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Risikoforscher Gerd Gigerenzer „Jedes Volk hat seine eigenen Ängste“

30.05.2011 ·  Die deutsche Furcht vor dem Atom: Darüber spricht der Risikoforscher Gerd Gigerenzer mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung - und über brennende Weihnachtsbäume und das kompetente Bauchgefühl.

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Herr Gerd Gigerenzer, wenn die Bundeskanzlerin Angela Merkel an Stelle einer Ethikkommission Sie als Risikoforscher befragt hätte: Was hätten Sie dann empfohlen?

Ich hätte ihr sicher nicht die Entscheidung abgenommen, ob sie die Kraftwerke abschalten oder am Netz lassen soll. Aber ich hätte ihr sagen können, wie wir die Menschen im Umgang mit Risiken kompetenter machen.

Da hapert es?

Der Fukushima-Vorfall wird das gleiche Schicksal erleiden wie vorher die Finanzkrise, die Schweinegrippe oder jetzt die Ehec-Infektion. Diese Themen haben ein paar Monate Konjunktur, dann sind sie wieder vergessen. Aber wir lernen kaum etwas daraus – außer, dass wir für kurze Zeit sehr aufgeregt sind.

Wenn in den nächsten Wochen das Ausstiegsgesetz beschlossen wird, dann bleibt es doch bei der Kurskorrektur?

Das nehme ich an. Diesmal war ich schon überrascht, wie schnell die Parteien auf die Ängste des Volkes gehört haben. Das ist ja nicht immer so. Bei BSE zum Beispiel lautete die Botschaft lange, dass wir uns nicht zu sorgen brauchen - weil wir anders als die Engländer wissen, wie man mit Rindern umgeht. Da hatte man die Illusion von Sicherheit.

Sind die Deutschen ängstlicher als andere?

Wir fürchten uns mehr als andere vor Strahlen, während wir uns um die Opfer der Erdbeben weniger scheren. Strahlenangst betrifft nicht nur die Atomkraftwerke. Bei uns überlegt man sich genau, ob man zu einer Röntgenuntersuchung geht. In den Vereinigten Staaten werden dagegen jedes Jahr 70 Millionen Computertomografien gemacht, obwohl viele davon überflüssig sind. Man schätzt, dass davon 29.000 Menschen Krebs bekommen.

Woher kommt diese Angst vor Strahlen?

Solche Ängste werden nicht so sehr durch schlechte Erfahrungen gelernt, sonst müssten sich die Japaner besonders stark vor Strahlen fürchten. Sie werden sozial gelernt. Wir übernehmen die Ängste der Bezugsgruppe, in der wir uns bewegen.

Ist das nicht furchtbar unvernünftig?

Es ist durchaus rational, nicht alle Gefahren selbst zu testen. Oder wollen Sie den Fliegenpilz selbst essen, damit Sie glauben, dass er giftig ist?

Machen Strahlen oder Krankheitserreger so viel Angst, weil man sie nicht sieht?

Der Punkt ist ein anderer. Die Leute haben weniger Angst vor dem individuellen Tod. Dagegen fürchten sie besonders solche Situationen, in denen viele Menschen auf einmal sterben können. Wir überschätzen die Gefährdung durch spektakuläre Katastrophen und unterschätzen die ganz alltäglichen Desaster. Diese Angst vor Katastrophen war früher einmal rational, als die Menschen in Kleingruppen existierten – und der plötzliche Tod eines großen Teils dieser Gruppe das Überleben der anderen gefährden konnte.

Warum schafft es die Evolution nicht, solche heute unangemessenen Urängste zu überwinden?

Die Evolution ist langsam. Aber wir haben ja noch unser Großhirn, mit dem wir unsere Ängste reflektieren können. Wir müssen den Menschen erklären, wie sie funktionieren, und sie im Umgang mit Risiken kompetenter machen. In der Schule lernen wir noch immer eine Mathematik der Sicherheit, die klassische Algebra zum Beispiel. Die Mathematik der Unsicherheit kommt so gut wie nicht vor.

War die deutsche Reaktion auf Fukushima denn angemessen?

Die Deutschen haben ziemlich anders reagiert als der Rest der Welt, mit Ausnahme der Griechen und der Österreicher. Viel nervöser. Aber das führt dann immerhin dazu, dass wir Vorreiter sind bei den erneuerbaren Energien. So gesehen hat die Angst auch ihr Gutes.

Sind andere Völker vernünftiger als wir?

Sie haben andere Ängste. Wir in Deutschland zum Beispiel mögen an Weihnachten gerne brennende Wachskerzen am Christbaum. Meine Frau ist Amerikanerin. Sie empfindet das als lebensgefährlich. Also haben wir uns darauf geeinigt, dass ich die Kerzen anzünde und sie einen Eimer Wasser daneben stellt. Andererseits legt ein amerikanischer Freund unter seinen elektrisch beleuchteten Baum ein Gewehr als Geschenk für seinen Sohn. Das würde mir Sorge bereiten.

Sie können Ihrer Frau nicht einfach sagen, dass Wohnungsbrände durch Weihnachtskerzen relativ selten sind?

