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Auktion Alter Meister Ein Panzernashorn für den Papst

 ·  New Yorks Altmeisterparade zwischen Rekorden und herben Enttäuschungen

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Noch bevor der erste Hammer gefallen war, hatte die New Yorker Altmeisterwoche mit einem Paukenschlag begonnen. Nicht im Auktionssaal, sondern in den Spalten der „New York Times“, und zwar spektakulär auf der Titelseite. Unter der Überschrift „Mit den Verkaufspreisen für Kunst steigen auch Bedenken über die Marktkontrolle“ schildern Robin Pogrebin und Kevin Flynn in erstaunlicher Ausführlichkeit, wie der Kunsthandel, der letztes Jahr in New York für immerhin acht Milliarden Dollar Umsatz sorgte, in einem kaum überwachten, undurchsichtigen Raum vonstattengeht. Sie zitieren einen Sammler, der den Kunstmarkt mit den schlecht regulierten Anlagen in Private Equity und Hedgefonds während der achtziger und neunziger Jahre vergleicht. Marktveteranen seien besorgt, dass der explodierende Warenwert der Kunst zu keiner entsprechend größeren Reglementierung geführt habe.

Ganz klar, dass die beiden Reporter auch auf Marktteilnehmer stoßen, die mit dem Status quo mehr als zufrieden sind. Also stören die sich weder an Garantiesummen, die das Preisgefüge zu verzerren drohen, noch an Scheingeboten, mit denen der Auktionator für Schwung sorgen will, nicht nur in New York auch „chandelier bidding“ genannt. Galerien beschuldigen Auktionshäuser, ihre Konkurrenten, dunkler Machenschaften und müssen sich umgekehrt vorwerfen lassen, dass sie selbst oft gegen Gesetze und Verordnungen verstoßen, zum Beispiel wenn sie sich weigern, Preislisten vorzulegen. Käufer und Verkäufer aber verhalten sich angesichts solch fragwürdiger Verhältnisse noch ziemlich ruhig. Und solange das anhält, werden wohl auch Gesetzgeber nicht aktiv, die ohnehin den Kunstmarkt als eine Nische betrachten, in der eine wohlhabende, auf öffentlichen Schutz nicht angewiesene Klientel sich vergnügt.

Dürers Nashorn triumphierte

Der Paukenschlag schien darum auch schon fast verhallt zu sein, als bei Christie’s 62 Stiche, Holzschnitte und Radierungen von Dürer unter den Hammer kamen. Als Einlieferer, vom Auktionshaus wie üblich verschwiegen, wurde in der New Yorker Presse der Schweizer Sammler Samuel Josefowitz genannt. Über das Ergebnis durfte er sich freuen. Obwohl fast ein Viertel der Lose keinen Käufer fanden, wurde die Gesamtschätzung von 4,6 Millionen Dollar mit Aufgeld um stolze 1,4 Millionen übertroffen. Überraschender Hit war das „Rhinocerus“, ein indisches Panzernashorn, das Dürer nur aus Beschreibungen kannte. 1515 hatte der Sultan von Cambay das Ungetüm dem König von Portugal als Geschenk vermacht, der es an Papst Leo X. weiterschenkte, wobei es auf dem Weg nach Rom Schiffbruch erlitt und nur in ausgestopfter Form im Vatikan ankam. Auf 100 000 bis 150 000 Dollar geschätzt, stieg der Holzschnitt auf den für Dürer neuen Rekordpreis von 720 000 Dollar.

Ebenfalls über dem alten Rekord fanden der „Heilige Eustachius“ für 600 000 Dollar und „Adam und Eva“ für 550 000 einen Käufer. „Melencolia I“ wurde für 440 000 ersteigert, angeblich vom New Yorker Kunsthändler Richard Feigen im Auftrag eines nichtamerikanischen Museums. Warum aber „Ritter, Tod und Teufel“ (Taxe 500 000/700 000 Dollar) unverkauft blieb, weiß womöglich bloß eine der abgebildeten Figuren. Viel sensationeller noch war ein Rückgang bei Christie’s am folgenden Tag, als das Spitzenlos des Renaissanceangebots, ein auf zwölf bis achtzehn Millionen Dollar geschätztes „Porträt eines jungen Mannes mit Buch“ von Bronzino, unter viel Gemurmel bei 11,5 Millionen scheiterte. Dabei war vorher ausdrücklich noch einmal daran erinnert worden, dass neue Authentizitätsgutachten von gleich zwei Experten an der Echtheit des Gemäldes keine Zweifel lassen sollten.

Auch für einen kleinformatigen Apostel Paulus von Lucas Cranach d. J. (400 000/600 000) wollte sich niemand begeistern, ja sogar Botticellis „Madonna und Kind mit einem Granatapfel“ (3 bis 5 Millionen) vermochte nicht, die Reserve zu überspringen. Minuten später aber war die sogenannte „Rockefeller Madonna“ von Botticelli, die zwischendurch nach Japan ausgewandert war, wieder heißbegehrt und fand für 9,25 Millionen Dollar, 2,25 Millionen über dem oberen Schätzpreis, in Rekordhöhe einen neuen Besitzer. Auch Cranach d. J. war dann mit einer Madonna nebst Kind und Johannesknabe erfolgreich, genau an der unteren Taxe von 1,5 Millionen Dollar. Star im Madonnenreigen war allerdings Fra Bartolommeo, für dessen „Madonna und Kind“ 11,5 Millionen bezahlt wurden. Nicht heilig, dafür aber ein außerordentlich gut aussehender Papstsohn war Jacopo Boncompagni, der, prachtvoll porträtiert von Scipione Pulzone, genannt Il Gaetano, mit einem Zuschlag von 6,7 Millionen Dollar bei einer Taxe von 1,5 bis 2,5 Millionen für eine kleine Sensation sorgte.

