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Autorin Asli Erdogan Eine türkische Winterreise

Sie schrieb über Gefängnisse, Folter und Gewalt gegen Frauen, dann verließ sie ihre Heimat: Warum sich die Schriftstellerin und einstige Cern-Physikerin Asli Erdogan im Exil nicht sicher fühlt.

© Frank Röth Vergrößern Opfer einer beispiellosen Hetzkampagne: Asli Erdogan lebt heute in Graz.

Wilhelm Müllers Verse aus der „Winterreise“, „Fremd bin ich eingezogen, fremd ziehe ich wieder aus“, könnten auch von ihr sein. Auch Asli Erdogan sucht Orte wie den Lindenbaum, an dem sie Gewissheit hätte, Ruhe zu finden. Auch sie lässt ihre Helden mit dem Leiermann gehen, und dessen Leier steht nimmer still. Die Fremde und die Einsamkeit, Leid und Ungerechtigkeit, Lebensverzweiflung und endlich der Tod - sie durchziehen als feste Konstanten Asli Erdogans Schaffen, das, wäre es nicht so sehr der existentialistischen Realität verpflichtet, in der Tradition der „schwarzen Romantik“ stehen könnte.

Rainer Hermann Folgen:  

In einem unveröffentlichten Manuskript schreibt die Istanbulerin, die sich seit Jahren von ihrer Heimat fernhält: „Den Sonnenaufgang begrüßen wir ganz allein für uns, den Sonnenuntergang jedoch teilen wir mit den Toten.“ Und in ihrem ersten großen Buch, „Der wundervolle Mandarin“ (1996), hatte sie erkannt: „Meine Hölle war weder mein Land, noch war sie hier. Ich habe sie in mir selbst getragen, genauso wie meine Träume von einem Paradies.“ Sie hatte dieses Buch in den Nächten der Jahre 1991 und 1992 geschrieben, als sie tagsüber als aufstrebende Physikerin in Genf am Cern, der Europäischen Organisation für Kernforschung, über die Higgs-Partikel forschte.

Sogar der eigene Vater erstattete Anzeige

Noch immer ist die Türkei nicht stark genug, eine Stimme wie die von Asli Erdogan, die sich keinen Konventionen beugt und keine Tabus akzeptiert, zu ertragen. In der Zeitung „Radikal“, mit der sich kritische türkische Intellektuelle lange geschmückt haben, schrieb sie von 1998 an drei Jahre lang Kolumnen mit dem Titel „Der Andere“. In ihnen machte sie sich zur Stimme der im Land zum Schweigen Gebrachten. Sie schrieb über die Bedingungen in den türkischen Gefängnissen, die Folter, die Gewalt gegen Frauen, die den Kurden vorenthaltenen Rechte und unterstützte hungerstreikende Gefangene.

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Sie lebte, was sie schrieb, und war mit verfolgten Flüchtlingen aus Schwarzafrika in eine erbärmliche Wohnung im Istanbuler Stadtteil Cihangir gezogen. Dort wurde sie eines Abends Zeugin, als Unbekannte einen Mitbewohner mit 27 Messerstichen im Hauseingang töteten und sie selbst nur wie durch ein Wunder entkommen konnte. Sie machte publik, dass Mitglieder der Sicherheitskräfte drei kurdische Mädchen vergewaltigt hatten, und ist heute entsetzt, dass die zunächst Suspendierten später befördert wurden. Polizei zog vor ihrem Haus auf, um sie zu schikanieren, und 2001 wurde sie von ihrer Zeitung entlassen. 2010 durfte sie noch einmal, für fünf Monate, ihre Kolumnen schreiben. Da war sie bereits Zielscheibe nationalistischer Türken geworden. Sie wollten Asli Erdogan nicht verzeihen, dass sie 2008 zu den ersten Intellektuellen gehört hatte, die einen offenen Brief unterschrieben, der sich bei den Armeniern für das entschuldigte, was die Türken ihnen angetan hatten. Sogar ihr nationalistischer Vater erstattete Anzeige gegen die eigene Tochter.

Das Beste am Migrantenleben

Eine selbst für türkische Verhältnisse beispiellose Hetzkampagne setzte ein, und Asli Erdogan rettete sich ins Ausland. Im April 2011 begann sie, aus schierer Not, aber auch aus Überzeugung Kolumnen für die kurdische Zeitung „Özgür Gündem“ zu schreiben. Achtzig Journalisten dieser Zeitung sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten getötet worden. Seit dem 28. Oktober 2011 ist der Verleger und Menschenrechtler Ragip Zarakolu in Haft, ein literarischer Weggefährte, der auch für „Özgür Gündem“schrieb.

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