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Altersvorsorge Die Sparer und der gierige Staat

 ·  Erst drängt der Staat seine Bürger in die private Vorsorge. Dann greift er nach dem Vermögen. Sparen für das Alter ist so schwer wie nie. Neue Regeln sind nötig.

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© Wresch, Jonas Anleger sind dieser Tage unsicher, wie sie ihr Geld für die Altersvorsorgen am besten anlegen sollen.

Spätestens seit Rentenministerin Ursula von der Leyen Alarm schlägt und das Wort „Altersarmut“ in die Mikrofone spricht, fühlt sich mancher unangenehm an seine größte Verdrängungsleistung erinnert: die Verweigerung des Nachdenkens über die eigene Rente.

Wer allerdings nun doch mit dem Kalkulieren beginnt, wird schnell ziemlich ärgerlich. Die seit Jahren formulierte Forderung der Politiker jeglicher Couleur, zusätzlich zur gesetzlichen Rente privat vorzusorgen, kommt einem angesichts der Turbulenzen auf den Kapitalmärkten wie wohlfeiles Geschwätz vor.

Was schlagen sie denn vor, die Freunde der Privatrente? Bundesanleihen oder Sparbriefe, deren mickriger Zins von der Inflation gefressen wird? Eine Bundesanleihe mit einer aktuellen Rendite von 1,5 Prozent ist in zehn Jahren nur noch rund drei Viertel wert, wenn etwa die jüngst vom renommierten Ökonomie-Professor Barry Eichengreen in dieser Zeitung als harmlos apostrophierte Inflation von vier Prozent Wirklichkeit wird. Selbst wenn das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent eingehalten werden sollte, schrumpelt die Bundesanleihe fast wie ein Boskop-Apfel im Winterkeller (auf 93 Prozent).

Erträge schmelzen

Anlagenotstand - ein sperriges Wort macht nun schon länger die Runde. Leider geht es nicht darum, dass ein paar anonyme Asset-Manager Probleme haben, Profite für ihre Fonds herauszuschlagen. Vielmehr wissen die Verwalter unserer für die private Vorsorge angesparten Milliardensummen im Moment nicht, wo sie das ganze Geld hinbringen sollen, auf dass es noch Rendite abwirft.

Millionen Menschen zittern mit ihren Lebensversicherungen, ob diese den Garantiezins noch halten können. 17 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland haben überdies ihr Geld in Pensions- oder Betriebsrentenkassen, in Versorgungswerken oder bei ihrem eigenen Arbeitgeber angelegt. Bisher haben die Profis dieser Einrichtungen die verwalteten rund 190 Milliarden Euro in gewünscht spießige Titel investiert. Nach Schätzungen stecken bis zu 90 Prozent ihrer Anlagegelder in sicheren Staatsanleihen und Pfandbriefen mit langer Laufzeit. Noch retten die alten Bundesanleihen mit höheren Zinsen die Ertragsstatistik der Geldmanager, doch jeden Tag müssen große Summen neu zu Niedrigzinsen angelegt werden. Die Erträge schmelzen dahin.

Fonds, eine andere wichtige Säule der privaten Vorsorge, sind da nicht besser. Man vermutet ja, dass es statistisch nicht signifikant ist, wenn sich regelmäßig die Blicke von Gesprächspartnern verschleiern, sobald die Rede auf ihre Fonds kommt, auf Aktien-, Renten- oder Mischfonds. Gute Sache, hieß es einmal. Und die passende Aufforderung der Hypovereinsbank lautete: „Leben Sie. Wir kümmern uns um die Details.“

Wie gerne hätte man es so gehalten, wären da nicht die Aktienfonds Europa. Fonds mit diesem Anlageschwerpunkt haben binnen fünf Jahren 27 Prozent verloren. Das geht aus einer Auflistung der deutschen Fondsgesellschaften-Vereinigung BVI vom 31. Juli hervor. Fonds der Klasse Aktien Deutschland büßten in dieser Zeitspanne dagegen nur 15 Prozent ein. Rentenfonds gewannen dagegen, Mischfonds lagen dazwischen. Das Bild wird erst dann deutlich besser, wenn man die Wertentwicklung für zehn Jahre oder 20 Jahre betrachtet.

Die Ertragszahlen der Fondsvereinigung sind natürlich nur Durchschnittswerte. Es kann besser laufen, aber auch schlechter. Wer sich seine Fonds bei den größten deutschen Fondsgesellschaften besorgt, gehört in der Regel nicht zu den Gewinnern seiner Klasse.

