07.02.2012 · Kommunisten, Anarchisten, Spartakisten, Faschisten oder gar Gewerkschafter: In der griechischen Hauptstadt ist vieles in Schieflage, nur auf die beständigen Demonstrationszüge ist Verlass. Szenen aus Athen.
Von Michael MartensVor der Schliemann-Villa zufällig P. getroffen. Einer der besten Journalisten des Landes, stets gut informiert. Die Lage sei nicht so schlecht, wie sie oft dargestellt werde, sagt er. Für alle Fälle hat P. aber einen Plan B. Wenn er seinen Job verliert, will er in die Fischzucht einsteigen. Da sei Griechenland Marktführer in Europa, was kaum jemand wisse. Was ebenfalls kaum einer weiß: ob die Läden noch geöffnet haben werden, wenn der Staatsbankrott doch kommt. Vorsichtshalber hat P. in seiner Wohnung Nahrungsmittelvorräte für zehn Tage gelagert. „Machen alle so“, sagt er.
In einem Café am Syntagma-Platz Treffen mit einem Experten für Sozialpolitik, politisch links von der Mitte. Die tatsächliche Arbeitslosenquote sei deutlich höher als in den Statistiken angegeben, denn viele Griechen seien zwar offiziell noch angestellt, hätten aber schon seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen, sagt er. Während des Gesprächs legt sich von draußen her eine immer lauter werdende Lärmwolke über das Geplapper im Café. Irgendetwas wird skandiert. Eine Demonstration also. Die Gäste achten nicht weiter darauf, denn das Geschehen spielt sich in relativ sicherer Entfernung auf der anderen Seite des Platzes ab. D
ie Demonstranten tragen Flaggen bei sich: ein rotes Dreieck oben, ein schwarzes darunter. „Scheiße“, sagt der Sozialfachmann, als er das sieht. Das seien die Anarchosyndikalisten. Gleich werde es Randale geben, und dann werde der Syntagma von Tränengas verpestet sein, was wiederum bedeute, dass er nicht zur U-Bahn durchkomme und ein Taxi nehmen müsse für die Rückfahrt. Hätten die nicht eine Stunde später demonstrieren können? Doch es läuft dann alles friedlich, ohne Tränengas. Die U-Bahn-Station bleibt offen.
Seit etwa einem Jahr gibt es ein neues Hochglanzmagazin in Griechenland. Es bietet Populismus der billigsten Sorte, eine Mischung aus pseudopolitischem Krawall und aggressivem Nationalismus. Man sagt, der Eigentümer sei ein griechischer Oligarch mit viel Geld im Ausland, der nur darauf warte, dass Griechenland aus der Eurozone fliege, um dann auf Einkaufstour zu gehen. Das Magazin heißt „Crash“.
An einem Kiosk in Kifissia, einem wohlhabenden Vorort im Norden der Stadt. Die Flasche Wasser kostet 50 Cent, der Kunde hat aber nur einen Zehneuroschein dabei, und der Mann im Kiosk kann so früh am Morgen noch nicht wechseln. „Nehmen Sie es so“, sagt er schließlich. So etwas kann man in Griechenland häufiger erleben. Was man auch erleben kann: deutsche Touristengruppen, in denen nach einem langen Abend in einer Taverne mühsam die Rechnung auseinanderdividiert wird, damit auch ja niemand für etwas zahle, was ein anderer bestellt hat. „Horst, hattest du die Extraportion Senf?“
Mit H. treffen wir uns bei Starbucks, weil es zu den wenigen Cafés gehört, wo das gesetzlich geltende Rauchverbot auch tatsächlich durchgesetzt wird. H. hat sein Erspartes schon vor zwei Jahren auf ein Konto bei einer Bank in Deutschland überwiesen. In Athen hat er noch 6000 Euro in bar. Die trägt er in einem Lederbeutel um den Hals. „Einen Vorteil hätte der Staatsbankrott. Wir wären endlich diese ganze Politikerbande los“, sagt H., der sonst nicht zur Naivität neigt.
Die Zeitungskioske auf dem Omonia-Platz sind ein Phänomen. Nicht nur amerikanische, englische, französische, deutsche, spanische und italienische Blätter vom gleichen Tag gibt es hier, sondern auch so ziemlich jede größere Zeitung, die zwischen Bukarest, Sofia und Tirana gedruckt wird. Hier kommt der südliche Balkan zusammen. Neben dem Kiosk warten albanische Tagelöhner auf Arbeit. Es sind allerdings viel weniger als noch vor zwei Jahren.
Plötzlich nähert sich von der Tsaldari-Straße ein Demonstrationszug. Der Zeitungsmann wundert sich. Heute? Davon stand doch gar nichts in den Zeitungen. Haben sich da Kommunisten, Anarchisten, Spartakisten oder Faschisten spontan versammelt, am Ende gar Gewerkschafter? Kurz darauf ziehen bärtige Männer aus Pakistan, Bangladesh und Schwarzafrika mit grünen Flaggen vorbei und brüllen etwas.
