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Terroranschlag in Paris : Die blutige Wiederkehr des Karikaturenstreits

Die jüngste Ausgabe von „Charlie Hebdo“ über Michel Houellebecq und seinen neuen Roman „Unterwerfung“. Bild: dpa

Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ ist eine Eskalation im islamistischen Terror gegen die Presse- und Meinungsfreiheit. In diesem Krieg ging es stets um „Unterwerfung“.

          Der Terroranschlag in Paris ist der bislang größte mutmaßlich islamistische Anschlag in der westlichen Welt auf die Presse- und Meinungsfreiheit – eine Eskalation mit langer Vorgeschichte, die nach dem „Todesurteil“ gegen den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie und dem Mord an Theo van Gogh 2004 im dänischen „Karikaturenstreit“ vor knapp zehn Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte. Der Titel des jüngsten Romans Michel Houellebecqs, der auch jetzt für den Anschlag in Paris eine Rolle spielte, „Unterwerfung“, eine Anspielung auf die Bedeutung des Koran, verbindet alle diese Fälle. Salman Rushdies Roman „Satanische Verse“ handelte noch von religiöser „Unterwerfung“. Einer der Schlüsselwerke des niederländischen Regisseurs van Goghs, der islamkritische Film „Unterwerfung“, handelt von sexuellem Missbrauch und führte zu heftigen Protesten unter Muslimen. Und auch der dänische Karikaturenstreit kurze Zeit später richtete sich gegen die vermeintliche Unterwerfung westlicher Errungenschaften unter islamische Ansprüche oder islamistische Drohungen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Der Karikaturenstreit weckt noch andere Erinnerungen. Er fand zu einem Zeitpunkt statt, als sich in Westeuropa und Skandinavien die ersten rechtspopulistischen islamkritischen Parteien formierten. Vieles, worüber damals debattiert wurde, erlebt heute seine radikalisierte Wiederkehr. Die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ wollte damals, im Jahr 2005, durch einen „Karikaturenwettbewerb“ gegen Selbstzensur unter dänischen Künstlern und Intellektuellen protestieren. Ein dänischer Kinderbuchautor hatte für eine Geschichte über den Koran und den Propheten Mohammed keinen Illustrator gefunden, der namentlich erwähnt werden wollte. Aus Angst vor islamistischen Anschlägen blieben die Illustrationen in seinem Buch deshalb anonym. Darauf veranstaltete die Zeitung 2005 einen Wettbewerb zum Thema „Mohammed“.

          Paris : Attentäter nach Massaker auf der Flucht

          „Jyllands Posten“ war zu diesem Zeitpunkt seit langem die erfolgreichste Zeitung Dänemarks. Vor allem deren euroskeptische, einwanderungskritische, wirtschaftsliberale Haltung und eine wohlwollende Berichterstattung über die aufstrebende rechtspopulistische „Dänische Volkspartei“ hatten aus der jütländischen Regionalzeitung die auflagenstärkste überregionale Zeitung Dänemarks gemacht.

          Am 30. September 2005 veröffentlichte das Feuilleton der Zeitung die Zeichnungen von zwölf Karikaturisten zum Thema „Mohammed“. Das war durchaus als Provokation gedacht: sowohl gegenüber Muslimen, die es für verboten halten, den Propheten Mohammed überhaupt abzubilden, wie vor allem gegenüber dänischen Intellektuellen. Die Reaktionen waren für die Zeitung aber zunächst enttäuschend: Die Empörung blieb aus. Selbst als die Zeitung islamische Organisationen zu Stellungnahmen aufforderte, schaukelte sich das Thema nur langsam hoch.

          Erst als dänische Imame ein „Dossier“ nach Ägypten und in den Libanon schickten, wurde aus dem dänischen Karikaturenstreit eine internationale Affäre. Dieses „Dossier“ enthielt allerdings nicht nur die Karikaturen, sondern auch Zeichnungen islamfeindlicher Leser.  Außerdem wurde ein gefälschtes Foto verschickt und als Karikatur ausgegeben. Die Imame erreichten damit, was sie erreichen wollten, und auch die Zeitung erntete den Sturm, den sie gesät hatte. Anfang Dezember 2005 riefen pakistanische Extremisten dazu auf, gegen die Karikaturisten ein Kopfgeld auszusetzen. Anfang 2006 kam es über Wochen zu gewalttätigen Ausschreitungen in der arabischen Welt, bei denen es zahlreiche Tote gab. Es gab Boykottaufrufe und Drohungen gegen Dänemark.

          Die dänischen Karikaturisten standen zu diesem Zeitpunkt schon unter ständigem Polizeischutz. „Jyllands-Posten“ entschudligte sich schließlich und teilte mit, dass die Karikaturen wohl nicht veröffentlicht worden wären, wenn die Zeitung geahnt hätte, was geschehen würde. Die Zeitung musste sich außerdem dafür rechtfertigen, dass sie 2003 noch einen ähnlichen Wettbewerb mit dem Thema „Jesus“ abgelehnt hatte, weil er religiöse Gefühle verletzen könnte.

          Kurt Westergaard
          Kurt Westergaard : Bild: dpa

          Kurt Westergaard, dessen Zeichnung sehr schnell die bekannteste der zwölf Karikaturen werden sollte (Mohammed mit einem Turban in Form einer Bombe), entging in seiner Wohnung Anfang 2010 nur knapp einem Attentat. Der Täter, der ihn mit einer Axt erschlagen wollte, war ein Somalier mit Kontakten zu Al Qaida. Westergaard wurden – gegen den Protest muslimischer Verbände und Publizisten – mehrere Preise verliehen, die sich für die Presse- und Meinungsfreiheit einsetzen; gegen die Vereinnahmung durch rechtsradikale und islamfeindliche Gruppen hat er sich stets zur Wehr gesetzt.

          Westergaard muss weiter um sein Leben fürchten. Die Dänische Volkspartei erzielte jüngst bei der Europawahl ihren größten Erfolg, als sie stärkste Partei in Dänemark wurde.

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