Herr Brook, sind Sie nach Fukushima noch Anhänger von Atom-Energie?
Oh ja, absolut.
Das Unglück beeindruckt Sie nicht?
Nein. Die Welt muss sich unabhängig von fossilen Energien machen, und ein sicherer Weg dazu ist ganz klar die Atomenergie.
Seit einer Woche kämpfen die Japaner darum, ihre Unglücksreaktoren unter Kontrolle zu bringen. Beweist das nicht, dass diese Energieform zu gefährlich ist?
Nukleare Energie birgt ein extrem geringes Risiko für die Bevölkerung. Dafür ist Japan der beste Beweis: Dort ereignete sich ein Beben von historischer Schwere und eine Flutwelle gigantischer Ausmaße. Trotzdem haben die Kraftwerke bisher kein einziges Menschenleben gefordert.
Die Arbeiter im Werk dürften schwere Strahlenschäden davon tragen. Und im entfernten Tokio misst man erhöhte Strahlenwerte.
Wie gesagt, der Bevölkerung droht zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Gefahr - abgesehen vom der Zusammenbruch ihrer Stromversorgung. Die Strahlung durch Gase aus den Reaktoren lag in Tokio nur kurzzeitig im zehnfachen Bereich des Normalen. Wenn diese Strahlenbelastung dreißig Tage konstant bleibt - und wie gesagt, sie ist schon gefallen - wäre gerade die Belastung erreicht, der ein normaler Menschen in einem Jahr ausgesetzt ist. Wir reden also über eine extrem geringe Gefahr, die sich nur mit extrem geringer Wahrscheinlichkeit verwirklicht.
Leider zeigte sich, dass auch Industriestaaten extrem wenig Kontrolle über diese Energie haben.
Angesichts der Naturgewalt bin ich beeindruckt, wie gut die Kontrolle war. Jetzt ist die Situation stabil, ohne dass sich das worst-case-Szenario nur ansatzweise verwirklicht hat. Und es stand trotz aller Panik zu keinem Zeitpunkt unmittelbar bevor.
Wir wissen doch nur nicht, was genau in Fukushima passiert ist. Regierung und Betreiber vernebeln die wahre Situation.
Wenn Sie argumentieren, dass Informationen fehlen - wieso sind Sie dann so sicher, dass Ihre Risikoanalyse stimmt?
Selbst wenn sie falsch ist gilt: ein winziges Risiko kann einen gewaltigen Schaden verursachen.
Mich wundert, dass immer nur über abstrakte Risiken und unbekannte Wirkungen gegrübelt wird. Dabei ist in Japan soeben ganz konkret eine große Öl-Raffinerie explodiert. Dabei sind Dutzende Menschen gestorben und über den umliegenden Gebiete hängt eine Wolke aus giftigen Gasen. Diese Wolke hat die Gesundheit der Bewohner unvergleichlich mehr geschädigt als alle Strahlenfolgen.
Eine Kernschmelze hätte unvergleichlich mehr Lebewesen unvergleichlich länger geschädigt.
Wenn Sie die menschlichen Kosten aller Energieformen vergleichen, ist die Nuklearenergie die sicherste und umweltschonendste. Allein die Null-Risiko-Windkraft kostet jedes Jahr Menschenleben, weil Arbeiter bei der Wartung abstürzen. Zahllose Menschen sterben infolge der Erzeugung fossiler Energien, ganz zu schweigen von den Opfern durch Kohlendioxidemissionen, Dürren und Fluten. Japan hatte über Jahrzehnte eine sichere, emissionsfreie Versorgung. Das Land sollte die Vorteile nicht wegen eines Jahrtausendereignisses opfern.
Tschernobyl ist keine 1000 Jahre her. Die Gesellschaft muss sich doch fragen: Können wir uns eine Energie leisten, die alle 20 Jahre eine Katastrophe anrichtet?
Moment, der Schaden in Japan ist nicht im geringsten vergleichbar mit Tschernobyl. Die Ursache von Fukushima war auch kein menschliches Versagen. Ganz anders Tschernobyl, dessen Reaktor schlecht designt und schlampig gewartet war.
Wie bewerten Sie die Medienberichte über Japan?
