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Alleinsterbende Der Tod bringt das Geschäft

Ein alleinstehender Mann stirbt. Er ist Ende Siebzig und hinterlässt weder Verwandte noch Freunde. Um die vielen Formalitäten, die nun erledigt werden müssen, kümmern sich Menschen, denen der Verstorbene nie begegnet ist. Eine Geschichte über das Ende.

© Jenni Roth Als der Anwalt die Wohnungstür öffnen lässt, sieht alles so aus, als sei Herr Sperling nur kurz mal fortgegangen.

Willy Sperling hat sein Geld nicht in der Matratze versteckt, auch nicht in der Schublade zwischen den Unterhemden. Der alte Mann hat seine Scheine in ein Briefkuvert geschoben, in krakeliger Handschrift „Bargeld“ darauf geschrieben und den Umschlag dann auf dem Fernseher liegenlassen. Wenn man ihn in die Hand nimmt, hinterlässt er ein blankes Rechteck auf schwarzem Untergrund, der von Staub überzogen ist - so viel Staub, wie sich in einem Jahr ansammelt.

So lange hat kein Mensch den Umschlag angerührt, kein Mensch die Wohnung betreten. Seit diesem sonnigen Februartag im vorigen Jahr, als die Ambulanz vor der Tür stand. Schlaganfall. Die Sanitäter hoben Sperling auf die Bahre, legten eine Kanüle für die Infusion, trugen ihn aus dem ersten Stock in den Krankenwagen. Die Fahrt ins Spital quer durch Berlin sollte seine letzte Reise sein. Beinahe wäre Sperling 79 Jahre alt geworden.

Ein Jahr später steht Kay-Uwe Pohl vor der Haustür eines Wohnblocks in Reinickendorf. Der Anwalt gräbt die Hände tief in die Manteltaschen und mustert das Haus. Auf dem Klingelschild steht in Messing graviert immer noch der Name Sperling. Die alte Eiche im Hof hängt ihre kahlen Äste über die Weitsprunganlage hinter dem Drahtzaun. Der Schlüsseldienst ist pünktlich. Er wird Pohl im Auftrag des Amtsgerichts die Tür öffnen zu Sperlings Wohnung und zu seinem Leben.

Erst nach seinem Tod beginnt Willy Sperling für die Außenwelt zu existieren

Es ist der Tod, der Arbeit schafft: für den Schlüsseldienst, den Nachlassverwalter, den Beamten im Gesundheitsamt, für den Bestatter, die Räumungsfirma, und den Versteigerer.

Der Schlosser stemmt sich gegen die Tür, die Bohrmaschine jault kurz auf, gelbe Späne rieseln auf den Boden, und Pohl betritt die Wohnung. Er wirft einen Blick in die Küche, steigt über einen Kleiderbügel und einen Deoroller im Flur. Er legt seine Aktentasche auf ein freies Stück Teppichboden zwischen einer C&A-Tüte und einer Glühbirne und blickt sich um. Das Fernsehprogramm liegt aufgeschlagen auf einem Berg aus Zeitungen auf dem Couchtisch. Für den 2. Februar 2011 ist „Der Bergdoktor“ angekündigt, eine kleine Leselupe ist auf das Sofa gerutscht. Der fein gerahmten Brille daneben fehlt ein Glas. „Wie lange hält sich Obst?“ heißt die Schlagzeile auf der BZ, die oben liegt. Unter dem Tisch stehen braune Slipper, die Schuhspitzen zeigen Richtung Fernseher. Sperling muss aus ihnen herausgeschlüpft sein und sie dann liegenlassen haben. In der Küche liegt eine offene Packung Weizenmischbrot, eine angebrochene Tafel Ritter Sport Marzipan. Die Heizung ist einfach weitergelaufen: Es ist mollig warm in der Wohnung, als sei eben noch jemand da gewesen. Pohl lässt seinen schwarzen Mantel trotzdem an. „Ich habe schon Schlimmeres erlebt bei all den einsamen Leuten“, sagt er trocken.

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