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Auktion einer Privatsammlung : Die Sachen des exquisiten Mr Seeger

Das ist „Maximilian“: Gerhard Marcks ließ das 120 Zentimeter hohe Bronze- Unikat 1939 bei Barth in Berlin gießen (60.000/ 80.000 Pfund). Bild: Sotheby's

Tausend Objekte sind tausend Blicke auf die Welt: In London wird die private Sammlung von Stanley J. Seeger versteigert. Sie ist ein schönes Beispiel für wirkliche Individualität.

          Stanley J.Seeger verfügte über einen absolut exquisiten Geschmack. Das würde man vielleicht nicht unbedingt auf den allerersten Blick vermuten, wenn man jetzt den Sotheby’s-Katalog mit „The Private Collection of the Late Stanley J.Seeger“ durchblättert. Allerdings lässt sich auf Anhieb eine gewisse Exzentrizität wahrnehmen, verspielt, scharfsinnig, humorvoll, die keinerlei Berührungsängste zu kennen scheint. In dem liebevoll gestalteten Katalog sind genau tausend Nummern unter zwölf Kategorien vereinigt, die so poetische Namen haben wie „Sacred & Divine“, „East & Exotics“ oder „Rest & Recreation“ – ein amüsant inspirierendes Sammelsurium, das in vielfachen Facetten gebrochen die Persönlichkeit des einstigen Eigentümers spiegelt.

          Zuckerstreuer von Thomas William Dee & Sons in Form eines Gorillas mit Gewehr: Der Streuer bezieht sich auf Paul du Chaillu, der 1861 mit einem ausgestopften Menschenaffen in London auftauchte (Taxe 3000/5000 Euro).
          Zuckerstreuer von Thomas William Dee & Sons in Form eines Gorillas mit Gewehr: Der Streuer bezieht sich auf Paul du Chaillu, der 1861 mit einem ausgestopften Menschenaffen in London auftauchte (Taxe 3000/5000 Euro). : Bild: Sotheby's
          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Stanley Seeger, der im Juni 2011 im Alter von einundachtzig Jahren gestorben ist, wurde 1930 in Milwaukee geboren. Er kam aus einer wohlhabenden Familie und war außerdem ungewöhnlich vielfältig begabt. Er studierte Architektur in Princeton, wo er später den „Center for Hellenic Studies“ einrichtete. Er zog von Amerika nach Europa, zunächst nach Griechenland und wurde zum passionierten Segler. Dann lebte er auf den Kanarischen Inseln, ehe er sich endgültig in England niederließ.

          Sehr englische Teekanne aus Lord Nelsons Junggesellenjahren, geschätzt auf 8000 bis 12.000 Pfund.
          Sehr englische Teekanne aus Lord Nelsons Junggesellenjahren, geschätzt auf 8000 bis 12.000 Pfund. : Bild: Sotheby's

          Was nun am 5. und 6. März in London zur Auktion kommen wird, sind die unterschiedlichsten Zeugnisse einer unbändigen Leidenschaft, die sich ganz bestimmt im Finden und Sammeln ebenso verwirklichte wie im Besitzen. Der Titel der Veranstaltung „1000 Ways of Seeing“ schließt an die inzwischen legendäre Auktion im Jahr 2001 an, bei der unter dem Titel „The Eye of a Collector“ Seegers eigenwillige Kunstsammlung unter den Hammer kam. Längst in den Annalen des Kunstmarkts steht, dass zu ihr auch Francis Bacons Triptychon „Studies of the Human Body“ von 1979 gehörte: Es erzielte 8,6Millionen Dollar, was den damaligen Rekord markierte; das klingt heute richtig rührend. Schon davor hatte Seeger seine Kollektion mit 88 Werken von Picasso in New York bei Sotheby’s versteigern lassen. Es war das Jahr 1993 – und der Kunstmarkt in gar nicht guter Verfassung, nach dem massiven Einbrüchen kurz davor, zumal im Moderne- und Gegenwartsbereich. Aber irgendwie war Seeger mit dem Picasso-Sammeln wohl durch, für sein Teil.

          Zu schön zum Besteigen: Bibliotheksleiter aus dem 19. Jahrhundert im gotischen Stil (Taxe 7000/10.000 Pfund)
          Zu schön zum Besteigen: Bibliotheksleiter aus dem 19. Jahrhundert im gotischen Stil (Taxe 7000/10.000 Pfund) : Bild: Sotheby's

          „Die Schönheit der erstaunlichsten Objekte konnte in den Augen von Seeger und seinem Lebensgefährten Christopher Crone liegen – zum Beispiel die von britischen Plakaten, die für die Rekrutierung im Ersten Weltkrieg warben (je 25 Poster in einem Los; Taxe 2000/3000 Pfund). Auch aus Papier ist die „Working Copy“ des Exemplars einer frühen Fassung von „Citizen Kane“, das Orson Welles selbst benutzte; 15.000 bis 20.000 Pfund beträgt die Schätzung. Es kann aber auch eine eiserne Laterne vom letzten Wagen eines Zugs der Deutschen Bundesbahn aus dem vergangenen Jahrhundert sein (150/250) oder – etwas nobler – die sehr englische Teekanne aus Lord Nelsons Junggesellenjahren (8000/12.000). Und überhaupt: Wer könnte jenem elf Zentimeter hohen silbernen Zuckerstreuer von Thomas William Dee& Sons widerstehen, der einen sehr pelzigen Gorilla mit einem Gewehr darstellt? Der Streuer bezieht sich auf Paul du Chaillu, der 1861 mit einem ausgestopften Menschenaffen in London auftauchte. Chaillu beschrieb in seinen „Explorations & Adventures in Equatorial Africa“ seine gar erschreckliche Begegnung mit einem Gorilla – als erster nichtafrikanischer Mensch überhaupt. Eine Illustration im Buch zeigt einen der großen Affen, wie er den Lauf eines Gewehrs zerbricht. So hat ein jedes Ding seine Historie.

          „Working Copy“ des Exemplars einer frühen Fassung von „Citizen Kane“, das Orson Welles selbst benutzte; 15.000 bis 20.000 Pfund beträgt die Schätzung.
          „Working Copy“ des Exemplars einer frühen Fassung von „Citizen Kane“, das Orson Welles selbst benutzte; 15.000 bis 20.000 Pfund beträgt die Schätzung. : Bild: Sothby's

          Es ist eben diese Souveränität der ganz freien Wahl unter den Dingen, an der sich einzig Stil ermessen lässt. Am Schluss des empathischen Nachrufs auf Seeger 2011 im „Daily Telegraph“ steht: Geschmackssicher und erfrischend unabhängig habe er Kunst aus unterschiedlichsten hochpersönlichen Gründen gekauft und einmal, für ihn ungewöhnlich, einen unerheblichen Picasso erworben – seine Erklärung: „Er war so schlecht, er musste aus dem Verkehr gezogen werden.“ Das ist wirklich – Klasse.

          Quelle: F.A.Z.

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