Auch wer sie nicht versteht, ahnt: Für Frauenrechte, die Trennung von Staat und Religion oder auch nur die Beibehaltung des 14. Monatsgehalts wird hier nicht demonstriert. In den nördlichen Nebenstraßen des Omonia-Platzes wächst die Macht dieser Männer seit Jahren. Langsam arbeiten sie sich südwärts vor, Richtung Zentrum.
Plötzlich wird es dunkel in der Lobby des Hotels „Titania“. Die Rollläden werden heruntergelassen, schwere Eisentüren mit kleinen vergitterten Fenstern sichern die Türen. Von außen sieht das Haus jetzt aus wie ein Gefängnis, wenn auch mit umgekehrter Durchlässigkeit: Raus kommt man leichter als rein. Die Gäste im Café des Hotels nehmen von der schlagartigen Verdunkelung keine Notiz. Sie sind es gewohnt. Es ist immer so, wenn draußen ein Demonstrationszug vorbeizieht. In diesem Fall ist es die kommunistische Gewerkschaft „Pame“. Da braucht man eigentlich keine Rollläden, denn die Anhänger von Pame randalieren nur rhetorisch. Aber man weiß ja nie, wer noch mitgeht.
Vor dem Demonstrationszug fährt im Schritttempo ein weißer Lieferwagen. Die Beifahrerin ist eine Frau Mitte oder Ende dreißig. Sie hat ein Mikrofon in der Hand, das mit einem Lautsprecher auf dem Wagendach verbunden ist. Über das Mikrofon gibt sie die Losungen vor, die von dem Demonstranten wiederholt werden. Das geschieht in einem eigentümlichen Rhythmus, bei dem jede einzelne Silbe betont wird, der Satz selbst aber keinerlei Melodie hat: „WI-DER-STAND LEIS-TEN“ heißt es zum Beispiel oder: „DIE-BE, RÄU-BER: TROI-KA, RE-GIE-RUNG, KA-PI-TA-LIS-TEN SIE BRE-CHEN DEM VOLK DAS RÜCK-GRAT FÜR DIE REI-CHEN.“ Auf Griechisch reimt sich das. Langsam zieht die Menge die Panepistimiou-Straße hinauf Richtung Universität. Immer leiser werden die Psalmen vom Klassenkampf. „Lasst die Hän-de weg von den Ren-ten! Er-höht Ren-ten und Ge-häl-ter!“ ist nur noch ganz leise zu hören. In der Lobby des Hotels „Titania“ wird es wieder hell.
Die Kantakouzinou-Straße ist eigentlich eine Gasse. Tagsüber eignet sie sich als Abkürzung, wenn man vom oder zum U-Bahnhof am Omonia-Platz unterwegs ist. Bei Dunkelheit ist es besser, den Umweg über die Akadimias-Straße zu nehmen. Die Kantakouzinou-Gasse ist dann nämlich fest in der Hand der Fixer. Man sieht ihre wie in Zeitlupe schwankenden Gestalten im Vorbeigehen von der Kaningos-Straße aus. Tagsüber erinnern blutige Spritzen auf dem Pflaster an die Exzesse der Nacht. Das die Süchtigen hier sind, ist neu. Diese Gegend war bisher noch nicht in ihrer Hand. Das Fischrestaurant in der Nikitara-Straße an der Ecke war eher eine vorgeschobene Bastion des Bürgertums. Bald wird sich entscheiden, wer sich halten kann, Taverne oder Fixer.
Dichterlesung. Das Goethe-Institut hat eingeladen. Etwa 80 Leute sind gekommen. Nicht viel für Athener Verhältnisse. Wenn bekannte deutschsprachige Autoren hier lesen, kommen schon mal 300 Leute oder mehr. Aber erstens versinkt Athen gerade in einem Wolkenbruch, und zweitens fahren die U-Bahnen nur einschränkt, wegen der Demonstrationen. Der Krimiautor Petros Markaris moderiert den Abend, und es liest ein Schweizer mit dem deutschesten aller Vornamen. Interessanter Mann, dieser Muschg, heißt es nachher.
„Eurocambio. Foreign exchange“ steht über dem Geschäft in der Aioulou-Straße. Einige Meter weiter hat sich ein Obdachloser aus Pappkartons eine Unterkunft gebaut. „Eurocambio“ hat seit Jahren geschlossen, die Tür ist verrammelt. Ob sich bald wieder ein Mieter findet?
Stellen Sie sich vor, Sie wären Kisch! - 2. Versuch
Herold Binsack (Devin08)
- 08.02.2012, 15:10 Uhr
arme Griechen
Erwin Steinhauer (hauer2)
- 08.02.2012, 12:27 Uhr
Griechische Verhältnisse
Markus Teuber (arathorn)
- 08.02.2012, 12:07 Uhr
Die Athener Innenstadt spiegelt nicht die Verhältnisse
Griechenlands wieder...
Lutz M. Klemm (lumak)
- 08.02.2012, 11:04 Uhr
Athen ist lediglich das Menetekel,
Michael Scheffler (Striesner)
- 08.02.2012, 10:18 Uhr
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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