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Gegen Rechte von Schwulen und Muslimen : Christliche Alternative für Deutschland

AfD-Europakandidatin Beatrix von Storch Bild: IMAGO

In der „Alternative für Deutschland“ übernehmen bibeltreue Protestanten die Macht. Längst kritisieren sie nicht mehr nur den Euro, sondern auch Schwule und Muslime. Sogar die Schulpflicht stellen sie in Frage.

          Anfang vergangenen September, zwei Wochen vor der Bundestagswahl, erhielten die Kandidaten aller möglichen Parteien eines Morgens gleich drei Briefe vom selben Absender – mit Fragebögen zum Ankreuzen, ob man als Abgeordneter sich einsetzen werde für ein Familienwahlrecht, dafür, dass kein Kind gegen den Willen der Eltern zur Teilnahme an Sexualerziehung in Kindergarten oder Grundschule gezwungen werden dürfe, und gegen die Ausweitung des Adoptionsrechtes von Kindern auf homosexuelle Partnerschaften.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Die Gewissensselbstauskunft sollte per Fax zurück an die Absender: einen Verein namens „Zivile Koalition“, die Gruppe „Bürgerrecht direkte Demokratie“ und die „Initiative Familienschutz“. Drei Lobbygruppen, die neben der Berliner Postanschrift noch etwas gemeinsam haben: sie werden gesteuert von Beatrix von Storch. Storch wird als „die Galionsfigur der national-konservativen Szene in Deutschland“ auf dem Aschaffenburger Europawahlparteitag der Alternative für Deutschland (AfD) angekündigt, wo sie sich für einen sicheren Listenplatz bewarb und gewann. Knapp hundert Sitze im Parlament werden an Deutsche gehen, die AfD könnte davon locker sechs Plätze erringen.

          AfD wird zur deutschen Tea Party

          „Demokratie heißt Herrschaft eines Volkes, nicht der Völker. Wir haben kein EU-Volk“, rief von Storch in den Saal. Sie wurde umjubelt. Das zeigt, dass der Richtungskampf in der AfD entschieden ist: zugunsten konservativer bibeltreuer Christen, die von Storch anführt und deren Ziele sie so formuliert: Volksentscheide über den Bau von Moscheen und die Abschaffung der Pflicht, die Kinder in die Schule zu schicken, wo nach Meinung der AfD-Christen alles andere als Enthaltsamkeit gelehrt wird: „Ich halte es für nicht schlecht, wenn Eltern das Recht haben, die Kinder allein zu Hause zu unterrichten“, sagt Storch.

          Die AfD wird zur deutschen Tea Party – nach dem Vorbild des erzkonservativen Flügels der Republikaner in den Vereinigten Staaten, der dort die Partei inzwischen fest im Griff hält. Während von Storch für den Richtungsschwenk an der AfD-Basis wirbt, wird er an der Parteispitze von Gründer Bernd Lucke gesteuert. Der Mann, der 33 Jahre lang CDU-Mitglied war und Franz Josef Strauß verehrt, macht dessen Albtraum wahr und positioniert seine Partei rechts von der Union, aus der enttäuschte Konservative angezogen werden sollen. Wer dachte, der Ökonom aus Hamburg wolle mit Kritik am Euro vor allem früheren FDP-Anhängern eine neue Heimat bieten, hat sich geirrt.

          Trat aus der Parteispitze der AfD zurück: Sprecherin Dagmar Metzger Bilderstrecke

          „Ich bin kein Liberaler“, sagt Lucke, der die Erwerbstätigkeit von Frauen „ein „Problem“ nennt und lange im Rat seiner evangelisch-reformierten Kirche saß, die sich auf Johannes Calvin beruft. „Ich bejahe den Sozialstaat“, sagt Lucke: „Ich bin Christdemokrat.“ Die Betonung liegt wohl vor allem auf Christ. Jene in der AfD, die gegen den Euro sind, aber nicht unbedingt gegen Rechte von Schwulen und Muslimen, haben verloren. Mitte vergangener Woche trat Sprecherin Dagmar Metzger aus der Parteispitze zurück, nachdem Lucke in einem Zeitungsinterview offiziell verkündet hatte, er sei kein Liberaler. Metzger will sich nun „auf Kritik am Euro konzentrieren“, was heißen soll: In der Partei geht das nicht mehr, seit die Christen dort ganz andere Themen vorantreiben.

