Allen Abgesängen zum Trotz kam das Jammern am ersten der beiden „Professional Days“ nur vom Band und sollte eine tote Taube reanimieren. Das erhoffte sich der junge spanische Künstler Juan Zamora mit seinem Werk am Stand der Galerie Art Nueve aus Murcia (4500 Euro). Zweihundert Galerien aus dreißig Ländern, davon 146 im Hauptprogramm, zeigen auf der Madrider Kunstmesse Arco Klassische Moderne bis zu ganz frischen Werken junger Künstler. Unkenrufe gab es im Vorfeld auch für die Messe angesichts der Mehrwertsteuererhöhung für Kunst in Spanien auf 21Prozent, der zunehmend schlechten Wirtschaftslage und der katastrophalen Arbeitssituation im einstigen Bauboomland. Doch die internationalen Galerien und Sammler sind zahlreich angetreten und werden von einer kunstbegeisterten Stadt Madrid empfangen.
Ein leuchtender Mann fiel im Gedränge um
Das Gedränge jedenfalls war groß. Bei Max Estrella aus Madrid fiel ein leuchtender Mann von Benardí Roig um und brach sich die Arme (55000 Euro, reserviert), bei DAN aus São Paulo gerieten die filigranen Mobiles des Österreichers Knopp Ferro in Schwingungen (32000 Euro, reserviert). Als herzlicher Jahrmarkt stellt sich auch die 32.Ausgabe der Arco vor. Nicht angespannt, sondern entspannt sei die Atmosphäre, hört man immer wieder. Es wird neugierig nachgefragt, verglichen, verhandelt, zwischen den beiden Hallen acht und zehn hin und her gepilgert, reserviert und auch verkauft. Nach wenigen Stunden, die nach Aussagen vieler Galeristen besser besucht waren als noch 2012, konnten zahlreiche Abschlüsse gemeldet werden, die meisten allerdings im vier- und fünfstelligen Bereich. Jede Menge Fotografie, Skulptur, aber auch großflächige Malerei datiert auf das Jahr 2013. Solche Großformate gingen meistens an Sammlungen und Stiftungen. Namen werden nicht genannt, aber die Rechnung des Messeleiters Carlos Urroz, die Budgetkürzungen der spanischen Institutionen, Museen und Stiftungen durch das Einfliegen internationaler Sammler aufzufangen, scheint auch dieses Mal wieder aufzugehen.
Bei Thomas Schulte aus Berlin liest man an der Kojenwand: „Kultur = Kapital“ in Neonleuchtschrift von Alfredo Jaar. Das Werk wurde sogleich von einem belgischen Sammler erworben (Auflage7; 15000 Euro). Die junge Madrider Galerie The Goma (eine Anspielung auf das New Yorker MoMA) hat vor zwei Jahren den Start gewagt, als die Krise sich bereits anbahnte. Der Galerist sieht gerade in diesen Zeiten seine Chance: Er bietet kleine Formate und erschwingliche Preise. Vier Arbeiten hat er verkauft. Enrique Radigales’ Arbeiten von 2013 wirken wie gestreifte farbige Landschaften, sind aber Zufallsprodukte der Informatik. Ein großformatiger Ausdruck gelöschter digitaler Archive ist für 5000 Euro zu haben.
Wer schafft es gut durch die Krise?
Krinzinger aus Wien glaubt fest an Abnehmer im oberen Preissegment: Da gebe es immer Sammler. Viel schwieriger sei es für die passionierten Käufer in der unteren Liga, die wohl eher überlegen müssten, wofür sie ihr Geld ausgeben. Eine Anspielung auf die wirtschaftliche Lage vieler durchaus kulturell interessierter Spanier, die angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten und unsicheren Arbeitsplätze Zurückhaltung üben müssen. Krinzinger hat ein Großformat von Secundino Hernández an einen spanischen Sammler abgegeben, „Transparent Radiation“ von 2013 ist eine sprühende Mischtechnik (37.000 Euro). Ein schon getrockneter Jonathan Meese von 2012, wir kürzen den Titel ab mit „Oberstoberstl’ ,Las Vegas‘ brüllt...“, sucht für 640.000 Euro noch einen Käufer.
Für Lelong hat sich die Teilnahme schon gelohnt
Bei Heinrich Ehrhardt aus Madrid wartet ein ebenfalls großes, wildes Gemälde von Secundino Hernández für 36.000 Euro auf einen Liebhaber mit viel Platz. Wer wenig Platz hat, aber über ein großzügiges Budget verfügt, darf sich bei Leandro Navarro, ebenfalls aus Madrid, in ein kleines zartes Bild von Picasso von 1919 verlieben. Für „Compotier, bouteille, guitare devant une fenêtre ouverte“ werden 1,68 Millionen Euro verlangt. Eine Arbeit von José Guerrero von 1966, „Tanto monta, monta tanto“, wurde für 172.000 Euro schon vermittelt. Gleich gegenüber zeigt Edward Tyler Nahem Fine Art aus New York eine kleines „Abstraktes Bild 817-2“ von Gerhard Richter, das 1,35 Millionen Dollar kostet. Für Lelong aus Paris dürfte sich die Teilnahme mit dem Verkauf einer großen Skulptur Jaume Plensas aus dem Jahr 2011 bereits gelohnt haben (240.000 Euro).
