22.08.2007 · Zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert blühte in Kambodscha das Großreich der Khmer. Angkor war damals der ausgedehnteste Siedlungskomplex der Welt. Bis heute ist nicht geklärt, warum diese „Welthauptstadt“ letztlich unterging.
Von Sabine LöhrVerfallene Urwald-Tempel, Götterstatuen, von Würgefeigen tödlich umarmt - das sind die Bilder, die der Name „Angkor“ in uns aufsteigen lässt. Doch Angkor, eigentlich schlicht „die Stadt“, war einst weit mehr als die Sakralbauten, die als einzige Gebäude des riesigen Siedlungsgebiets erhalten sind. In der weiten Schwemmlandebene Kambodschas blühte zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert das Großreich der Khmer, das sich zeitweilig auch über weite Teile des heutigen Laos, Thailand und Vietnam erstreckte.
Wie groß das Herz dieses Reiches wirklich war, darüber wird seit der Entdeckung der steinernen Überreste der Khmer-Zivilisation im 19. Jahrhundert immer wieder debattiert. Denn nur die Götter wohnten in reich verzierten Steinhäusern, und das sehr privat: das gemeine Volk durfte das Tempelinnere nicht betreten. Die Gottkönige wie ihre Untertanen begnügten sich mit vergänglichen Holzbauten, von denen nichts erhalten ist. Auch Stadtmauern, die Zivilisation und Wildnis trennten, gab es nicht. Das macht es schwer, die Einwohnerzahl Angkors abzuschätzen. Die meisten Wissenschaftler gehen seit Jahrzehnten von Zahlen zwischen einer halben und einer Million Einwohner aus. Die Zahlen variieren vor allem deshalb, weil die Leistungsfähigkeit des antiken Bewässerungssystems und damit die Ernteerträge unterschiedlich eingeschätzt werden. Weiß man, wie viel Tonnen Reis bei wie vielen Ernten pro Jahr eingefahren wurden, so lässt sich das in die Zahl der Menschen umrechnen, die damit ernährt werden konnten.
Großraum Angkor etwa so groß wie Berlin
Australische Wissenschaftler werten bereits seit einigen Jahren im Rahmen des Greater Angkor Project (GAP) ältere Besiedlungskarten, Luftbilder und Satellitenaufnahmen aus. Vergangene Woche veröffentlichten Damian Evans von der University of Sidney und seine Kollegen in den Proceedings of the National Academy of Sciences die vorläufig detaillierteste historische Besiedlungskarte der Region Groß-Angkor und sehen ihre Schätzungen, wie sie sie bereits seit einigen Jahren äußern (zuletzt im März 2006 in Science), bestätigt. Im Großraum Angkor könnten demnach auf einer Fläche von 1000 Quadratkilometern, also etwas größer als Berlin, rund 750 000 Menschen gelebt haben. Das Siedlungsmuster aus Häusern, Kleintempeln und Reisfeldern in diesem wohl ausgedehntesten präindustriellen Ballungsraum muss man sich Evans zufolge eher so wie in Los Angeles als in Hongkong vorstellen: als klassischen Urban Sprawl.
Evans entdeckte mehr als tausend bislang nicht kartographierte künstliche Teiche und 74 unbekannte Tempel. Und weit wichtiger: Nicht nur das Zentrum um die antiken Monumente, die gesamte Ebene ist überzogen von linearen Strukturen, die einst als Straßen, Dämme oder beides gedient haben könnten. Wegen der weitverzweigten Kanalsysteme und der riesigen Barays, der künstlichen Wasserreservoirs, entwickelten vor allem französische Forscher wie Bernhard-Philippe Groslier schon in den 50er Jahren die Idee von Angkor als einer durchdachten „cité hydraulique“. Andere Forscher hielten dagegen, die riesigen Reservoirs seien rein sakral zu interpretieren, die bei den Tempeln gelegenen Wasserbecken funktionsfrei und lediglich symbolische „Weltmeere“ der hinduistischen Kosmologie. Doch seit der systematischen Kartierung Süd- und Zentral-Angkors durch Christophe Pottier Anfang der 90er gilt Angkor allgemein als eine bewusst geplante Wasserstadt. Die Idee dazu könnte vom Gründer des großen Khmer-Reiches höchstpersönlich stammen. Jayavarman II. hatte Anfang des 9. Jahrhunderts einige Zeit am Hof König Shailendras in Java gelebt und von dort neue Bewässerungstechniken mitgebracht. Seine Nachfolger verbesserten die Kanalsysteme ständig und machten ihre Heimat so zur Reiskammer Asiens.