War da noch was? Ja. Offene Immobilienfonds, Schiffsfonds, Öko-Papiere. Diese einst vielversprechenden Anlageklassen leiden schon länger an Schwindsucht, entweder weil die Steuerprivilegien abgeschafft wurden oder weil sie die Anleger nicht mehr ausbezahlen können wie die Immobilienfonds.

Vielen Leuten kommt an dieser Stelle ein Haus in den Sinn: Sie legen sich eine Immobilie zu, oder sie motzen ihr Eigenheim auf. Das sieht nur auf den ersten Blick vernünftig und sicher aus, bis man dieses in den internationalen Zusammenhang stellt. Die privaten Investitionen in Immobilien haben zahlreiche spanische und amerikanische Haushalte ruiniert.

„Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden!“, sagt der Trapper in der Filmklamotte „Schuh des Manitu“, als er am Marterpfahl gefesselt ist. Den Satz darf der Anleger gerne zitieren, zumal es noch schlimmer kommt.

Finanzielle Repression

Das Unheil verströmende Stichwort heißt „finanzielle Repression“. Darunter versteht die Fachliteratur Maßnahmen des Staates, die Sparsummen und Vermögen seiner Bürger für seine Ziele umzuleiten. Aktuell haben europäische Länder das Ziel, ohne Bankrott und ohne brutales Sparen von ihren Schulden herunterzukommen und gleichzeitig eine stabile Nachfrage für ihre Staatsanleihen zu organisieren.

Das Fiese ist: „Die Methoden der finanziellen Repression sind verdeckt. Die Leute merken es nicht sofort“, sagt Stefan Rondorf, Kapitalmarktstratege von Allianz Global Investors. Dem Sparer Geld wegnehmen, ohne dass der es sofort merkt, darum handelt es sich. Die schleichende Form der Enteignung geschieht mit Inflation. Sie muss gar nicht hoch sein, nur höher als die Rendite der Bundesanleihen. Das ist sie in Deutschland schon seit Mitte dieses Jahres. Das heißt, der reale von Inflation bereinigte Zins ist negativ und vernichtet das Kapital der Sparer im gleichen Ausmaß, wie er die Staatsschulden senkt.

Zwar nimmt die deutsche Regierung keinen aktiven Einfluss auf die Inflation, und selbst die Anleiherenditen bilden sich letztlich am Kapitalmarkt. Doch über die Regulierung (Stichwort Basel III und Solvency II) bekommen europäische Banken schon kräftige Anreize, Staatsanleihen zu kaufen, sprich andere Assetklassen zu diskriminieren.

Vermögensabgabe

Damit nicht genug: Frankreich und Irland zwingen schon Pensionsfonds den Kauf von Staatsanleihen auf, notiert die Starökonomin Carmen Reinhart. Spanien erfand kürzlich einen Trick, die Zinsen auf Einlagen zu deckeln. Banken, die ihren Sparern höhere Zinsen gönnen, müssen zur Strafe hohe Beiträge an den Garantiefonds leisten.

Es geht aber auch weniger subtil. „Wenn es hart auf hart kommt, hat der Staat große Gestaltungsmöglichkeiten“, sagt Allianz-Stratege Rondorf. Da wäre die Vermögensabgabe. Das Wirtschaftsinstitut DIW hat sie für die Grünen durchgerechnet und als sinnvoll klassifiziert. 100 Milliarden Euro wollen die Grünen damit holen. „Ein Wegzug oder eine Verlagerung ins Ausland würden an der Abgabepflicht nichts ändern, denn es kommt auf das Vermögen und den Wohnsitz zum Stichtag an“, schreiben Jürgen Trittin und Co. Ein Verfassungsrechtler hat unterdessen für die Gewerkschaft Verdi und die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung eine Vermögensabgabe als verfassungskonform eingestuft. Damit wäre dann kaum eine Sparform frei vom Zugriff.

Und nun? Abhauen ist keine Lösung, andere Staaten machen es genauso. Das Vermögen ins Auslandzu retten hilft ebenso wenig. Steuern werden für das weltweite Vermögen erhoben. Heimliche Transfers in Steuerfluchtburgen wie der Schweiz oder Singapur sind gefährlicher als früher, seitdem der Handel von Datenträgern mit Steuerinformationen zu einem einträglichen Geschäft geworden ist.

