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Andreas Schleicher Miesmacher

14.09.2004 ·  Zu Beginn der ersten Pisa-Studie glaubte Schleicher noch, das deutsche System sei das beste. Inzwischen läßt sich vom stellvertretenden Leiter der OECD-Abteilung "Indikatoren und Analysen" vernehmen, Deutschland steige immer weiter ab.

Von Heike Schmoll
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Über Andreas Schleicher, den stellvertretenden Leiter der Abteilung "Indikatoren und Analysen" bei der OECD, läßt sich eines gewiß nicht sagen, daß er politisch-strategisch klug vorgehe. Schon zwei Tage vor der Veröffentlichung des neuen Bildungsberichts 2004 "Bildung auf einen Blick" hat Schleicher erfolgreich die gesamte Bildungspolitik gegen sich aufgebracht und der Kultusministerkonferenz die Lähmung der bildungspolitischen Entwicklung in Deutschland vorgeworfen.

Es ist immer leicht, auf ein Gremium einzuschlagen, das wegen der mißglückten Rechtschreibreform ohnehin nicht gerade angesehen ist, doch wer ernsthaft und konstruktiv Verbesserungsvorschläge für ein Bildungssystem unterbreiten will, sollte es sich mit den Hauptakteuren nicht von vornherein verderben.

Der selbsternannte "Superminister" fliegt alljährlich einmal ein, um in das Klagelied über den Niedergang und die Provinzialität des deutschen Bildungssystems einzustimmen. Damit ist niemandem gedient, auch der OECD nicht. Jeder weiß inzwischen, daß Schleicher kein Freund des gegliederten Schulsystems ist, daß er die "frühe Selektion" - wo gibt es die eigentlich? - für eines der Hauptübel hält und von der mangelnden Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems spricht. Seltsam nur, daß die Pisa-Studie ausgerechnet dem Land mit einem der stärksten geliederten Schulsysteme, Baden-Württemberg, die größte Durchlässigkeit und höchste Modernität bescheinigt hat.

"Wahrheit läßt sich nicht messen"

Andreas Schleicher ist 1964 in Hamburg geboren. Unter sein Grundschulzeugnis hatte der Lehrer 1974 geschrieben "ungeeignet fürs Gymnasium". Doch der Vater Schleichers, Professor für vergleichende Erziehungswissenschaften in Hamburg, akzeptierte das Urteil nicht und sorgte dafür, daß sein Sohn trotzdem auf das Gymnasium kam. Leistungstests und empirische Forschung waren dem Vater gleichermaßen suspekt. "Wahrheit läßt sich nicht messen", pflegte er zu sagen.

Beim Abitur bewies Schleicher sich und seiner Umwelt mit einem Durchschnitt von 1,0, daß er konnte, wenn er wollte. Er studierte Physik und schloß mit einem Diplom ab. Als der junge Physikstudent bei geisteswissenschaftlichen Vorlesungen den britischen Erziehungswissenschaftler Thomas Neville Postlethwaite traf, war er begeistert.

"Geschwafel bei der Bildung"

Postlethwaite ließ ihn 1988 an der ersten internationalen Lese-Rechtschreibstudie mitarbeiten. Außerdem vermittelte er Schleicher ein Zweitstudium in Mathematik, um die Statistik von Grund auf zu lernen. Schleicher entdeckte die Bildungsforschung und arbeitete dort bei der dritten mathematischen und naturwissenschaftlichen Vergleichsstudie (TIMSS) mit.

Damals wurde die OECD in Paris auf ihn aufmerksam und holte ihn 1994 in die Zentrale, um die Bildungsstatistiken auf Vordermann zu bringen. Der zuständige Direktor für Bildungsfragen ermunterte seinen neuen Administrator für Bildungsstatistiken und Bildungsindikatoren damals ausdrücklich, doch etwas gegen das "Geschwafel bei der Bildung" zu sagen, was zu Pisa führte.

Zu Beginn der ersten Pisa-Studie glaubte Schleicher noch, das deutsche System sei das beste. Inzwischen hat sich jedoch ein Sinneswandel vollzogen - sein Heimatland, so ist Schleicher nun zu vernehmen, steige immer weiter ab. Auf eine wertungsfreie Analyse der vorhandenen Daten mit Ursachenforschung läßt Schleicher die deutsche Bildungspolitik vergeblich warten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2004, Nr. 215 / Seite 10
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