem Fach systematisch antrainiert wird, ohne dass die Studenten darüber informiert werden“. Es geht auch ihr nicht darum, die Lehrpläne grundsätzlich umzuwerfen, sondern ein Bewusstsein zu vermitteln dafür, dass ökonomische Modelle Abstraktionen sind, keine Beschreibungen der Realität; sie will zeigen, wofür sie geeignet sind und wann ihre Anwendung sogar gefährlich werden kann.
So setzt Silja Graupe Schwerpunkte auf Themen, die als Lehrinhalte an den von abstrakten, mathematisch orientierten Mikroökonomen seit Jahren an deutschen Universitäten verdrängt werden: ökonomische Ideengeschichte, Wirtschaftsgeschichte, die Anfänge der klassischen Ökonomik in der Moralphilosophie. „Es geht darum, die Voraussetzungen unseres Denkens sichtbar zu machen“, sagt die Juniorprofessorin, die einst Wirtschaftsingenieurwesen studierte, eine „überzeugte Liberale“ war, was sich während eines Semesters in Japan änderte.
Im Studium machen Kunstvorlesungen und -seminare rund ein Fünftel der Stundenpläne aus. Die manchmal etwas „distanzlosen“ Studenten, wie es ein Hochschullehrer beschreibt, werden von Beginn an mit einem hohen Praxisanteil geerdet. Sie bewerben sich bei einem Unternehmen ihrer Wahl wie Alnatura, der Drogeriemarktkette dm, Klosterfrau und Weleda oder auch bei der Postbank und Rewe. Der hohe Praxisanteil sei ein großer Vorteil, findet eine Studentin: „Viele der Kommilitonen kriegen gleich ein Stellenangebot“. Danach zeigt sich, was die Absolventen in der Praxis taugen.
Die Regelstudienzeit für den BWL-Bachelor beträgt 6 Semester. Die internationale Agentur FIBAA hat den Studiengang akkreditiert.
Die Studiengebühr beträgt 800 Euro im Monat. Das Master-Studium ist berufsbegleitend und kostet monatlich 500 Euro.
In den drei Jahren des Bachelor-Studiums sind 15 Praxis-Monate in Unternehmen vorgesehen. Diese zahlen meist ein Praktikantengehalt von 500 Euro im Monat, oft übernehmen sie die Studiengebühren.
Maximal werden 45 Bewerber im Jahr angenommen. Es gibt ein Auswahlgespräch.
