Am Donnerstag hatten drei junge Frauen aus Schleswig-Holstein in der Wüste Kaliforniens die Köpfe zusammengesteckt und über das derzeit größte Problem im Damentennis gegrübelt: Wie ist bloß Viktoria Asarenka, die alles überragende Spielerin dieses Jahres, zu bezwingen?
Mona Barthel fielen ein paar sachdienliche Hinweise ein, schließlich hatte die Einundzwanzigjährige aus Neumünster ein paar Tage zuvor denkbar knapp - im Tiebreak des dritten Satzes - gegen die Weltranglistenerste aus Weißrussland verloren. Auch Julia Görges aus Bad Oldesloe wusste Tipps beizusteuern, wenngleich sie Asarenka in ihrem Achtelfinalmatch von Indian Wells sehr deutlich unterlag (3:6, 1:6).
Doch die vielen Ratschläge halfen Angelique Kerber, der dritten Norddeutschen im Bunde, nicht weiter. Wie zuvor ihre beiden Kolleginnen, so scheiterte auch die Kielerin am Freitag kalifornischer Ortszeit an Viktoria Asarenka. Rundum unglücklich war die Vierundzwanzigjährige dennoch nicht, dass sie die Hinweise ihrer Landsfrauen beim 4:6 und 3:6 nicht umsetzen konnte und den zweiten Finaleinzug in der noch jungen Saison verpasste.
Sie habe zwar nicht zu ihrem Spiel gefunden, zu defensiv agiert und Schwächen beim Aufschlag gezeigt, sagte Angelique Kerber, „aber alles in allem war es ein hervorragendes Turnier von mir.“ Wieder einmal. Alle Welt mag derzeit von Viktoria Asarenka sprechen, die ihre makellose Jahresbilanz auf nunmehr 22:0 Siege ausgebaut und damit den zweitbesten Saisonstart seit 1997 hingelegt hat, als die Schweizerin Martina Hingis 37 Mal nacheinander als Gewinnerin vom Platz ging.
Noch vor sieben Monaten auf Platz 107
Aber im Schatten der Weißrussin, die sich an diesem Sonntag in Indian Wells anschickt, gegen Maria Scharapowa auch ihr viertes Turnier des Jahres erfolgreich zu beenden, pirscht sich Angelique Kerber in Riesenschritten in die Weltspitze. Zum siebten Mal in den vergangenen elf Turnieren hat die Deutsche das Halbfinale erreicht, neulich in Paris ihren ersten WTA-Turniersieg gefeiert und wird in der neuen Weltrangliste erstmals unter den fünfzehn besten Spielerinnen geführt.
Ihren Aufstieg habe sie zwar erwartet, sagte die Kielerin in Kalifornien, „aber nicht, dass er so schnell geht“. Vor sieben Monaten wurde die Linkshänderin noch auf Position 107 geführt - und damit viel schlechter, als es ihrem großen Talent entsprach. Inmitten der Krise suchte Angelique Kerber damals ihre vielleicht letzte Chance, begab sich unter die Fittiche von Alexander Waske und seiner Tennisakademie. Der frühere Davis-Cup-Profi und seine Trainer impften der Kielerin ein, dass ein feines Händchen und ein gutes Auge nicht genügten, um ihr Potential auf der Profitour auszuspielen.
Also brachte Angelique Kerber in Offenbach ihren Körper in Schuss, nahm einige Kilogramm ab und bemerkte urplötzlich, dass mit einem besseren Körpergefühl auch das Selbstbewusstsein steigt. Bei den US Open, wo sie vorigen September überraschend ins Halbfinale einzog, zahlte sich der Trainingsdrill erstmals aus: „Da habe ich angefangen, an mich zu glauben“, sagte sie.
Sie kann nur gewinnen
Auch vor ihrem Auftritt in Indian Wells arbeitete die Kielerin, die von allen deutschen Damen die derzeit stärkste ist, in Offenbach an ihrer Fitness. Das Resultat verblüffte in Kalifornien alle ihre Gegnerinnen: Sloane Stephens und Christina MacHale wähnten sich schon als Siegerinnen, doch Angelique Kerber wehrte gegen jede der beiden Amerikanerinnen zwei beziehungsweise drei Matchbälle ab - und gewann.
Danach fühlte sich die Chinesin Li Na von der Laufarbeit der neuerdings defensivstarken Kielerin überrumpelt, als Letzte musste die Branchenführerin Schwerstarbeit verrichten. „Sie hat exzellent gespielt“, sagte Viktoria Asarenka nach ihrem Halbfinalsieg, „sie hat mich auf ein höheres Niveau getrieben.“
Der Vormarsch Angelique Kerbers könnte gut und gerne so weitergehen, schon kommende Woche beim nächsten großen Hartplatzturnier in Miami. Sie kann in diesen Wochen und Monaten nur gewinnen, weil sie im vergangenen Jahr zur selben Zeit alles verlor. Und damit, anders als beispielsweise die derzeit verletzte Andrea Petkovic, keine Ranglistenpunkte zu verteidigen hat. Dass sie die Spätzünderin unter den deutschen Damen ist, ist der Kielerin herzlich egal: „Mit meinen 24 bin ich noch nicht zu alt. Ich setze mich nicht mehr so unter Druck wie früher.“
