30.03.2011 · Wenn Deutschland die Atomkraft aufgibt, müssen alle Meiler abgebaut werden. Bis die erste Phase des eigentlichen Rückbaus beginnt, haben unendlich viele Gutachter besichtigt, gemessen, gerechnet, geplant. Das dauert - und kostet viele Milliarden.
Von Inge Kloepfer„Es war der krönende Abschluss“, sagt Peter Klimmek nachdenklich. Er meint den Moment vor einem Jahr, als aus dem Kernkraftwerk Würgassen der letzte Teil des Reaktors abtransportiert wurde. „Das war ein historischer Tag“, sagt der Elektrotechniker. Aber große Freude schwingt in seiner Stimme nicht mit. Klimmek kennt das Kraftwerk in Ostwestfalen seit Jahrzehnten. Sein gesamtes Berufsleben ist mit der Geschichte des AKW Würgassen verbunden. Als er 1975 dort seine Arbeit aufnahm, war das Kraftwerk erst vier Jahre am Netz. Jetzt muss Klimmek als Kommunikationschef der Welt erklären, wie das AKW abgebaut wird. In vier Jahren wird alles vorbei sein.
Wie in Würgassen könnte es demnächst auch in Biblis oder Neckarwestheim zugehen: Atomkraftwerke werden rückgebaut. Derzeit befinden sich in Deutschland 16 Kernkraftwerke in Stilllegung, drei sind schon ganz zurückgebaut. Dazu kommen etliche abgebaute Forschungsreaktoren. Doch der Rückbau großer Reaktoren ist noch kein Standardgeschäft in Deutschland, sondern ein Jahre währendes Hin und Her zwischen Betreibern und Behörden, Genehmigungen und Freigaben. Jedes Werk braucht ein eigenes Konzept. Es gibt zwar viel Einzelwissen, aber keine Blaupause. Entsprechend unsicher ist die Planung über Zeit und Kosten.
Buchstäblich aus dem Leben gerissen
In Würgassen war es ein Haarriss im Kernmantel im Inneren des Reaktors, der dem ersten rein kommerziellen Atomkraftwerk der Bundesrepublik den Garaus machte. Nicht etwa, weil der Riss irreparabel gewesen wäre, sondern weil Um- und Nachrüstungsmaßnahmen seine Wirtschaftlichkeit in Frage stellten. Aus und vorbei: Am 26. August 1994 wurde der Siedewasser-Reaktor der ersten Generation abgeschaltet und damit buchstäblich aus dem Leben gerissen. Es war ja noch voll funktionsfähig. Das ist bei Stilllegungen immer so, weil man Atomkraftwerke eben nicht auf Verschleiß fahren kann.
Als erstes wird stillgelegten und für den Rückbau vorgesehenen Kraftwerken das Herz herausgeschnitten. So auch in Würgassen: Die hochradioaktiven Brennelemente wurden in die Wiederaufbereitungsanlage La Hague verfrachtet, wodurch sich das Inventar an Radioaktivität auf ein Hundertstel im Vergleich zum Leistungsbetrieb reduzierte. Allein das ist Schwerstarbeit. Und was danach kommt erst recht.
Einen Kraftwerksrückbau erledigen die Betreiber nicht allein, sondern mit Hilfe von hochspezialisierten Fremdfirmen: Da reisen Strahlenschutzfachkräfte an, Beton- und Metallbauunternehmen, Transportfirmen. „Über all die Jahre haben in Würgassen zwischen 300 und 600 solcher Fachleute gleichzeitig am Rückbau gearbeitet“, erzählt Klimmek.