Sie sind sehr unausgewogen. Über Fukushima gibt es minütlich Meldungen. Dagegen fallen die Berichte über die Tragödie, die das Erdbeben angerichtet hat - bald 20.000 Tote, Millionen Menschen ohne Obdach, verzweifelte Familien, zerstörte Infrastruktur – völlig ab. Ich frage mich, ob das den Japanern nicht zynisch vorkommt.
Aus Ihrer Sicht gibt es nichts zu lernen aus Fukushima?
Alle Staaten, die Atomenergie nutzen oder es planen, können lernen, wie sie ihre Reaktoren noch besser gegen so außergewöhnliche Naturereignisse sichern und an der Reaktorkühlung arbeiten. Aber ich garantiere, kein Staat wird sich wegen Fukushima von der Kernenergie verabschieden. Okay, das heißt: bis auf Deutschland.
Hat unsere Regierung überreagiert?
Sie hat jedenfalls heftiger reagiert als alle anderen. Sogar Großbritanniens Regierung plant weiterhin neue Meiler. Auch China hat den Bau seiner 26 neuen Reaktoren nicht ganz gestoppt, sondern prüft nur, wie sie an Erkenntnisse aus Japan angepasst werden müssen.
Deutschland passt sich eben an die Erkenntnis an, dass die Energie unkontrollierbar ist.
Die Situation in Deutschland ist unverändert. Große Beben und Tsunamis haben Sie selten, oder?
Bei uns könnte ein Flugzeug auf ein AKW stürzen. Oder es passiert etwas heute Unvorstellbares.
Man kann sich bei der Atomenergie auf nahezu alle Eventualitäten vorbereiten. Aber es gibt keine 100 Prozent risikofreie Technologie. Wenn Ihre Mitbürger das minimale Risiko der Atomenergie scheuen, müssen sie das große Risiko fossiler Energien eingehen. So einfach ist das.
Deutschland setzt im großen Stil auf erneuerbare Energien.
Mit Solarstrom und Windkraft schafft ein industrielles Land mit hohem Energiebedarf die Wende nicht.
Wir erzeugen so viel Öko-Strom, dass wir ihn exportieren müssen.
Davon darf man sich nicht täuschen lassen. Sie können diese Mengen nicht so verwalten, dass fossile oder atomare Energiequellen ersetzbar wären. Deutschland sollte weiter machen mit Forschung und Entwicklung in diesem Bereich. Aber ich warne davor, zu glauben, man könnte alle AKW abstellen, weil es so viele Windräder gibt. Das ist ein Irrglaube.
Windräder und Solarzellen schützen das Klima wie ein AKW.
Das leider auch nicht. So viel Deutschland in grüne Energieformen investiert hat – im Saldo sind Ihre Emissionen deshalb nicht gesunken. Sie müssen die Kohlekraftwerke dicht machen, nur das hilft.
Hilft es, wenn die Kanzlerin auf saubere Kohlekraftwerke setzt?
Die gibt es, aber sie sind furchtbar ineffizient. Dafür müssten Sie im großen Stil Kohle importieren. Übrigens sollte Deutschland auch dringend seine Abhängigkeit von Gas verringern. Von den Emissionen abgesehen: Sie sind mehr als andere Staaten Westeuropas abhängig von russischen Lieferungen und vom Ölpreis, an den der Gaspreis gekoppelt ist.
Uran muss uns auch irgendwer liefern.
Auf die Dauer werden die Verbrennungsmethoden und das Recycling so effizient, dass die Versorgungslage außer Vergleich zu Gas und Kohle steht.
Vor Fukushima nannte unsere Regierung Atomkraft eine Brückentechnologie. Hätte das geklappt?
Als Brücke wohin? Jedes Land muss ausrechnen, welcher Energie-Mix sich lohnt. In Deutschland wird es nie genug Sonne für eine stabile Stromversorgung das ganze Jahr über. Wenn die Deutschen partout von Öko-Energie leben möchten, klappt das nur mit Windkraft. Dazu müsste man Ihre ganze Küste mit riesen Parks bepflastern, Sie bräuchten gewaltige Speicherkapazitäten, die Sie in die Natur bauen müssten. Oder Sie kaufen Sonnenstrom aus Nordafrika. Aber wie man sieht, ist diese Region politisch nicht arg stabil.