Immobilien, Gold und Aktien

Die Aufgabe des braven Sparers lautet also von nun an, das Geld von der Heimat aus real zu vermehren unter Berücksichtigung von Inflation, niedrigsten Zinsen, einer Weltwirtschaft im Krisenmodus und einer Regierung, die vor verdeckter oder auch offener Enteignung nicht zurückschreckt.

Die erste Lektion ahnt man schon: Anleihen dienen der Geldvermehrung nur noch, wenn sie hohe Renditen jenseits der Inflationsrate einfahren. Also kommen nur Wertpapiere von Unternehmen oder fremden Staaten in Frage. Und der Anleger spürt schon den Hauch einer neuen wilderen Welt, in die er sich mit seinem Ersparten nun begeben muss: Mündelsicher ist das alles nicht mehr.

Drei Sparformen bieten wenigstens Schutz vor der Geldentwertung: Immobilien, Gold und Aktien. Sie haben nämlich den Vorzug, dass sie mit der Inflation wachsen.

Steuern könnten erhöht werden

Immobilien allerdings tragen in sich, wie erwähnt, das Potential, Volkswirtschaften zu ruinieren, und sie sind entweder zu teuer (eher in München) oder ein Klotz am Bein (eher in Oberhausen). Zudem sind sie ziemlich leicht zu besteuern. Das politische Kalkül könnte so aussehen: Hohe Immobiliensteuern träfe Millionen Deutsche, die sich mit ihrem Häuschen einen Lebenstraum erfüllt haben. Sie würden aufbegehren. Geschickter wäre es, die selbst bewohnte Immobilie nur oberhalb eines gewissen Freibetrags oder gar nicht mit Steuern zu belasten. Wer aber mit Immobilien nur zur Sicherung seiner Rente spekuliert, könnte zur Kasse gebeten werden: Zweitwohnungssteuer und höhere Grundsteuern sind neben der Vermögensabgabe mögliche Spielarten in Zwangszeiten.

Gold wiederum hat den Haken, dass es keine laufenden Erträge wie die Zinsen von Anleihen abwirft. Der Kauf von Barren oder Münzen ist zudem gerade bei kleinen Mengen mit hohen Gebühren belastet. Und wenn man Pech hat, muss man es bei der Bundesbank gegen eine gewisse Entschädigung abliefern. Alles schon mal dagewesen.

Aktien bieten Schutz vor Inflation

Bleibt gezwungenermaßen die Aktie. Sie kann einen guten Schutz vor Inflation bieten, weil mit steigenden Preisen auch die Firmengewinne und damit die Kurse steigen. Preissteigerungen ihrer Lieferanten können die Firmen einfach ihren Kunden aufbürden. Und bei hohen Dividenden liefern sie auch die im Ruhestand nötigen regelmäßigen Ausschüttungen, für die bisher die Zinszahlungen der Anleihen sorgten. Allerdings bieten sich dafür nicht alle Aktien an. Schnell wachsende Firmen wie Facebook oder Google zahlen gar keine oder nur geringe Dividenden. Und nicht alle Unternehmen sind in der Lage, die Preise zu erhöhen, weil der Wettbewerb so hart ist.

Doch haben Aktien noch einen weiteren Vorteil: So schnell wird der Staat hier wohl nicht zulangen. Denn über die Aktien besorgen sich die Unternehmen ihr Eigenkapital, was im staatlichen Interesse liegt.

Neue Regeln

Gesucht sind allerdings eierlegende Wollmilchsäue: „Aktien mit Preissetzungsmacht, strukturellen Wachstumstreibern und guter Dividende“, sagt Allianz-Stratege Rondorf. Interessante Unternehmen für beunruhigte Sparer sind demnach der Nahrungskonzern Nestlé, Coca-Cola, die Konsumgüterhersteller Unilever und Procter & Gamble und die französische L’Oréal. Leider sind schon viele Anleger auf die Idee gekommen. Billig sind die Aktien nicht mehr. Das ist eigentlich immer so.

Man spürt, dass die private Vorsorge neuen Regeln folgen muss und mit der alten Welt von sicherer Geldanlage und Garantiezins nur noch wenig zu tun hat. Die private Rente bleibt nur sicher bei erfolgreicher Spekulation auf die Gewinne von Wertpapieren.

