Noten sind eine komplizierte Sache. In Bayern wird gerade darüber gerätselt, warum die Schüler, deren Gymnasialzeit bereits nach acht Jahren vorbei war, im Abitur deutlich besser abgeschnitten haben als die, die ihre Prüfung nach neun Jahren absolvierten. G8 schlägt G9, gilt also die Gleichung: je weniger Schule, desto bessere Noten? An dieser Prüfungsaufgabe zerbrechen sich Bildungspolitiker die Köpfe.
Eine ältere Erfahrung lautet: Mädchen bekommen meist die besseren Noten. Allerdings nicht unbedingt in einem Nebenfach, das derzeit die Hauptrolle spielt: im Fußball. Natürlich ist bekannt, dass die Noten für einzelne Akteure, die vor allem Boulevard- und Fachblätter ihren Lesern von Spielen liefern, nicht immer seriös sein können. Denn anders als in der Schule benotet im Fußball nicht der, der auch die Aufgaben gestellt hat. Das tut vielmehr jemand auf der Tribüne, der nicht wissen kann, was genau der auf der Bank von denen auf dem Rasen verlangt hat.
Mit einer Durchschnittsnote von 4,15 weiter gekommen
Fußballnoten sind deshalb immer umstritten und immer ungerecht und immer interessant. Wie verhält es sich bei der Frauen-WM? Zumeist pendeln sich die Benotungen der Fußballerinnen im Durchschnitt bei dem langjährigen Mittel ein, das auch bei den männlichen Kollegen üblich ist, irgendwas um die Dreikommanochwas. Das liegt daran, dass kein Reporter von allen 22 eine fundierte Meinung haben kann. Es bleiben immer mehrere übrig, die dann die übliche Drei bis Vier kriegen. Genau wie in der Schule.
Ein Spiel aber ragt heraus, von der Dramaturgie wie von der Bewertung: das Viertelfinale zwischen Brasilien und den Vereinigten Staaten. Die zehn amerikanischen Feldspielerinnen (die fast sechzig Minuten lang nur neun waren), die sich gegen Rückstand, Unterzahl und Benachteiligung aufbäumten, die in der 122. Minute den Ausgleich erzwangen und das Elfmeterschießen ohne Fehlversuch gewannen - diese Feldspielerinnen erhielten in der Bewertung des überaus seriösen Fachblatts „Kicker“ eine Durchschnittsnote von 4,15. Es ist eine Note, mit der man beim Abitur durchfällt.
Einzelnoten im Fußball sind so unterhaltsam wie sinnlos
Wie kann aus so schwachen Spielerinnen ein solch starkes Team entstehen? Das bleibt unerklärlich. Im Prozess der Bewertung fallen offenbar nur die wenigen Momente ins Gewicht, in denen Spielerinnen für den Außenstehenden besonders bemerkbar werden - weil sie sich mit einer isolierten Aktion aus dem Gesamtbild herauslösen, ob positiv oder negativ. Das ist jedoch eine sehr männliche Wahrnehmung. Weibliche Wahrnehmung, die viel eher ein Gespür hat für den unauffälligen, uneitlen Beitrag zum Erfolg der Gruppe, spielt für Fußballnoten kaum eine Rolle. All die Eigenschaften, mit denen die dramatischste Wende der WM gelang - Kampfgeist, Charakter, mentale Stärke, soziale Stärke -, blieben unbenotet.
Das legt abermals nahe, dass Einzelnoten im Fußball von ihrer Idee her so unterhaltsam wie sinnlos sind. Und auch: dass das Hervorheben oder Hinabstufen von Einzelnen in einem Mannschaftsspiel eine sehr männliche Idee ist.