Bildergeschichten über das Alltagsleben
Leider sind keinerlei Aufzeichnungen über das Wassermanagement der Khmer erhalten, denn so vergänglich wie die hölzernen Häuser und Paläste waren auch die auf Hirschhaut geschriebenen Texte, die es einst gegeben haben soll. Steinerne Inschriften in Sanskrit und altem Khmer rühmen in blumigen Wendungen die Herrscher, listen auch mal akribisch den Grundbesitz der Tempel auf. Vom Wasser aber schweigen sie. Das Leben in der Megacity Angkor ist allenfalls bruchstückhaft zu rekonstruieren. Etwa 70 Prozent der Menschen dürften in der Landwirtschaft gearbeitet haben, viele mindestens einmal im Leben in die Schlacht gezogen sein. Alltägliches in Krieg und Frieden zeigen einige Reliefs am Bayon-Tempel in dem von Jayavarman VII. gebauten Angkor Thom. Hier sehen wir keine mythischen Schlachten wie im Angkor Wat, sondern historische Skizzen: Da zieht ein Heer in einen der zahllosen Kriege gegen die Champa, im Schlepptau Frauen und Kinder auf Ochsenkarren. In einem Fluss treiben Gefallene, ein wenig weiter angelt man nach Fischen. Weiter die Wand entlang gebiert eine Frau ein Kind. Männer wetten beim Hahnenkampf, Frauen feilschen auf dem Markt. Im Palast darüber residiert gravitätisch der König, umgeben von hübschen Tänzerinnen.
Außer diesen Bildergeschichten ist ein einziger zuverlässiger Bericht über das Alltagsleben im alten Angkor erhalten. Der chinesische Beamte Zhou Daguan weilte Ende des 13. Jahrhunderts in diplomatischer Mission am Hofe des Khmer-Königs. Etwa 1312 veröffentlichte er seine „Erinnerungen an die Bräuche Kambodschas“. Er berichtet, wie der berühmteste Khmer-König, Jayavarman VII., ein knappes Jahrhundert vor Zhous Reise das Straßennetz und die Wasserversorgung ausbauen ließ, er weiß von 102 neuen Krankenhäusern, ihrem Personal und ihrer Ausstattung, er beschreibt akribisch Neujahrsfeste, Prozessionen, Tempelanlagen und Modetrends unter adligen Khmer-Damen.
Ende eines Großreiches
Doch warum Angkor 120 Jahre später aufgegeben wurde, ist bis heute nicht geklärt. Thailändische Chroniken berichten, man habe Angkor vernichtend geschlagen. Doch woher kam die Schwäche des Reiches, das über Jahrhunderte die Region dominierte?
Mehrere Faktoren dürften da zusammengekommen sein. Exzessives Tempelbauen könnte zu viele Arbeiter von der Landwirtschaft und der Instandhaltung des immer wieder versandenden Bewässerungssystems abgehalten, zu viele stehende Gewässer Malariaepidemien ausgelöst haben. Vielleicht war die Stadt auch ein Opfer ihres Erfolges. Zu viele Menschen und damit zu viele Ernten dürften den Boden ausgelaugt, steigender Holzbedarf die Wälder zerstört und der Erosion Vorschub geleistet haben. Dazu litt Angkor wohl auch unter der „kleinen Eiszeit“, durch die im 14. und 15. Jahrhundert die Monsunregen ungewöhnlich schwach ausfielen. Und vielleicht erlag die Macht der Khmer-Könige auch der plötzlichen Friedfertigkeit ihrer Untertanen. Denn zusätzlich zu den Umweltproblemen wandte die Bevölkerung sich damals in Scharen dem Theravada-Buddhismus zu. Der legt keinen Wert auf kostspielige Tempel, hält dafür jeden Einzelnen an, sich der Suche nach der Befreiung zu widmen. All das zusammen kann nun wirklich kein Großreich verkraften.