          Während Religion in der CSU heute eher zur Folklore zählt, ist es den Protestanten der AfD bitterernst mit der sittenstrengen Lebensweise. Die starke Frau der Partei ist fortan Beatrix von Storch. Als Herzogin von Oldenburg wurde sie 1971 geboren. Ihren Beruf als Anwältin – Spezialgebiet Insolvenzrecht – übt sie nicht aus. Unter dem Dach der „Zivilen Koalition“ wurde sie zu einer mächtigen Lobbyistin. Ihre Mitarbeiter bestücken Websites wie freiewelt.net und abgeordnetencheck.de, die Parlamentarier mit Mails neben Euro-Kritik vor allem mit „Familienschutz“- Aufrufen bombardieren.

          „Alles auf persönlicher Überzeugung“

          „Frau von Storch hat durch ihr Engagement in der Zivilen Koalition zu Recht hohes Ansehen erworben“, sagt AfD-Chef Lucke. „Sie ist eine tolle Frau, die alles aus persönlicher Überzeugung tut“, gab Hans-Olaf Henkel zu Protokoll, Ex-BDI-Präsident und AfD-Europa-Kandidat auf Listenplatz zwei. Die sieben Gründungsmitglieder „Zivilen Koalition“, die von Beatrix von Storch und Ehemann Sven geführt wird, entstammen allesamt dem Adel – der eigenen Familie nämlich. Wer heute alles Mitglied sei, will Storch nicht sagen: „Daran haben wir kein Interesse.“

          Bis zur Euro-Krise wurde vor allem gegen die – aus Storchs Sicht – doppelte Enteignung der Großgrundbesitzer 1945 durch Sowjets und 1990 durch Helmut Kohl (der die DDR-Bodenreform anerkannte) angeschrieben – aus Gerechtigkeitsempfinden, sagt Storch, nicht weil sich die Familie des Gatten um den Grundbesitz in Mecklenburg vom Staat betrogen fühlt, den sie wieder zurückgekauft hat. Die Anzahl der Spender des Vereins, im AfD-Spott „Lodenfraktion“ genannt, gibt Storch mit hunderttausend an, ihre Adresskartei enthalte gar eine Million Namen.

          Das „Familienwahlrecht“, über das Storchs „Zivile Koalition“ die Bundestagskandidaten befragte, steht nun bei der Sachsen-AfD im Wahlprogramm, neben der Forderung einer „Deutschquote“ für Musik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Storchs Volksentscheid-Forderung für den Moscheebau. Storch, über die ein AfD-Bundesvorstandsmitglied spottet, sie würde nicht für ihren Verein „Zivile Koalition“ leben, sondern von ihm, gibt die Herkunft ihres Vermögens mit Rücklagen aus zehn Jahren Berufstätigkeit an: „Außerdem lebe ich sehr sparsam.“

          Tiefgläubig dazu. Aus Dank für ihre harte Linie bei Abtreibung, gleichgeschlechtlicher Ehe und Hausunterricht wurde die Protestantin Storch bei ihrer Kandidatur für die Europa-Liste von einer Parteigruppierung unterstützt, die sich „Christen in der Alternative für Deutschland“ nennt und in Baden-Württemberg gegründet wurde. In einer „Grundsatzerklärung“ findet sich neben Positionen wie Abtreibungsverbot, Verbot von Sterbehilfe (mit dem medizinischen Fachbegriff „Euthanasie“ betitelt), Ablehnung einer EU-Mitgliedschaft der Türkei, dem „Schutz der christlichen Familie und der Ablehnung der Gleichsetzung mit gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften“ auch die Forderung nach dem „Vorrang der Erziehung im Elternhaus gegenüber staatlich organisierter Erziehung“.

          Das unterstützt der fünffache Familienvater Lucke, der den Fußballspieler Thomas Hitzlsperger kritisiert hat, weil dieser sein Coming-Out nicht mit „einem Bekenntnis verbunden hat, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind“. Lucke, klarer Abtreibungsgegner und unter Hamburger Calvinisten als sittenstreng bekannt, lässt den Ausbau des Christenflügels im gesamten Bundesgebiet vom Norden her betreiben. Auf dem nächsten Parteitag wollen sich die Christen auch in der Satzung der AfD verankern. „Ich begrüße es, dass sich Christen in der AfD in Arbeitskreisen organisieren“, sagt Lucke. „Das passt zu unserem Profil als werteorientierte Partei.“

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