Kurz: Bloß kein Atomausstieg?
Deutschland muss neue Kernkraftwerke bauen, wenn es seine Wirtschaft in Gang halten und das Klima retten will.
Sagen Sie das mal in einer deutschen Talkshow. Da kämen Sie nicht heil wieder raus.
Mir ist bewusst, dass diese Debatte bei Ihnen sehr emotional geführt wird. Wohl so emotional wie nirgends sonst.
Vielleicht überschätzen nicht wir die Gefahr der Atomkraft, sondern Sie den Klimawandel?
Nun ich beschäftige mich den ganzen Tag mit nichts anderem. Selbst wenn ich falsch läge, müssten Anhänger fossiler Energien erklären, wo auf der Welt sie Kohle, Öl und Gas langfristig finden wollen. Wer verkauft sie, für welchen Preis?
Wer hier für Atomkraft ist, gilt als umweltfeindlich. Sie argumentieren mit ökologischen Argumenten für Kernkraft. Wer hat Recht?
Ich war nie ein großer Gegner der Kernenergie, aber lange auch kein Befürworter - bis ich mich wissenschaftlich mit dem Klimawandel beschäftigt habe. Ich habe die Folgen aller Energieformen für Menschen, Tiere, Pflanzen und Luft studiert und meine Linie wurde immer klarer. Mein Motiv ist ökologisch. Grüner als ich kann man kaum sein. Die meisten angelsächsischen Klimaforscher sind übrigens starke Atomkraftbefürworter.
Dann sind unsere Grünen also nicht grün genug?
Ich glaube, sie haben eine falsche Idee von Nachhaltigkeit. Moderne Atomreaktoren hinterlassen winzige Spuren in der Natur verglichen mit Windparks, Solaranlagen und Pumpspeicherwerken, von denen diese Umweltschützer träumen.
Atommüll hinterlässt Spuren über Tausende von Jahren.
Ja, das gilt leider für Abfall wie aus Ihren älteren Meilern. Mit modernen Technologie („fast reactor technolgy“) wird der Brennstoff kontinuierlich recycelt. So lässt sich Uran und Plutonium viel effizienter nutzen, infolgedessen sinkt die Strahlung der Abfälle rapide. Abfälle aus „fast reactors“ müssen nicht 100.000 Jahre lagern, sondern 300. Dann strahlen sie nicht mehr als ein Felsbrocken.
Sie reden über zukünftige Dinge?
Nein, die Technik ist im Einsatz in den Vereinigten Staaten. Indien eröffnet gerade den ersten Reaktor dieser Art, China baut zwei.
Das befreit uns nicht von dem Atommüll, den wir schon haben.
Mit dieser Technologie lassen sich auch alte Brennstäbe aufbereiten, die dann wieder nutzbar wären.
Der grüne Atomfreund
Professor Barry Brook ist Australiens führender Umweltforscher. Er ist Direktor für Klimawissenschaften am Umweltinstitut der Universität in Adelaide. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Brook als Blogger bekannt; Bravenewclimate.com heißt seine Internet-Plattform, auf der er zur Zeit nahezu täglich nüchterne Updates über die Situation der Kernkraftwerksblöcke im japanischen Fukushima veröffentlicht. Brooks gehört zu den international bekanntesten Klimaschützern, die sich wie viele seiner britischen und amerikanischen Fachkollegen für den Ausbau der Kernenergie stark machen. Er hält Kohlekraft für gefährlich, was im Kohleland Australien nicht nur auf Zustimmung stößt.
ein Australier, der Kernkraft mag, soso....
(de.simonsito)
- 19.03.2011, 17:48 Uhr
Danke für dieses Interview
Heinrich Ilsen (Ilsenheinz)
- 19.03.2011, 19:12 Uhr
@Wege
Bernhard Sporkmann (bsfaz)
- 19.03.2011, 19:15 Uhr
Wie es wohl dauert, die Sonnenenergie
Chi Tamago (tamago)
- 19.03.2011, 19:22 Uhr
so muss ein Öko sein
Jim Greek (Jos_Vik)
- 19.03.2011, 19:32 Uhr