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Ärzteknappheit Der Dienst am englischen Patienten

30.11.2005 ·  3.000 deutsche Ärzte arbeiten mittlerweile in Großbritannien. Was sich in Deutschland abzeichnet, ist auf der Insel längst Realität. Im Durchschnitt betreut ein britischer Arzt doppelt so viele Patienten wie ein Kollege in Deutschland.

Von Claudia Bröll
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Die erste Station von Friedrich Hansen an diesem Morgen ist ein Gesundheitszentrum in Ilford im Nordosten Londons. Eine somalische Frau mit acht Kindern kommt in die Sprechstunde und klagt über Unwohlsein. Hansen macht mit ihr einen Schwangerschaftstest: Sie ist im vierten Monat schwanger.

Zwei Stunden später sitzt der deutsche Arzt wieder im Zug: Als nächstes steht eine Praxis in den Docklands im Südosten der Stadt in seinem Terminkalender. Dort warten bereits mehrere Mütter mit kleinen Kindern, ein Diabetiker und ein Drogenabhängiger, der von seiner Sucht loskommen möchte.

Hansen ist einer von mehr als 3.000 deutschen Ärzten in Großbritannien. Was sich in Deutschland, vor allem im Osten, abzeichnet, ist auf der Insel längst Realität: Ärzteknappheit. Der Mangel an Medizinern ist so groß, daß Kranke bis zu einem Jahr auf eine Operation warten müssen. Im Durchschnitt betreut ein britischer Arzt doppelt so viele Patienten wie ein Kollege in Deutschland.

Hohe Gehälter auf der Insel

Händeringend suchen nicht nur Kliniken nach Fachkräften, auch in den Hausarztpraxen - den ersten Anlaufstellen für Patienten im britischen Gesundheitssystem NHS („National Health Service“) - stöhnt man über Personalengpässe. Seit Anfang dieses Jahres hat sich die Lage sogar verschärft. Nach einer Neuregelung müssen Hausärzte keine Nacht- und Wochenenddienste mehr leisten. Das reißt neue Lücken.

Das Ministerium wirbt daher um Ärzte aus dem Ausland und setzt sogar Headhunter für die Suche ein. „Die beruflichen Möglichkeiten sind hundertmal besser als in Deutschland“, schwärmt Hansen. Trotz Schreckensmeldungen über das marode britische Gesundheitswesen sind die Posten bei deutschen Medizinern begehrt. Der Ärztemangel und eine starke Medizinerlobby treiben die Gehälter nach oben. Die bei den britischen Ärzten unbeliebten Nacht- und Wochenenddienste läßt sich der Staat zwischen 45 und 80 Pfund pro Stunde kosten.

An einem Wochenende könne man „leicht und locker“ umgerechnet 3.000 Euro verdienen, rechnet Winfried Brenneis, Sprecher der Personalagentur „Medical Transfer Services“, vor. Angesichts dieser Verdienstmöglichkeiten kommen mehr als 2600 deutsche Ärzte regelmäßig von Donnerstag bis Montag nach Großbritannien, meist mit Billigfluglinien wie Ryanair oder Easyjet. Vor kurzem schrieb die Tageszeitung „Guardian“, daß in einigen Regionen jeder dritte Hausarzt, der nach der regulären Sprechstunde erreichbar sei, aus Deutschland komme.

Von Praxis zu Praxis

Doch auch die permanent in Großbritannien arbeitenden Mediziner beklagen sich selten über ihren Verdienst. Ein niedergelassener Hausarzt kommt auf ein Jahresgehalt von 100.000 Pfund (150.000 Euro) - bei etwa 48 Arbeitsstunden in der Woche und sechs Wochen Urlaub im Jahr. Ein Consultant im Krankenhaus verdient zwischen 70.000 und 100.000 Pfund ohne Prämien für besondere Aufgaben. Kümmert er sich auch um Privatpatienten, kann sich das Gehalt vervielfachen.

Hansen hat sich für die Arbeit als „Locum Doctor“ entschieden - eine britische Besonderheit. Er zieht von Praxis zu Praxis und vertritt Ärzte in deren Abwesenheit, für einige Stunden oder für mehrere Tage. „Ärzte, die auch nur für kurze Zeit ihre Praxis oder ihre Klinik verlassen müssen, rufen sofort eine Vermittlungsagentur an und bestellen eine Vertretung. Das ist ganz normales Geschäft“, erzählt der Allgemeinmediziner, der die Telefonnummern seiner drei Agenturen auswendig kennt.

Die Nachfrage nach den Zeitarbeitern in Weiß ist so hoch, daß sich ein florierender Markt für ihre Vermittlung entwickelt hat. Mehr als hundert spezialisierte Agenturen vermitteln per Anruf einen Arzt. Zwar müssen die „Locums“ auf eingespielte Arzt-Patienten-Beziehungen verzichten, dafür sind sie unabhängig, befreit von Verwaltungsaufgaben und verdienen pro Stunde zwischen 75 und 100 Pfund (110 bis 150 Euro). 25 Pfund gehen an die Agentur. Sie kümmert sich um Anreise und Übernachtung, der Arzt muß nur ein Mobiltelefon dabeihaben.