Gemessen, gerechnet, geplant
Bis die erste Phase des eigentlichen Rückbaus beginnt, haben unendlich viele Gutachter besichtigt, gemessen, gerechnet, geplant. Dann werden erst einmal Anlagenteile zerlegt, die nicht mehr benötigt werden, zu Anfang alles noch außerhalb des Sicherheitsbehälters. Oberflächlich kontaminierte Bestandteile werden gereinigt – durch Bürsten, Schrubben, Schleifen, mit Sandstrahl, Säuren oder elektrischen Verfahren. Jede Betonplatte, jedes Rohr, jede Schraube. Man arbeitet sich von außen nach innen. Hochradioaktive Teile werden ferngesteuert unter Wasser zerteilt. Und immer wieder wird die Strahlung gemessen, bis das Material aus dem Inneren des Kernkraftwerks als ganz normaler Schrott den Ort verlassen kann. Das Kühlwasser wird gefiltert und verdampft, der kontaminierte Schlamm gelagert. „Nur etwa ein Prozent des gesamten Materials bleiben als radioaktiver Müll“, sagt Klimmek. „Bei uns sind das 5000 Tonnen.“
Bis das Atomkraftwerk Würgassen zum Abriss freigegeben ist, wird es 2014 werden. Die zeitliche Bilanz sieht dann so aus: Vier Jahre gebaut, 22 Jahre gelaufen, 2 Jahre stillgelegt, 18 Jahre zurückgebaut. Das ist relativ lange, weil man mit dem Rückbau der alten Meiler noch nicht viel Erfahrung hatte. Zukünftig wird mit 10 bis 12 Jahren gerechnet. Wie lange es dauert, bis man alle Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet und abgebaut hat, bleibt trotzdem eine Rechnung über den Daumen. Zu viele Unbekannte kommen hier ins Spiel. Enge Grenzen setzt schon der Arbeitsmarkt: Auf Rückbau spezialisierte Fachkräfte sind rar. Aber auch beim Rückbau selbst gibt es Überraschungen. So können Hotspots auftauchen, kontaminierte Stellen, mit denen niemand gerechnet hat. In Greifswald, wo fünf Reaktorblöcke aus DDR-Zeiten verschwinden sollen, laborieren die Fachleute schon ewig wegen solcher Hotspots. Aber es handelt sich auch um eines der größten Stilllegungsprojekte weltweit.
„Frühestens 2055 könnte alles vorbei sein“
Der Chemiker Gerhard Schmidt vom Öko-Institut, der sich seit Jahren mit dem Rückbau von Kernkraftwerken beschäftigt, beginnt zu rechnen. „Wenn der letzte Meiler im Jahr 2040 vom Netz ginge“, sagt er, „dann könnte frühestens im Jahr 2055 alles vorbei sein.“ Das heißt: Von den Werken gäbe es keine Spur mehr. Oder besser gesagt, keine sichtbaren Spuren. Denn Spuren werden bleiben, der kontaminierte Müll eben.
Schmidt rechnet weiter: „Wenn wir – im günstigsten Fall – davon ausgehen, dass es 2030 endlich zur Betriebseröffnung eines Endlagers käme, dann dauert der Einlagerungsbetrieb des bis dann angefallenen Mülls sicher noch einmal 40 Jahre.“ Behälter für Behälter muss vorsichtig Hunderte von Metern unter die Erde gebracht werden. Also würde es 2070 – frühestens.
Müll wird es bis zum Abbau des letzten Werkes reichlich geben: Rund 290.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktive Abfälle, schätzt das Bundesumweltministerium in Berlin. Dazu kämen bis zu 40.000 Kubikmeter hochaktiver Müll, wie Brennelemente. Das alles müsste aus den vielen Zwischenlagern unter die Erde, wo jetzt erst etwa 84.000 Kubikmeter lagern. Sind die Schächte verschlossen, wäre die Atomkraft in Deutschland endgültig Geschichte.
So bleibt die Frage nach den Kosten. „Wir werden bei einer Milliarde Euro landen“, sagt Elektrotechniker Klimmek in Würgassen. Mit 300 Millionen Euro weniger hatte man geplant. Ein Teil der Planungsungenauigkeiten ist der fehlenden Erfahrung geschuldet.
