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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Al Dschazira-Korrespondent Aktham Suliman im Gespräch Wir erleben eine gesellschaftliche Explosion

 ·  Ägyptens Regierung handelt autoritär und lässt internationale Einrichtungen schließen. Ist die „Arabellion“ schon am Ende? Zumindest das Internet hat weniger bewirkt, als man denkt.

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Die Aufstände in Tunesien und Ägypten wurden in westlichen Medien als „Facebook-Revolutionen“ bezeichnet. Würden Sie diesen Begriff auch verwenden?

Ich habe diese Bezeichnung nie für richtig gehalten, denn Facebook und andere neue soziale Medien wie Youtube oder Twitter tragen dazu bei, Dinge zu verbreiten, Kommunikation herzustellen. Aber ob sie Revolution oder Aufstände überhaupt erst möglich machen, daran zweifele ich sehr stark. Die Französische Revolution hatte kein Facebook, die Oktoberrevolution hatte kein Al Dschazira. Ich denke, die inneren gesellschaftlichen Widersprüche in den unterschiedlichen arabischen Ländern sind das Thema. Und ich fürchte, dass wir die Analyse dieser Widersprüche hier im Westen unbewusst ausklammern, Widersprüche, die automatisch dazu führen, dass eine gesellschaftliche Explosion stattfindet, manchmal im negativen, manchmal im positiven Sinne.

Wenn nicht die jungen Internet-Aktivisten, wer hat die Aufstände gemacht?

In Tunesien waren und sind die Gewerkschaften sehr stark. Außerdem ist die Analphabetenrate dort sehr niedrig und das Selbstverständnis der Bürger sehr entwickelt, was die Entwicklung beschleunigt hat. In Ägypten spielten andere Faktoren eine Rolle, aber auch hier hat sich in den vergangenen zehn Jahren eine aktive zivile Gesellschaft herausgebildet - das führte zu mehr Individualisierung und einem anderen Verhältnis zum Staat als in anderen arabischen Ländern.

In Syrien hob Präsident Assad das Verbot von Youtube und Facebook auf. War das eine Liberalisierung, oder fiel dem Staat die Repression dann leichter?

Jedes Instrument lässt sich so oder so benutzen. Viel gebracht hat Assad der Schritt nicht: Die Menschen gingen kurz darauf auf die Straße gegen ihn. Zweitens, ohne jetzt Kausalitäten herzustellen: Ich glaube nicht, dass die Leute, die im Norden Syriens demonstrieren, das mit den Leuten im Süden über das Internet abgesprochen haben. Deswegen halte ich es auch für falsch, Facebook, Internet und Satellitenfernsehen als Ursache für die Aufstände zu verstehen. Ein wichtiges Begleitinstrument aber, das waren sie auf jeden Fall.

Warum wurde die Rolle der neuen sozialen Medien im Westen so betont?

Es ist zur Mode geworden, zumindest einen Teil der Aufstände - und ich spreche bewusst nicht von Revolutionen, weil diese mehr Theorie und Zukunftsvision bedürfen - den neuen sozialen Medien zuzuschreiben. Auf gewisse Weise stimmt es, dass junge Leute aus der Mittelschicht zu den geheimen Anführern dieser Aufstände wurden. Sie gaben den Menschen das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Man hat manchmal in bestimmten autoritären Staaten das Gefühl, bescheuert zu sein, weil die Masse nicht so denkt, wie man selbst. Facebook, Satellitenfernsehen, die ganzen neuen Medien gaben vielen plötzlich eine zuvor nicht dagewesene soziale Haut. Und auch der Schweigespiralenansatz kam zum Greifen: Man konnte plötzlich das Gefühl haben, zur Mehrheit zu gehören und sich frei bewegen zu können mit seiner Meinung, ganz unabhängig davon, ob das tatsächlich stimmte.

Welche Rolle spielte Al Dschazira?

Al Dschazira, aber auch Al Arabija haben vielen Menschen eine Stimme verliehen und das Gefühl gegeben, als Subjekte wahrgenommen zu werden. Das war vorher nicht so. Außerdem hat das Satellitenfernsehen Vergleichsmöglichkeiten angeboten - als es in Tunesien losging mit dem Aufstand, konnten das die Ägypter sehen, die Libyer, die Syrer. Das hat zu einem Ansteckungseffekt geführt. Aber natürlich müssen solche Ereignisse von der Politik auf die Agenda gesetzt werden: Von den Unruhen in Saudi-Arabien Ende des Jahres nahm die Welt kaum Notiz. Von dort gibt es keine Bilder, was für unsere visualisierten Gesellschaften, für das visualisierte Weltdorf, in dem wir leben, entscheidend wäre.

Aus Syrien hat Al Dschazira anfangs kaum berichtet, aus politischer Rücksicht auf Assad, der von Qatars Machthaber zunächst noch gestützt wurde.

Hier kommen wir zum Unterschied zu den westlichen Medien. Al Dschazira ist finanziell abhängig von Qatar. Und auch wenn sich die Regierung in der Regel nicht in redaktionelle Belange einmischt, ist nicht von der Hand zu weisen, dass der einzelne Journalist sehr genau weiß, welche politischen Interessen sein Arbeitgeber verfolgt - und wo er die Schere im Kopf anzusetzen hat. Das war im Falle Tunesiens nicht nötig: Friedliche Demonstranten waren unterwegs, und Mohammed Bouazizi ist inzwischen wirklich ein arabischer Held, der kein Regierungsgebäude angegriffen, kein westliches Flugzeug entführt, sondern sich selbst angezündet hat, weil er so verzweifelt war. Da war es nicht schwierig für Journalisten und Medienhäuser, sich zu solidarisieren. Aber nicht nur das tunesische, auch das ägyptische Regime hat es uns leichtgemacht: Dadurch, dass Mubaraks Apparat die Demonstrationen tabuisierte, konnte Al Dschazira als revolutionär erscheinen. Dabei haben wir doch nur berichtet.