Gute Karrieremöglichkeiten für Frauen

Doch der Verdienst ist nicht alles. Viele deutsche Ärzte rühmen die attraktiven Arbeitsbedingungen auf der Insel. Friedericke Eben kam 1980 nach dem Studium in Berlin nach Großbritannien und hat seitdem nicht mehr an eine Rückkehr gedacht. „Man arbeitet viel stärker im Team. Die Hierarchien sind flach, das gibt dem einzelnen Arzt große Autonomie“, erzählt die Gynäkologin. Sie arbeitet in einem NHS-Krankenhaus im Norden Londons und betreut als lukratives Zubrot Privatpatienten wie Claudia Schiffer in der prominenten Portland-Klinik.

Wie die meisten Neuankömmlinge hat sie mit Notdiensten und Hausbesuchen begonnen, bevor sie eine Festanstellung im Krankenhaus erhielt. „Man hat hier mit weitaus mehr Fällen zu tun als in Deutschland und kann mehr praktische Erfahrung sammeln“, sagt sie. Vor allem für Frauen böten sich bessere Karrieremöglichkeiten als in Deutschland. Eben hat drei Kinder. Neben ihrer Arbeit in den Krankenhäusern kümmert sie sich um die Ausbildung von Assistenzärzten und arbeitet als Ärztin im Gefängnis.

Reibungslos vollzieht sich der Einstieg jedoch für die wenigsten. Auch wenn sich Mediziner aus EU-Staaten ohne weitere Prüfungen oder Qualifikationen registrieren lassen können, bleiben Hürden zu meistern - sprachliche und fachliche. „Am Anfang habe ich 80 Stunden in der Woche im Notdienst gearbeitet“, erzählt Hansen, „nachts hieß es pauken: medizinische Fachbegriffe, Abkürzungen, die gängigen Medikamente und die Besonderheiten des bürokratischen Papierkriegs.“

Dialekte machen Schwierigkeiten

Auch in der Behandlung von Patienten habe er umdenken müssen. „In Deutschland gilt das Eminenzprinzip, die Meinung des Chefarztes oder des übergeordneten Arztes ist ausschlaggebend; in Großbritannien folgt man dem Evidenzprinzip und praktiziert eine beweisgestützte Medizin, die auf den Ergebnissen statistischer Erhebungen beruht.“ Schwierigkeiten machen auch nach vielen Jahren noch Dialekte und umgangssprachliche Ausdrücke. Daß ein Patient, der über „trots“ klagt, eigentlich Durchfall hat, ist nur wenigen Wörterbüchern zu entnehmen.

Ärzte, die im staatlichen NHS arbeiten, erfahren außerdem schnell, weshalb das britische Gesundheitswesen international einen so schlechten Ruf hat. In Ranglisten zur Effizienz der Gesundheitssysteme liegen die Briten am Ende der Skala. Viele Krankenhäuser sind alt, minimale Ausstattung, chronischer Personalmangel und Überbürokratisierung erschweren die Arbeit. Auch mit der Hygiene ist es oft nicht weit her. Regelmäßig sorgen Schreckensmeldungen über den „MRSA-Superbug“ in Kliniken für Aufregung, ein todbringendes Bakterium, das mit mangelnder Sauberkeit in Verbindung gebracht wird. Friedericke Eben jedoch warnt vor Übertreibungen. „Der NHS bietet einen guten Service. Auch wenn die Gebäude manchmal alt und schäbig sind, unsere Geräte und Behandlungsmethoden sind up-to-date.“

Die „fliegenden Ärzte“

Bei den britischen Ärzten sind die deutschen Kollegen gern gesehen - schließlich entlasten sie sie von der Arbeit. Doch die Stimmung droht zu kippen, insbesondere gegenüber den „fliegenden Ärzten“. Sie verstünden ihre Patienten zu schlecht und seien mit dem britischen System kaum vertraut, hieß es vor kurzem auf einer Konferenz in London. Hausärzte warnten vor lebensbedrohlichen Situationen, wenn man sich im Notdienst zu sehr auf ausländische Kräfte verlasse.

„Locum Doctor“ Hansen hat den Schritt nach Großbritannien nicht bereut. „Als ich vor drei Jahren hierhergekommen bin, war ich 57 Jahre alt. In diesem Alter ist die Karriere in Deutschland für viele schon zu Ende. In Großbritannien konnte ich noch einmal starten.“ Als nächstes will er einige Monate in Australien arbeiten. Auch das sei ein Vorteil. Ist man als Arzt in Großbritannien registriert, stehen einem große Teile der englischsprachigen Welt offen.

Quelle: F.A.Z., 26.11.2005, Nr. 276 / Seite 57
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