Als die Politik zur privaten Vorsorge drängte, verwandelte sie ihre Bürger gezwungenermaßen zu Spekulanten. Das wäre für die Bürger besser zu ertragen, wenn die Politik nicht gleichzeitig die Spekulation in öffentlichen Debatten permanent diffamierte.

Die Enteignung: So haben die Staaten sich früher Geld vom Bürger geholt.

1. Negative Realzinsen: Regierungen verbieten (hohe) Zinsen auf Girokonten, Tagesgeld und Spareinlagen oder halten durch andere Maßnahmen Zinsen und Anleiherenditen unter der Inflationsrate. Sie organisieren negative Realzinsen. Das klappt am besten, wenn Banken gefügig und Notenbanken nicht zu unabhängig sind.

Effekt: Staatsanleihen werden relativ attraktiv, ohne dass die Regierung zu hohe Zinsen bieten muss. Die Steuereinnahmen wachsen mit dem Bruttoinlandsprodukt dank der Inflation. Die Zinslast zur Bedienung der Anleihen, die Schuldenquote und die realen Schulden sinken. Für den Sparer wirkt das Programm wie eine Sondersteuer auf sein Erspartes. Sein Vermögen schrumpft.

Beispiel: Amerika verbot 1940 Zinsen auf Sichteinlagen und erreichte es mit weiteren Methoden, die Realzinsen in den kommenden Jahren überwiegend negativ zu halten.

2. Vermögensabgabe: Der Staat konfisziert einmalig einen Teil des Vermögens der Bürger, um seine Schulden zu reduzieren oder aus Gründen der Umverteilung.

Effekt: Mit einer Zwangsabgabe bei hohen Freibeträgen könnten die Reichsten zur Kasse gebeten werden - ohne große Fluchtmöglichkeit.

Beispiel: Deutschland erfand nach dem 2. Weltkrieg den Lastenausgleich, um den Verlust der Vertriebenen zu mildern. Das Gesetz von 1948 sah eine Vermögensabgabe in Höhe von 50 Prozent vor bei einem Freibetrag von maximal 5000 D-Mark. Zudem wurde privaten Schuldnern eine Hypothekengewinnabgabe in voller Höhe des Umstellungsgewinns auferlegt. Wer als Eigenheimbesitzer vor der Währungsreform eine Hypothek von 100000 Reichsmark aufgenommen hatte, schuldete seiner Bank nunmehr 10000 D-Mark und dem Finanzamt weitere 90000 D-Mark. Die Vermögensabgabe konnten die Bürger in bis zu 120 vierteljährlichen Raten, also verteilt auf 30 Jahre, in den Ausgleichsfonds einzahlen.

3. Goldbesitzverbot: Die Regierung verbietet den Bürgern, Gold zu besitzen. Sie müssen das Gold abgeben, zumeist gegen eine Entschädigung

Effekt: Investitionen in Gold sind eine Variante der Kapitalflucht. Die Konfiszierung des Edelmetalls soll sie stoppen.

Beispiel: Der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt erließ 1933 im Zuge der Großen Depression ein Goldbesitzverbot. Die Amerikaner hatten begonnen, ihre Konten zu leeren, das Geld in Gold zu tauschen und in Schließfächern zu deponieren. Viele hatten Gold nach Europa geschafft. Die Leute mussten nun das Gold bei der Notenbank Fed abliefern gegen eine Entschädigung. Die Fed stärkte so die Goldbasis für den Dollar. Damals galt der Goldstandard.

4. Kaufzwang für Staatsbonds: Die Regierung zwingt Investoren, ihre Staatsanleihen zu kaufen.

Effekt: Es entsteht künstliche Nachfrage nach Staatsanleihen. Der Staat hat weniger Finanzierungsprobleme.

Beispiel: Japan als das am höchsten verschuldete Industrieland baut bei seiner Finanzierung vor allem auf Staatsfirmen: Japans Post-Bank hält der Rating-Agentur Fitch zufolge rund 20 Prozent, die Post-Versicherung 10 Prozent, andere staatliche Finanzinstitute 20 Prozent. Die geplante Privatisierung der Post ist auf Eis gelegt.

5. Kapitalverkehrsbeschränkungen: Die Regierung unterbindet Kapitalflucht.

Effekt: Die Bürger dürfen ihr Geld nicht zur besten Anlage bringen, wenn sie im Ausland ist.

Beispiel: Nahezu alle Länder haben in ihrer Geschichte schon einmal den Kapitalverkehr beschränkt, auch Deutschland.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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