Das wäre schlechte Risikokommunikation. Man darf den Menschen niemals sagen, dass ihre Angst unbegründet ist. Man muss ihnen sagen, was gegen das Risiko zu tun ist. Deshalb der Eimer Wasser. Das beruhigt.

Wenn die Regierung nächste Woche einen Ausstiegsplan beschließt, beruhigt das die Leute?

Mit der Atomkraft ist es viel schwieriger, weil wir die Risiken nicht berechnen können. Beim Straßenverkehr wissen wir, es sterben in Deutschland ungefähr 4000 Menschen pro Jahr. Das kann man in Beziehung setzen zu den gefahrenen Personenkilometern. Bei Atomunfällen können wir eine solche Zahl gar nicht seriös berechnen, weil ein GAU glücklicherweise zu selten passiert.

Wir würden uns sicherer fühlen, wenn solche Katastrophen an der Tagesordnung wären?

Das natürlich nicht. Aber wir müssen den Menschen diese Unsicherheit erklären. Wir geraten im Leben ziemlich oft in Situationen, in denen wir das genaue Risiko nicht kennen.

Warum verlassen wir uns nicht einfach auf den Bauch der Mehrheit, und der sagt: Raus aus dem Atom?

Ich bin ja sehr für Bauchentscheidungen. Aber sie sind nur dann gut, wenn jemand viel Erfahrung mit einem Thema hat. Nur dann soll er seiner Intuition vertrauen.

Sie setzen also den kundigen Bauch voraus?

Nehmen Sie das Golfspiel. Wenn Sie einem Profi mehr Zeit geben, um über seinen Abschlag nachzudenken, wird er schlechter. Weil er dann nicht mehr seiner Intuition vertraut, sondern zu viel nachdenkt. Bei Anfängern ist es umgekehrt.

Wenn Frau Merkel als erfahrene Taktikerin weiß, nach Fukushima muss ich aussteigen – dann ist das die richtige Entscheidung?

Politisch-taktisch hat sie vermutlich das Richtige gemacht. Eine andere Frage ist, was in der Sache die richtige Lösung ist. Dafür brauchen Sie das Bauchgefühl von Leuten, die sehr viel von der Materie verstehen, aber keine Interessenkonflikte haben.

Das hat Merkel doch mit der Ethikkommission versucht.

Sie hat versucht, verschiedene gesellschaftliche Gruppen einzubinden. Das ist etwas anderes, als nach Leuten zu suchen, die über ein Thema am besten Bescheid wissen.

Demokratie lebt vom Streit der Interessen. Ist der Glaube an den neutralen Fachmann nicht furchtbar naiv?

Ich glaube schon, dass es in diesem Land ein paar solcher Institutionen gibt. Mit einer guten Forschergruppe kann man sich innerhalb von ein paar Jahren in jedes Thema einarbeiten – und Vorschläge erarbeiten, an denen man selbst nichts verdient. Hier am Max-Planck-Institut arbeiten wir zum Beispiel an Ideen, wie man künftige Finanzkrisen vermeiden kann. Da gibt es erstaunliche Parallelen zur Atomfrage.

Und zwar?

In beiden Fällen wissen wir nicht, wann die nächste Krise eintritt. Da macht es gar keinen Sinn, viel Geld in möglichst komplexe Vorhersagesysteme zu investieren. Besser wäre es, wir würden ein oder zwei einfache Stellschrauben suchen, mit denen wir die Wahrscheinlichkeit einer neuen Krise reduzieren können. Bei den Banken wären das strengere Vorschriften fürs Eigenkapital, damit der Kredithebel nicht so groß und gefährlich ist.

Und beim Atom?

Da käme es darauf an, etwas Vergleichbares zu finden. Das Ziel kann natürlich sein, auf Wasser, Wind und Sonne zu setzen.

Das wäre dann das risikolose Paradies?

Keine Technik ist risikolos. Auch bei einem Wasserkraftwerk kann der Staudamm brechen. Die Frage ist, ob neue Risiken erträglicher sind.

Die große Mehrheit der Deutschen würde das den Erneuerbaren selbstverständlich attestieren.

Ich würde das gerne den Experten überlassen. Man könnte den weltweiten Energiebedarf untersuchen. Da gibt es einen Vorschlag von internationalen Experten, der zu 51 Prozent aus Windenergie besteht, 40 Prozent Sonne und ein bisschen Wasserkraft.

Würden Sie selbst in die Nähe eines Atomkraftwerks ziehen?

Da würde ich mir erst einmal Zeit nehmen, um die nötigen Informationen einzuholen. Ich würde mich zum Beispiel erkundigen, welcher Strahlung ich dort ausgesetzt bin. Vielleicht auch, wie sich die Grundstückspreise dort entwickeln. Das verstehe ich unter Risikokompetenz: Dass ich mich kompetent mache – und am Ende selbst entscheide und auch auf meinen Bauch höre. Das wünsche ich mir auch von Politikern, dass sie sagen: Es gibt Gründe für beide Seiten. Aber ich spüre, dass dies die richtige Lösung ist. Die Bürger sind nicht dumm. Das mangelnde Vertrauen in die Politiker hängt damit zusammen, dass sie Unsicherheit nicht eingestehen.

Das Gespräch führten Ralph Bollmann und Rainer Hank.

Quelle: F.A.Z.
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