Sie rechnen über den Daumen
Wesentlich höher sind die Kosten beim Rückbau der ehemals ostdeutschen Kernkraftwerke in Greifswald-Lubmin und Rheinsberg, die der Staat und damit der Steuerzahler trägt. Hier sprengt der Mehraufwand die Milliardengrenze; die Energiewerke Nord geben die Gesamtkosten mit 4,1 Milliarden Euro an. Deshalb wagen viele Experten es nicht mehr, Kosten genau zu beziffern. Sie rechnen über den Daumen.
Der Rückbau eines Meilers koste so viel wie seine Errichtung, heißt es. Andere Experten veranschlagen rund eine Milliarde Euro je Werk – im Durchschnitt. Die Energiekonzerne haben dafür fast 29 Milliarden Euro zurückgestellt, allen voran Eon mit 12,2 Milliarden Euro, dicht gefolgt von RWE.
Nimmt man alle noch stehenden Anlagen zusammen, wären für den Rückbau im sehr günstigen Fall zwischen 40 und 60 Milliarden Euro aufzubringen, davon der größere Teil von der Energiewirtschaft selbst. Dazu kommen die Kosten der Endlagerung, die der Wissenschaftler Schmidt vom Öko-Institut bei einer oberen Preisspanne mit 15 Milliarden Euro ansetzt – für den hochradioaktiven Müll. „Wenn wir allerdings keine gesellschaftliche Einigung in dieser Frage erreichen, dann kommen noch fünf Milliarden dazu.“
Wieder geht es hier um ganz grobe Schätzungen. „Bei Schacht Konrad, wo der schwach radioaktive Abfall langfristig lagern soll, wird es mit fünf Milliarden nicht ganz so teuer“, meint er auch. Wenn der Rückbau-Experte einen Strich unter das alles zieht, hätten sich die Kosten auf rund 70 Milliarden Euro summiert, bis alles weg und der Müll sicher unter der Erde ist. „Wenn ich diesen Betrag auf die Kilowattstunden umlege, die die Anlagen produziert haben, dann ist das verschwindend wenig.“
Weniger Stolz, eher Wehmut
Bei Schmidts geschätzten 70 Milliarden Euro fehlen aber die Opportunitätskosten, also alles, was Wirtschaft und Gesellschaft an Einnahmen durch den Ausstieg entgeht. Nicht nur hätte die Laufzeitenverlängerung dem Steuerzahler 2,3 Milliarden Euro je Jahr eingebracht, auch hätte die Atomwirtschaft einen Fonds für erneuerbare Energien finanzieren müssen. Volkswirtschaftlich drohen noch viel höhere Verluste: In der Energieprognose 2009 für die Bundesregierung hieß es, dass das Bruttoinlandsprodukt bei einer Laufzeitverlängerung von acht Jahren 2020 um 0,6 und 2030 um 0,9 Prozent höher wäre. Über die Jahre aufaddiert entspräche das einem Betrag von weit über 100 Milliarden Euro.
Man könnte noch vieles hinzu- und etliches gegenrechnen. Die noch verbliebenen 80 Mitarbeiter in Würgassen müssen sich darüber aber keine Gedanken machen. Sie werden 2015 ihren Job erledigt haben. Von ehemals 350 Mitarbeitern am Standort werden sich dann nur noch eine Handvoll Menschen um das kleine Zwischenlager des Kraftwerks kümmern, bis irgendwann alles in Schacht Konrad verschwindet. Peter Klimmek wird man zu der Zeit – vierzig Jahre nach seinem Einstieg – nicht mehr antreffen. Ein wenig seltsam ist ihm schon zumute. „Wir arbeiten hart, um am Ende vor dem Nichts zu stehen.“ Das bezieht er nicht auf sich selbst, sondern auf das Werk und die Tatsache, dass alles, was mal strahlte, brannte, kochte und Strom erzeugte, wieder weggeräumt ist. „Stolz stellt sich weniger ein, eher Wehmut“, sagt Klimmek. „Ein bisschen zumindest.“
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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