19.08.2002 · Der Druck auf die großen amerikanischen Fluggesellschaften steigt. Anfang der vergangenen Woche flüchtete sich die sechstgrößte Fluglinie US Airways in die Insolvenz und beantragte Gläubigerschutz, um sich neu auszurichten.
nks. NEW YORK, 18. August. Der Druck auf die großen amerikanischen Fluggesellschaften steigt. Anfang der vergangenen Woche flüchtete sich die sechstgrößte Fluglinie US Airways in die Insolvenz und beantragte Gläubigerschutz, um sich neu auszurichten. Wenige Tage später drohte die UAL Corp., die Muttergesellschaft des Branchenzweiten United Airlines, mit Insolvenz, falls nicht in 30 Tagen ein Programm zur Kostensenkung verabschiedet werden kann. Neben diesen beiden Gesellschaften haben auch Marktführer AMR Corp., die Holding von American Airlines, und die Nummer vier der Branche, Northwest Airlines, angekündigt, die Kapazitäten zu reduzieren. Alle großen Airlines mit Ausnahme des Billigfliegers Southwest machen wegen des konjunkturbedingten Rückgangs der Geschäftsreisen sowie der nach den Terroranschlägen gefallenen Preise Verluste. Nachdem die größten Airlines im vergangenen Jahr insgesamt 6,2 Milliarden Dollar Verlust eingeflogen haben, rechnet Analyst Sam Buttrick von der Investmentbank UBS Warburg in diesem Jahr mit einer nahezu ähnlich hohen Summe. "Die größte Herausforderung für die großen Airlines besteht darin, angesichts allgemein niedriger Preise einen Gewinn zu erwirtschaften", sagt Buttrick. In den ersten sechs Monaten des Jahres lagen die inneramerikanischen Preise um knapp 10 Prozent niedriger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Geschäftsmodelle der Airlines basieren auf zahlungskräftigen Geschäftsreisenden. Bei United sind über die Hälfte der Kunden Geschäftsflieger, die in der Regel kurzfristige und damit teure Flüge buchen. Während des Booms der Technikunternehmen Ende der neunziger Jahre war der durchschnittliche Preis für ein Ticket in der Geschäftsklasse vom Zweieinhalbfachen auf das Fünffache eines Sitzplatzes in der Touristenklasse gestiegen. Manager von Unternehmen, die nach dem Ende des Aufschwungs nun sparen müssen, kürzten ihre Reisebudgets - mit drastischen Folgen für die Airlines. Für US Airways und United scheint die Lage am prekärsten zu sein. Sie sind neben America West die beiden einzigen unter den acht größten Airlines, die staatliche Kreditbürgschaften in Anspruch nehmen wollen. Die amerikanische Regierung hatte die Kreditgarantien als Teil eines Hilfsprogramms nach den Terroranschlägen angeboten. America West, die Nummer acht der Branche, hat bisher als einzige von 16 Antragstellern eine Bürgschaft erhalten. Einer Bürgschaft für US Airways in Höhe von 900 Millionen Dollar hat die zuständige Behörde ATSB nur unter dem Vorbehalt zugestimmt, daß die Gesellschaft die Kosten weiter senkt. Der Antrag von United könnte sogar abgelehnt werden, wenn der Konzern die Kosten nicht unter Kontrolle bringt. United fordert Bürgschaften in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar, um einen Liquiditätsengpaß zu vermeiden. Die Gewerkschaft der Piloten sowie die leitenden Angestellten und Mitarbeiter in der Verwaltung bei United hatten im Sommer einer Lohnkürzung zugestimmt. Vertreter anderer Berufsgruppen wie etwa der Mechaniker oder der Flugbegleiter haben das bisher abgelehnt. Nach der Insolvenzdrohung zeigten sie sich gesprächsbereit. Die Mitarbeiter von United besitzen 55 Prozent der Anteile an der Fluggesellschaft, die die höchsten Lohnkosten der Branche hat. Nach der Branchenkrise Anfang der neunziger Jahre hatten sich die Fluggesellschaften mit den Gewerkschaften auf niedrige Tarifverträge geeinigt. Die Verträge wurden allerdings dann auf dem Höhepunkt des Aufschwungs um das Jahr 2000 neu verhandelt. Die Gewerkschaften erstritten genau zu dem Zeitpunkt deutlich höhere Löhne, als die Branche vor dem Abschwung stand. Die großen Airlines haben im Gegensatz zu den Billigfliegern auch große Netzwerke mit mehreren zentralen Drehscheiben aufgebaut, damit sie viele verschiedene Flughäfen bedienen können. Jetzt haben sie das Problem, die großen Netzwerke trotz der Branchenflaute zu finanzieren. Die Airlines setzen daher auf Allianzen, um Angebote gegenseitig zu vermarkten. United hatte sich jüngst mit US Airways auf ein entsprechendes sogenanntes Code-Sharing-Programm geeinigt. American Airlines will Kapazitäten reduzieren, bis die Gesellschaft wieder profitabel ist. In der vergangenen Woche kündigte das Unternehmen die Entlassung von 7000 Angestellten oder rund 6 Prozent der Belegschaft an. American verspricht sich Einsparungen in Höhe von 1,1 Milliarden Dollar im kommenden Jahr. Wie American setzt die drittgrößte Gesellschaft Delta Air Lines auf Kostenkürzungen und hat deswegen ebenfalls die Lieferung neuer Flugzeuge verschoben. Nach Presseberichten befindet sich Delta in Gesprächen mit Continental und Northwest über eine Marketing-Allianz. Delta will zudem einen Angriff auf die Billigflieger starten. Genaue Angaben zu den Plänen hat das Unternehmen noch nicht gemacht. Mit Lohnkürzungen oder umfangreichen Entlassungen rechnet Delta-Chef Leo Mullin aber nicht. Northwest gilt in der Branche als eine der ersten Airlines, die wieder in die Gewinnzone fliegen dürften. Gründe dafür sind die bessere Kostenkontrolle und das erfolgreiche Code-Sharing mit Continental, der Nummer fünf der Branche. Continental hat im jüngsten Quartal relativ geringe Verluste ausgewiesen. Vorstandschef Gordon Bethune will sich aber nicht auf einen Zeitpunkt festlegen, zu dem Continental wieder profitabel ist. Von den Schwierigkeiten der großen Airlines könnten Billiganbieter wie Southwest profitieren, die deutlich niedrigere Kosten haben. Die profitabelsten Fluggesellschaften in den Vereinigten Staaten sind Southwest und die relativ junge Gesellschaft Jetblue Airways. Nach Ansicht von Analysten könnte auch die kleinere Gesellschaft Airtran Airways profitieren, die US Airways und Delta an der Ostküste starke Konkurrenz macht. Seit den Terroranschlägen hat Airtran das Angebot um sieben Ziele und 24 Routen ausgebaut und im vergangenen Quartal einen Gewinn von 5,1 Millionen Dollar ausgewiesen. Tad Hutcheson, Marketing-Direktor bei Airtran, zieht folgendes Fazit: "Während die anderen Airlines Kapazitäten reduzieren, machen wir das Gegenteil."
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