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Barocke Schulreform Realienwissen für alle

Wohlerzogen in Gotha: Eine Ausstellung auf Schloss Friedenstein zur barocken Schulreform des Herzogtums unter Ernst dem Frommen, bei der die soziale Mobilität bereits, wie heute, durch Bildung wachsen sollte.

© Stiftung Schloss Friedenstein Vergrößern Des Herzogs bester Lehrer war der - von Erziehungswissenschaftlern später bestätigten - Meinung, dass Breitenbildung zu Hause anfängt: Andreas Reyher (1601 bis 1673) im Kreise seiner Familie,

Wer die Gesellschaft verändern will, muss in Bildung investieren. Diese heute so geläufige wie beliebige Formel auf ein Schulsystem des siebzehnten Jahrhunderts anzuwenden ist ein kühnes Unterfangen. Zumal der Stoff, eine umfassende Bildungsreform, die schon mit Luther einsetzt, recht spröde und weitgehend unbekannt ist. Eine bemerkenswerte Ausstellung auf Schloss Friedenstein zeigt diesen Jahrhundertschritt am Beispiel des kleinen Herzogtums Sachsen-Gotha. Unter Ernst dem Frommen erlebte es eine erste Blütezeit, dank einer Exzellenzinitiative für die Schulen, die allen, Mädchen wie Jungen, Armen wie Reichen, offenstehen sollten. Ernst der Fromme (1601 bis 1675), der wohl fortschrittlichste Fürst seiner Zeit, baute an einem Musterstaat, für den er nicht nur gebildete Beamte brauchte, sondern überhaupt gebildete Untertanen wünschte, die fromm waren und ein Bild von der Welt hatten.

Regina Mönch Folgen:

Von Beginn an versammelte er Reformpädagogen an seinem Hof, bezog die Eltern in die neuen Schulpflichten ein, sorgte für kostenlose Schulbücher, die aus der „Mildenkasse“ finanziert wurden, und für Stipendien, die begabten Jungen, auch Bauernsöhnen, eine höhere Bildung ermöglichen sollten. Mittelpunkt dieses erstaunlichen Aufbruchs, der begann, als der Dreißigjährige Krieg noch tobte, war das Gothaer Gymnasium. Dort wurden die Besten (lange noch nur Jungen) unterrichtet, die zuvor meist eine der Elementarschulen des Herzogtums besucht hatten. Das Gymnasium in Gotha, 1524 vom Lutherfreund Friedrich Myconius als Lateinschule gegründet, war eine Antwort auf Luthers Aufruf an die Städte und Fürsten aus demselben Jahr, für seine Ideen überall neue christliche Schulen zu gründen. Der Ruf der Gothaer Schule entfaltete seine Strahlkraft bald weit über Thüringen hinaus, zog protestantische Schüler aus ganz Europa an, Prinzen wie Bürgersöhne, die hier von bedeutenden Reformpädagogen erzogen wurden.

Wohlerzogen in Gotha Allegorische Examinierungsszene: Titelbild eines der frühesten Schulatlanten (von 1719). Der Schüler muss Fragen zu den Karten beantworten. © Forschungsbibliothek Gotha Bilderstrecke 

Auf eine breite, allgemeine Grundbildung wurde genauso viel Wert gelegt wie auf ambitionierte Elitenförderung, auf Unterricht in der Muttersprache neben Latein, Griechisch, Hebräisch und bald auch in den neuen Naturwissenschaften und Philosophien. Die Schule sollte nicht mehr Zucht-, sondern Bildungsanstalt sein. Schon von 1641 an gab es Zeugnisse, ein Jahr später wurde mit dem „Schulmethodus“ die erste eigenständige und unabhängig von der Kirche verfasste Schulordnung für das Elementarschulwesen eingeführt: Wenn „alles“ gelernt werden soll, braucht es eine Methode. Nach ihr sollten alle Fünf- bis Zwölfjährigen, männlich wie weiblich, in den Städten und Dörfern des Herzogtums unterrichtet werden. Die Schulpflicht wurde dann 1692 eingeführt. Zu jedem Schuljahresende überprüfte man mit einem Examen den Wissensstand der Kinder; wer nicht bestand, blieb sitzen und wiederholte. Talentierte Schüler empfahl der Lehrer fürs Gymnasium. Die Ausstellung der Forschungsbibliothek Gotha und der Stiftung Schloss Friedenstein entfaltet diesen Kosmos humanistischer, enzyklopädischer Bildung von der Reformation bis ins achtzehnte Jahrhundert mit außerordentlichen Dokumenten, Gemälden, Lehrbüchern, Seelenregistern, Karten, Artefakten und Objekten aus der herzoglichen Kunst- und Naturalienkammer in einem Seitenflügel des gewaltigen Schlosses über der kleinen Stadt. Die Kuratoren Sascha Salatowsky und Katja Vogel haben ihr Gothaer Schulprojekt in drei Abschnitten, Klassenzimmern nachempfunden, ausgebreitet als eine Zeitreise von Luther bis Francke. Sie macht mit einem Schulsystem im Wandel bekannt, das erstmals versucht, alle zu erreichen. In Gotha wurden nicht nur neue Didaktiken entwickelt, sondern man versuchte auch immer wieder, sie dem neuesten Wissensstand entsprechend zu evaluieren und zu verbessern.

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