Trotzdem schlägt sich Ihr Sender politisch auf die eine oder andere Seite.

Man darf nicht vergessen, wie schnell der Funke von Tunesien Anfang des Jahres auf andere arabische Staaten übersprang. Da waren wir als Medium auf einmal mittendrin. In so einer Atmosphäre und ohne Rückhalt im juristischen oder politischen Sinn, wie ihn das Grundgesetz in Artikel 5 der Unabhängigkeit der Medien einräumt, fängt auch Al Dschazira an, hier und da vieles zu versäumen. Meine Erfahrung nach zehn Jahren bei dem Sender ist: Da wo die Linien klar sind, ist Al Dschazira stark. Doch dort, wo die Linien nicht so eindeutig verlaufen, geraten wir in die Kritik - bei der Berichterstattung über den Bruch zwischen Hamas und Fatah etwa oder bei unseren Beiträgen über den sunnitisch-schiitischen Konflikt nach Ende des Irak-Kriegs. Da handelten wir uns wahlweise den Vorwurf ein, als Handlanger der qatarischen Regierung zu agieren oder als Sympathisanten von Al Qaida oder als antischiitisches Medium. Hier stoßen wir an unsere Grenzen. Denn auch wenn man unabhängig ist, senden wir natürlich aus einem arabischen Land, und dieses Land hat eine Politik, eine Tatsache, die am Sender und dessen Journalisten nicht spurlos vorbeigeht.

So Partei ergriffen für die Aufständischen in Ägypten oder Tunesien wie Al Dschazira haben westliche Medien nicht.

Was übersehen wird bei der Kritik an Al Dschazira oder arabischen Politiker, ist Folgendes: Handelt es sich um eine spezifische Kritik, die Al Dschazira als arabisches Medium betrifft, oder eine breitere Kritik, die allgemeine Medienphänomene wie Agenda-Setting, einseitige Berichterstattung, die Abhängigkeit von Politik oder die Entstehung von Nachrichtenfaktoren und Feindbildern umfasst? Kommt es am Ende nicht darauf an, ob es sich ein Journalist leisten kann, seinen eigenen Chefredakteur zu kritisieren? Wenn wir über die Macht der neuen elektronischen Medien sprechen, die Überflutung durch Handyvideos, den sogenannten Bürgerjournalismus oder die mangelnde Zeit nachzudenken, trifft das in Marokko ebenso zu wie in Iran oder Frankreich. Das sind Gefahren für Journalismus weltweit. Zu sagen, nur Al Dschazira übertreibt, ist manchmal auch ein Rechtfertigungsversuch für die Zwänge, denen man selbst unterworfen ist. Ich behaupte, unsere punktuelle Berichterstattung erzeugt punktuell denkende Menschen und damit die Gefahr, dass Zusammenhänge verlorengehen.

Im Westen macht man sich Sorgen über das starke Abschneiden von Salafisten und Muslimbrüdern bei den Wahlen in Ägypten, Tunesien und Marokko.

Solange diese Kräfte wählbar und abwählbar sind, gibt es für mich kein Problem. Das fängt erst an, wenn sie nicht mehr abzuwählen wären - ganz gleich, ob es sich um Islamisten, Nationalisten oder Sozialisten handelt. Ob die gewählten Kräfte meinen persönlichen Geschmack oder den im Westen treffen, finde ich in diesem Zusammenhang unwesentlich. Schließlich geht es um Millionen von Menschen, die auf der Suche sind nach Zukunft, nach Perspektive. Sollen sie das doch ausprobieren können, Verteufeln hilft da sicherlich nicht weiter. Außerdem darf man nicht übersehen, dass dieser Trend hin zu islamistischen Kräften nicht von heute auf morgen begann, sondern ein Prozess der vergangenen zwanzig Jahre ist - mit zwei Kriegen im Irak, den Anschlägen vom 11. September und dem Einmarsch westlicher Truppen in Afghanistan. Ein Prozess übrigens, der nicht nur die arabische Welt berührt: Als ich Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland kam, sprach man von uns noch als Arabern. Irgendwann waren wir nur noch Muslime.

Dass der Übergang vom autoritären Regime Mubaraks hin zu einem pluralistischeren System allenfalls am Anfang steht, zeigt die Anordnung des ägyptischen Militärrats, die Büros der Konrad-Adenauer-Stitftung und amerikanischer Einrichtungen in Kairo durchsuchen zu lassen.

Für uns als kritisches Medium bietet sich fast das gleiche Bild wie unter Mubarak: Wir müssen die Hintergründe für ein solches Vorgehen aufzeigen, ganz unabhängig davon, ob es vom ancien regime, dem Militärrat oder in Zukunft vielleicht von einer religiösen Regierung ausgeführt wird. Wir müssen klarmachen in unseren Berichten, dass keine Exekutive ohne weiteres ohne Verdacht gesellschaftliche Gruppierungen angreifen darf wie nun geschehen. Ob vor oder nach der Revolution, spielt dabei keine Rolle.

Die Fragen stellte Markus Bickel.

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