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Abschied von gestern (6) Wahrheitssuche am Monte Verità

Weltstars und Weltverbesserer, Visionäre und Millionäre gaben sich in Ascona einst die Klinke in die Hand. Doch vom vergangenen Ruhm kann das Städtchen nicht mehr zehren. Wer bringt neuen Glanz?

© www.fotex.de/westend61 Vergrößern Friedhofsruhe auf der Seepromenade - was für den Tag gilt, wird nachts nicht besser.

Was ist Ascona? Großartig, intellektuell, elitär? Oder altbacken, teuer, arrogant, sein Mythos Vergangenheit? Bleiben deshalb Besucher weg? Eines steht fest: Mit dem „Genius Loci“ von Ascona hat man seine liebe Not. Seit ich zurückdenken kann, umgibt diesen Ort am Ufer des Lago Maggiore ein Hauch des geheimnisvoll Mondänen. Dichter und Maler und ihre reichen Gönner, Lebensreformer, Anarchisten. Was ich aus Erwachsenengesprächen aufschnappte, klang aufregend, fast wie eine verbotene Frucht und ebenso unerreichbar. Michail Bakunin, Marianne Werefkin, die unglückselige Baronin Antoinette de Saint-Léger mit ihren Brissago-Inseln. Die Nackten vom Monte Verità. Es war eine ziemlich exotische Gesellschaft, die da seit Wilhelm II. in Ascona zusammenfand und sich einem jedenfalls nicht ganz jugendfreien Bohème-Leben widmete.

Das alles reimte ich mir aus den Andeutungen der Eltern zusammen. Vaters Lieblingsdichter Rainer Maria Rilke, einen empfindsamen Womanizer, verbanden mit Ascona zwei seiner zahlreichen Liebschaften. Die eine Geliebte, eine Malerin, zog nach Ascona, als es aus war; die andere, eine Dichterin, fing nach ihrem Wegzug von dort ein Verhältnis mit ihm an. Danach ließ sich Rilke selbst in Ascona nieder. Er wohnte im Castello San Materno am Fuß des Monte Verità - dessen Restaurierung nun den Kulturtourismus neu beleben soll - und verliebte sich sogleich von neuem, nun in eine Kommunistin.

Die High Heels lagen verdorben im Matsch

Das war mein Basiswissen. Der Monte Verità, das Markenzeichen Asconas in den Augen seiner humanistisch gebildeten Verehrer, blieb mir allerdings ein Mysterium. Das änderte sich erst mit dem öffentlichen Wirbel um Konrad Adenauer, als er überraschend seine Ferienvilla bei Lugano verließ und nach Ascona ins Bauhaushotel „Monte Verità“ umzog. Als unser Vater das gelesen und uns Kindern erzählt hatte, war das mythisch verklärte Ascona plötzlich ein realer Ferienort und der Monte Verità ein ganz normales Hotel. Zwar war das Hotel bei seiner Eröffnung 1929 so provokant und elitär wie alles auf diesem Hügel über Ascona, und erst nach Fürsprache von Walter Gropius hatten die örtlichen Behörden dem damals hypermodernen Bau überhaupt zugestimmt. Jetzt aber, 1956, zur Zeit des beginnenden deutschen Wirtschaftswunders, bestärkte die Urlaubswahl Adenauers nur, was längst Realität war. Mit dem Auto über die Alpen zum Lago Maggiore, das war der Traumurlaub der fünfziger Jahre. Noch war kein Charterjet auf Mallorca gelandet, noch war der Lago das südliche Sehnsuchtsziel mit Palmen und Seepromenaden unter einem lauen Himmel, schon fast Italien.

Auch unsere Familie machte sich zum Lago Maggiore auf, 1958, da war ich fünfzehn. Wir reisten mit einem alten VW-Käfer an, hoch auf der Rückbank auf dem zusammengefalteten Zelt wir drei Geschwister. Natürlich residierten wir nicht im Hotel in Ascona, sondern familientauglich und preiswert auf dem Campingplatz von Locarno, auf dem schon in der ersten Nacht alle meine Teenagerträume von großer Welt unter dem im Gewittersturm zusammenstürzenden Zelt untergingen. Das Etuikleid und die ersten High Heels lagen verdorben im Matsch. Das war ganz und gar nicht der Glamour, der den Namen Ascona umgab.

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