Home
http://www.faz.net/-gpc-74ju9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Alleinsterbende Der Tod bringt das Geschäft

Ein alleinstehender Mann stirbt. Er ist Ende Siebzig und hinterlässt weder Verwandte noch Freunde. Um die vielen Formalitäten, die nun erledigt werden müssen, kümmern sich Menschen, denen der Verstorbene nie begegnet ist. Eine Geschichte über das Ende.

© Jenni Roth Vergrößern Als der Anwalt die Wohnungstür öffnen lässt, sieht alles so aus, als sei Herr Sperling nur kurz mal fortgegangen.

Willy Sperling hat sein Geld nicht in der Matratze versteckt, auch nicht in der Schublade zwischen den Unterhemden. Der alte Mann hat seine Scheine in ein Briefkuvert geschoben, in krakeliger Handschrift „Bargeld“ darauf geschrieben und den Umschlag dann auf dem Fernseher liegenlassen. Wenn man ihn in die Hand nimmt, hinterlässt er ein blankes Rechteck auf schwarzem Untergrund, der von Staub überzogen ist - so viel Staub, wie sich in einem Jahr ansammelt.

So lange hat kein Mensch den Umschlag angerührt, kein Mensch die Wohnung betreten. Seit diesem sonnigen Februartag im vorigen Jahr, als die Ambulanz vor der Tür stand. Schlaganfall. Die Sanitäter hoben Sperling auf die Bahre, legten eine Kanüle für die Infusion, trugen ihn aus dem ersten Stock in den Krankenwagen. Die Fahrt ins Spital quer durch Berlin sollte seine letzte Reise sein. Beinahe wäre Sperling 79 Jahre alt geworden.

Ein Jahr später steht Kay-Uwe Pohl vor der Haustür eines Wohnblocks in Reinickendorf. Der Anwalt gräbt die Hände tief in die Manteltaschen und mustert das Haus. Auf dem Klingelschild steht in Messing graviert immer noch der Name Sperling. Die alte Eiche im Hof hängt ihre kahlen Äste über die Weitsprunganlage hinter dem Drahtzaun. Der Schlüsseldienst ist pünktlich. Er wird Pohl im Auftrag des Amtsgerichts die Tür öffnen zu Sperlings Wohnung und zu seinem Leben.

Erst nach seinem Tod beginnt Willy Sperling für die Außenwelt zu existieren

Es ist der Tod, der Arbeit schafft: für den Schlüsseldienst, den Nachlassverwalter, den Beamten im Gesundheitsamt, für den Bestatter, die Räumungsfirma, und den Versteigerer.

Der Schlosser stemmt sich gegen die Tür, die Bohrmaschine jault kurz auf, gelbe Späne rieseln auf den Boden, und Pohl betritt die Wohnung. Er wirft einen Blick in die Küche, steigt über einen Kleiderbügel und einen Deoroller im Flur. Er legt seine Aktentasche auf ein freies Stück Teppichboden zwischen einer C&A-Tüte und einer Glühbirne und blickt sich um. Das Fernsehprogramm liegt aufgeschlagen auf einem Berg aus Zeitungen auf dem Couchtisch. Für den 2. Februar 2011 ist „Der Bergdoktor“ angekündigt, eine kleine Leselupe ist auf das Sofa gerutscht. Der fein gerahmten Brille daneben fehlt ein Glas. „Wie lange hält sich Obst?“ heißt die Schlagzeile auf der BZ, die oben liegt. Unter dem Tisch stehen braune Slipper, die Schuhspitzen zeigen Richtung Fernseher. Sperling muss aus ihnen herausgeschlüpft sein und sie dann liegenlassen haben. In der Küche liegt eine offene Packung Weizenmischbrot, eine angebrochene Tafel Ritter Sport Marzipan. Die Heizung ist einfach weitergelaufen: Es ist mollig warm in der Wohnung, als sei eben noch jemand da gewesen. Pohl lässt seinen schwarzen Mantel trotzdem an. „Ich habe schon Schlimmeres erlebt bei all den einsamen Leuten“, sagt er trocken.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Law Clinics Jurastudenten machen sich nützlich

Jahrzehntelang war es verboten, doch jetzt dürfen Studenten juristische Beratung leisten. Das krempelt das Jurastudium um. Und kommt armen Menschen zugute. Mehr Von Nina Himmer

17.09.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
Tänzer ehren toten Staatsführer

Vor 50 Jahren nahm Kim Jong-il seine Arbeit im Zentralkomitee der Arbeiterpartei Nordkoreas auf. Grund zum Tanzen in Pjöngjang. Mehr

20.06.2014, 10:52 Uhr | Politik
Haarmode im alten Ägypten Haute Coiffure in Echnatons Stadt

Ihre Frisuren waren den alten Ägyptern wichtig. Neue Funde zeigen, dass auch kleine Leute hier mitunter großen Aufwand trieben. Mehr Von Ulf von Rauchhaupt

27.09.2014, 13:37 Uhr | Wissen
Tote bei Fährunglück in Bangladesch

Das Schiff mit rund 200 Menschen an Bord soll auf bei starkem Wind gekentert sein. Bisher wurden neun Tote geborgen. Mehr

16.05.2014, 09:36 Uhr | Gesellschaft
Seuche in Westafrika Liberias stellvertretende Gesundheitsministerin unter Ebola-Quarantäne

Die Epidemie bedroht auch Liberias Regierung: Vize-Gesundheitsministerin Bernice Dahn hat sich unter Quarantäne gestellt, nachdem sich ihr Assistent infiziert hatte. Die Zahl der Toten in der Region ist auf über 3000 gestiegen. Mehr

27.09.2014, 21:22 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.11.2012, 15:20 Uhr

Die Schattenseite

Von Jasper von Altenbockum

Die Regierung weiß, dass es in Unterkünften für Flüchtlinge zu Gewaltausbrüchen kommen kann – Bürokratismus nützt nun ebensowenig wie Romantik. Mehr 2

Prêt-à-porter Sensationen vom Boulevard

Die Pariser Modemacher denken sich ein leichtes Frühjahr aus. Manche Kollektionen der letzten Prêt-à-porter-Tage sind aber auch einfach nur leichtgewichtig. Mehr Von Alfons Kaiser, Paris und Helmut Fricke (Fotos) 1