Derart kontrastreich ging es auch in Christie’s eigentlicher Altmeisterauktion zu. Wie erwartet, setzte sich Jean-Siméon Chardins liebliche „Stickerin“ mit einem Verkaufspreis von 3,5 Millionen an die Spitze, und die Millionengrenze überschritten auch Panini und Carracci. Bei den Zeichnungen und Aquarellen erzielten Gainsborough und Claude Lorrain märchenhafte Preise, der Letztere mit einer Waldlandschaft, deren Schätzpreis von 500 000 bis 800 000 Dollar sich in den Verkaufspreis von 6,13 Millionen Dollar (mit Aufgeld) verwandelte. Ansonsten war das Auktionsgeschehen eher lasch. Für Botticelli und Fra Bartolommeo mochte es einen neuen Auktionsrekord gegeben haben, insgesamt herrschte jedoch mehr als Zurückhaltung unter den Bietern.

Nahezu die Hälfte der Lose fiel durch

Ähnlich nonchalant wie vor ein paar Monaten im Auktionsbann der Zeitgenossen warfen die Sammler auch bei Sotheby’s nicht mit Millionen um sich, im Gegenteil, sie wagten sich häufig nicht an die untere Taxe heran. Offenbar lagen Taxe und Limit immer wieder so nah beieinander, dass Rückgänge an der Tagesordnung waren. Nahezu die Hälfte der 104 Lose in der morgendlichen Hauptveranstaltung fiel durch, darunter auch ein Glanzstück wie Goyas Porträt seines Enkels Mariano, geschätzt auf sechs bis acht Millionen Dollar. Das Schlussgebot von 5,6 Millionen war dem Einlieferer zu gering. Pietro Testas heroischer „Aeneas am Ufer des Styx“ machte unverkauft bei 2,6 Millionen Dollar (3/5 Millionen) schlapp, und Paulus Bors „Sitzender Akt neben einem Ofen“, atemberaubend seiner Zeit voraus, musste bei 660 000 Dollar zurückgehen.

Einen schlechten Tag hatte bei Sotheby’s auch Giovanni Paolo Panini, der mit vier Landschaften und Capriccios, taxiert von 300 000 bis drei Millionen Dollar, das Verkaufsziel verfehlte. Für Lichtblicke sorgten Hans Memlings „Segnender Christus“, der 3,6 Millionen Dollar (1/1,5 Millionen) brachte, und Turners „Blick auf Heidelberg mit einem Regenbogen“, ein delikat bearbeitetes Aquarell, das für den unteren Schätzpreis von vier Millionen den Besitzer wechselte. Fragonards pralinensüße „Göttin Aurora, über die Nacht triumphierend“ war dem Käufer, dem Bostoner Museum of Fine Arts, 3,35 Millionen Dollar (1,8/2,5 Millionen) wert. Mucksmäuschenstill wurde es im Saal, als zwei Telefonbieter Pompeo Batonis „Susanna und die Alten“ langsam über die obere Taxe von neun Millionen hievten, bis schließlich der Zuschlag bei 10,1 Millionen mit erleichtertem Applaus begrüßt werden konnte. Wenigstens diese Pièce de résistance der Auktion durfte triumphieren.

Die Debatte darf beginnen . . .

Von den Werken aus dem Nachlass des Kunsthändlers und Sammlers Giancarlo Baroni, die Sotheby’s vorher und nachher versteigerte, fand Bernardo Bellottos „Venedig, Blick auf die Mole“ für 1,05 Millionen Dollar regen Zuspruch, übertroffen nur noch von „La demoiselle d’honneur“, einem Pastell, das Eva Gonzalès, die Muse und einzige Schülerin Édouard Manets, 1879 auf Leinwand gemalt hatte. Mit einem Schätzpreis von 400 000 bis 600 000 Dollar versehen, machte das Porträt in zartem Rosa mit einem 2,2-Millionen-Hammerschlag Furore.

Jetzt darf das Rätselraten beginnen: Warum geschahen die vielen Rückgänge zwischen den Rekorden für Dürer, Batoni, Memling, Fra Bartolommeo, Botticelli? Waren die Taxen zu hoch angesetzt? Waren die Erwartungen von Einlieferern und Auktionshäusern nach den Rekorden der Herbstauktionen zu hoch gespannt? Wie ist die Diskrepanz zwischen den wahnwitzigen Beträgen für die Zeitgenossen und vergleichsweise geradezu gemäßigten Forderungen für die Alten Meister zu erklären? Muss am Ende auch der Paukenschlag der „New York Times“ einberechnet werden?

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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