Die Arco sei eine ideale Plattform, um Kontakte zu knüpfen, findet Klemm’s: Vor fünf Jahren gegründet, ist die Galerie aus Berlin das zweite Mal dabei im „Opening“-Programm mit jungen Galerien. Aus aktuellem Anlass zeigt sie eine Bildbearbeitung von Viktoria Binschtok an der Außenwand der Koje: der Papst seitlich angeschnitten, im Mittelpunkt sein Bodyguard; die Arbeit aus der Serie „Suspicious Minds“ von 2009 kostet 3800 Euro (Auflage3). Ignacio Liprandi, zwei Stände weiter, bringt aus Buenos Aires eines der großen Konfliktbilder von Tomás Espina mit. Der sechsunddreißigjährige Künstler komponiert mit Schießpulver auf Papier große schemenhafte Arrangements. Ein Bild von 2012 wurde sogleich verkauft. An Cristina Peppers zwei großen gerahmten Tafeln aus Seife - als sozialkritische Abrechnung mit den argentinischen Großgrundbesitzern - haben hier lateinamerikanische Sammler Gefallen gefunden (Auflage3; 5600 Euro). Als speziell „spanische Freude an der Kunst“ bringt Georg Kargl aus Wien die gute Stimmung auf den Punkt. Die Galerie zeigt sensible Arbeiten von Erwin Thorn und Gabi Trinkhaus, von der ein spanischer Sammler eine große Collage gekauft hat, für 15.500 Euro.
Welcher Steuersatz ist gerecht für alle?
Gastland ist in diesem Jahr die Türkei. Die Qualität der Kunst aus der Türkei schwankt jedoch. Alle zehn Galerien kommen aus Istanbul. Begehrt sind die Fotografien von Halil Altindere in der Galerie Pilot, dessen mittelgroßer C-Print „Miss Understood“ von 2010 bereits dreimal verkauft ist (Auflage5; je 25.000 Euro). Angetan zeigt sich Juana de Aizpuru, einst Gründerin der Arco: Viele türkische Sammler seien interessiert, die Gäste brächten frischen Wind auf die Messe. Die Galeristin hat bereits ein großformatiges Gemälde von Albert Oehlen aus dem Jahr 2012 an einen spanischen Sammler vermittelt (340.000 Euro). Eine weiß angestrichene Leinwand mit schwarzen Lettern von Rogelio López Cuenca aus diesem Jahr hat die Arco-Stiftung bei Juana de Aizpuru reserviert: „Work of Art in the Age of Copyright Restrictions“ steht da schwarz auf weiß (22.000 Euro). Die Galeristin plädiert für eine einheitlich niedrige Mehrwertsteuer für Kulturgüter in der Europäischen Union. Es mache doch keinen Sinn, dass sie eine Arbeit von Heimo Zobernig mit 21 Prozent besteuern müsse und die deutsche Nachbargalerie (noch) nur mit sieben Prozent. Warum nicht in allen Ländern einen einheitlichen Steuersatz einführen?
Der Sammlernachwuchs steht auf der Arco im Fokus
Elvira González stellt - nach zehn Jahren Abstinenz des Künstlers von Madrider Galerien - erstmals wieder Miquel Barceló aus. Es sind Keramikarbeiten zwischen 80.000 und 85.000 Euro. Ausgerechnet Spaniens internationalster Künstler Barceló sagte voraus, dass die Messe ein Debakel werden würde. Doch Messeleiter Urroz konterte prompt, dass die Arco so uninteressant nicht sein könne, da auch der mallorquinische Star gerade diesen Zeitpunkt für seine Ausstellung gewählt habe. Die nächsten beiden Tage werden es zeigen.
Die vor zwei Jahren eingeführte Initiative „First Collector“ dient der Nachwuchsförderung. Die jungen Sammler werden fachmännisch betreut beim Aufbau ihrer Kollektion. Bis zum 24.Februar bieten die Arco-Galerien ihnen Werke mit Preisen bis zu 5000 Euro im Internet an. Die Aktion zielt auf ein neues Publikum, das beginnt, sich mit dem Kauf von Kunstobjekten in der Online-Welt vertraut zu machen. Manches muss man aber nicht nur gesehen, sondern erlebt haben - der Galerist als Rattenfänger: Bei Faggionato Fine Arts aus London ist die weiße Koje leer und zieht gerade dadurch Neugierige an. Nur ein kleines schwarzes bogenförmiges Loch ist in der Fußleiste zu sehen. Der spanische, 2003 auf Ibiza gestorbene Künstler Juan Muñoz hat mit der humorvollen Hommage „Warten auf Jerry“ seiner Bewunderung für die „Tom and Jerry“-Comics Ausdruck verliehen. Die Installation sei bereits an einen Sammler verkauft.
Wer noch nicht genug hat, besucht die Nebenmessen
Der Rundgang über die Messe stimmt optimistisch, die Verkäufe sind gut. Für eine Kunstmesse in dieser dramatischen politischen Situation, in der sich Spanien befindet, ist das ein großer Erfolg. Das Angebot wird dankbar angenommen. Neben der Arco lohnt noch ein Besuch im Hotel Silken, dort findet die JustMadrid statt mit viel junger Kunst. Im Obergeschoss des Bahnhofs Chamartín bietet die ArtMadrid vor allem spanische Kunst an, und im Zentrum, im Hotel Mayerling, findet zum ersten Mal die Jäälfoto statt, ein Ableger der Room Art Fair mit junger Fotokunst.
